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Region Altenburg Altenburger Jobcenter will Minijobs eindämmen
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00:21 03.08.2017
Heike Praetz (links) und Silke Wesser haben die Ausstellung im Jobcenter aufgestellt, wo sie ab Montag für eine Woche zu sehen ist. Quelle: Mario Jahn
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Altenburg

Atypische Beschäftigung, prekäres Anstellungsverhältnis, Niedriglohn-Job: Es gibt viele Begriffe für das, was so manchen Arbeitnehmer im Altenburger Land unfreiwillig in finanzielle Engpässe treibt. Insbesondere Minijobs sehen inzwischen auch Jobcenter und Arbeitsagenturen kritisch – speziell dort, wo sie sich für Betroffene als Sackgasse erweisen. Und wollen deshalb in den nächsten Wochen in einer konzertierten Aktion für Alternativen werben.

Teil eins dieser Offensive ist eine Wanderausstellung im Foyer des Jobcenters in Altenburg, die anschaulich und beispielhaft die rechtliche Situation der Minijobbenden beleuchten soll, einschließlich der Risiken und Kosten, die damit verbunden sind. An diesem Montag wird die Schau eröffnet, bis zum Freitag ist sie zu sehen.

Teil zwei bedeutet vor allem persönliche Gespräche – mit Unternehmern. „Das Jobcenter verstärkt seine Aktivitäten, die Umwandlung von Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu unterstützen“, berichtet Silke Wesser, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt im Jobcenter. „Die gute Arbeitsmarktlage und der Fachkräftebedarf der Unternehmen bieten gerade jetzt beste Voraussetzungen, um mehr daraus zu machen.“ Zahlreiche Unternehmen mit Mitarbeitern, die ausschließlich per Minijob Geld verdienen und parallel Hartz-IV-Leistungen beziehen, sollen kontaktiert werden.

Und das sind nicht wenige. Die auf wenige Wochenstunden reduzierte Beschäftigung mit maximal 450 Euro monatlicher Vergütung hat sich in den vergangenen Jahren im Landkreis fest etabliert. Wie aus der aktuellen Statistik der Bundesagentur für Arbeit hervorgeht, arbeiten Minijobber vor allem im Handel und im Gastgewerbe sowie im Gesundheits- und Sozialwesen. Auch in Reinigungsdiensten, im Bau- und Verarbeitenden Gewerbe sind Minijobs verbreitet. Wobei nicht jeder, der geringfügig beschäftigt ist, in einer beruflichen Zwangslage steckt. Die meisten der insgesamt gut 2500 Minijobber, die Ende 2016 im Landkreis aktiv waren, kommen ohne Hartz IV aus, sind zum Beispiel Studenten oder Rentner oder verdienen sich am Ende zum guten Gehalt des Ehepartners nur etwas hinzu.

Bei etwa 840 Frauen und Männern allerdings lässt die Agentur-Statistik ernsthafte Schwierigkeiten vermuten, weil sie ihr Einkommen mit Geld vom Staat aufstocken müssen und der Minijob der einzige Verdienst ist. Rund 260 von ihnen sind älter als 54 Jahre. Viele von ihnen stehen schon seit Langem in der Leistungsempfänger-Datei des Jobcenters.

„Ursprünglich waren die Minijobs ein nützliches Instrument. Als die Arbeitslosenzahlen in Deutschland noch deutlich höher waren als heutzutage, sollte die geringfügige Beschäftigung Betroffenen helfen, in Unternehmen zunächst mal Fuß zu fassen – in der Hoffnung, dass sich daraus später ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis entwickelt. Doch leider“, stellt Silke Wesser fest, „ist es in vielen Fällen beim Minijob geblieben. In Zeiten des Fachkräftemangels und demografischen Wandels sollten die Betriebe aber ein Interesse haben, diese langjährigen Mitarbeiter stärker an sich zu binden. Und mitunter kann es sogar steuerlich günstiger sein, einen Vollzeitbeschäftigten zu bezahlen anstelle von zwei Minijobbern.“

Auch die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) sieht die 450-Euro-Jobs kritisch. Und nicht nur die. Auch Teilzeit- und Leiharbeit prägen den Arbeitsmarkt im Landkreis, ebenfalls sogenannte atypische Beschäftigungen. IG-BAU-Bezirkschef Frieder Neudeck spricht von einem Alarmsignal an die Politik: „Es kann nicht sein, dass wir einerseits einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben, aber andererseits so viele Menschen in prekären Verhältnissen arbeiten.“

Laut einer Erhebung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, die auf Daten der Arbeitsagentur basiert, arbeiteten im Vorjahr rund 7900 Menschen im Altenburger Land in Teilzeit. Weitere 780 waren als Leiharbeiter angestellt. Damit ist etwa ein Viertel aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Landkreis von Leiharbeit oder Teilzeit betroffen. Zwar ist davon auszugehen, dass viele Teilzeitverträge auch auf Arbeitnehmerwunsch geschlossen wurden, doch die Regel ist das nicht. Schließlich gab es 2016 im Landkreis 600 Personen, die trotz Teilzeitjob Hartz IV beziehen mussten. Laut Böckler-Stiftung hat die Zahl der Teilzeit-Beschäftigten im Landkreis seit 2011 kontinuierlich zugenommen – um etwa 44 Prozent.

„Vor allem Frauen sind betroffen“, weiß Silke Wesser. Immerhin: Die Zahl der Minijobs im Landkreis blieb im gleichen Zeitraum relativ konstant. Doch das erklärte Ziel ist nun, sie zu senken.

Informationen zu Fördermöglichkeiten erhalten Unternehmen beim Jobcenter unter der Servicenummer 03447 580666.

Von Kay Würker

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