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Altenburger Geschichte als großes Theater – niemand schämt sich seiner Tränen

Cohn Bucky Levy Altenburger Geschichte als großes Theater – niemand schämt sich seiner Tränen

Die neueste Schauspielproduktion des Altenburg-Geraer Theaters „Cohn Bucky Levy – der Verlust“ erzählt die Geschichte einer einst anerkannten jüdischen Kaufmannsfamilie in Altenburg, die dann von den Nazis enteignet, vertrieben und teilweise ermordet wurde. Das Stück erlebte jetzt seine emotionale und ergreifende Premiere an Originalschauplätzen.

Aufstellen zum Familienfoto der Cohn, Buckys und Levys: die Schauspieler Christiane Nothofer, Shair Kabaha, Ökuy Oktay, Mechthild Scrobanita, Peter Prautsch und Ioachim Zarculea (v.l.)

Quelle: Jens Paul Taubert

Altenburg. Mechthild Scrobanita tritt mit leerem und zugleich entsetztem Blick vors Publikum. „Marianne Bucky“, sagt die Schauspielerin über die Frau, der sie in den zurückliegenden zweieinhalb Stunden Stimme und Gesicht gegeben hat, „wird 1943 in Amsterdam verhaftet und nach Sobibór deportiert. Ihre Leiche wird nach während der Fahrt aus dem Zug geworfen.“ Scrobanita nimmt den Stein, der wie auf jüdischen Grabmälern üblich für jedes ermordete Familienmitglied der Cohns, Buckys und Levys zum Ende des Stücks eigentlich auf dem Fußboden abgelegt wird, und lässt ihn im Hinausgehen auf den kalten Beton knallen. Es war der wohl emotionalste Moment einer in Gänze emotionalen und außergewöhnlichen Inszenierung.

Die neueste Schauspielproduktion des Altenburg-Geraer Theaters „Cohn Bucky Levy – der Verlust“ erzählt die Geschichte einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Altenburg, die sich seit Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1930er-Jahre große Anerkennung in der Stadt erworben hat und dann enteignet, vertrieben und teilweise ermordet wurde.

Schauspieldirektor Bernhard Stengele, der sich mit dieser Inszenierung nach fünf Jahren aus Altenburg und Gera verabschiedet, hat sich entschieden, die Geschichte an Originalschauplätzen spielen zu lassen und Deutsche, Israelis, Palästinenser, Rumänen und Türken – und damit Atheisten, Christen, Juden und Muslime – in einem internationalen Darstellerensemble zu vereinen. Auch das Autorenensemble ist international: Neben Mona Becker, die schon mit Stengeles erster großer, regional verhafteter Produktion „Die im Dunkeln“ für Furore sorgte, zeichneten auch die Israelin Gabriela Aldor und der Palästinenser Mahmoud Abo Arisheh für das Script verantwortlich. Zwei Theater aus Tel Aviv sind Partner des Projekts.

Theatrale Stadterkundung nennt Stengele sein Schauspiel und startet am Markt 23 (bis vor kurzem eine Apotheke), wo Marianne, Selma und Philippine Cohn 1890 ihren ersten Laden für Wolle und Damenkonfektion eröffneten. Die noch etwas unsortiert wirkende Eingangssequenz mündet alsbald in herrlicher Action mitten auf dem Markt. Die Hochzeit von Marianne und Sally Bucky, die Geburt ihrer drei Kinder und die Entwicklung des kleinen Geschäfts M. & S. Cohn zum großen Kaufhaus in der Sporenstraße produziert so manchen herzlichen Lacher. Die Fröhlichkeit der Familie steckt an. Sie wird auch beim Publikum alsbald der Trauer und dem blanken Entsetzen weichen.

Denn kurz nach der Hochzeit von Bucky-Tochter Franziska mit dem damaligen Geschäftsführer im Familienunternehmen Albert Levy bricht der Erste Weltkrieg los, in den Albert Levy und Hans Bucky als Soldaten ziehen müssen oder wollen. Die Szenen im Hof des Paul-Gustavus-Hauses – das Gebäude in der Wallstraße, von 1914 bis 1920 das Zuhause der Familie Levy, ist der zweite Originalschauplatz – lassen die Grausamkeit des Krieges greifbar werden. Doch es sollte noch schlimmer kommen.

Mitten in ein Familientreffen in der Bibliothek im ersten Stock des Gustavus-Hauses hallen von der Wallstraße aus im Stakkato die Sprechchöre „Deutschland den Deutschen“ und „Juden raus“. Dramaturgisch derart auf den Punkt gebracht, dass Schauspieler Peter Prautsch in der Rolle von Sally Bucky nach der Premiere bekannte: „Mit dem direkten Blick auf die Nachfahren der Familie in der ersten Reihe der Zuschauer habe ich mich geschämt. Ich hoffe, dass wir uns nie wieder schämen müssen.“ Und auch ein Laiendarsteller aus der Altenburger Mitspielerakademie, deren Mitglieder unter anderem den braunen Mob mimten, erklärte, dass ihnen diese Szene alles andere als leicht gefallen sei, sie viel darüber gesprochen haben.

Stengele wartet neben den ungewöhnlichen Spielorten, neben starken Bildern und Szenen noch mit einer weiteren Besonderheit auf: Er lässt die Schauspieler aus ihren Rollen treten. Christiane Nothofer schreit die niederschmetternde Erkenntnis, dass ihr Großonkel in der NS-Zeit Gauleiter und glühender Verehrer von Adolf Hitler war, förmlich aus sich heraus. Eine palästinensische Schauspielerin berichtet von der jahrzehntelangen Flucht ihrer Familie und der Israeli Kfir Livne-Amram von seinen Erfahrungen als Offizier in der Armee. Das alles in minimalistisch hergerichteten Räumen oder den dunklen und nassen Kellern das Hauses (Ausstattung Marianne Hollenstein).

Am Schluss finden alle noch einmal zusammen, um an das Schicksal der Protagonisten des Stück zu erinnern. Nur vier von zwölf haben den Holocaust überlebt. Beide Seiten, Schauspieler und Zuschauer, ringen in einer totenstillen Halle um Fassung. Beide Seiten schämen sich ihrer Tränen nicht. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bevor Beifall aufbrandet und in Standing Ovations mündet.

Neben den schon angekündigten Zusatzvorstellungen am Dienstag, 23.Mai, und am Dienstag, 30. Mai, hat das Theater der großen Nachfrage wegen eine weitere für Sonntag, 28. Mai, ins Programm genommen. Beginn ist jeweils 19.30 Uhr, Treffpunkt am Markt 23. Karten gibt es an der Theaterkasse (Tel. 03447 585177) oder in der Altenburg-Information (Tel. 03447 574842). Hier öffnet an den Spieltagen auch die Abendkasse. Online buchen unter www.tpthueringen.de.

Von Ellen Paul

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