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Altenburger Kita-Prozess: Zwei Paukenschläge

Altenburger Kita-Prozess: Zwei Paukenschläge

So wie der erste begann auch der zweite Prozesstag mit einem Paukenschlag. Der Vorsitzende Richter Sandy Reichenbach zeigte sich noch vor Verhandlungsbeginn darüber erschrocken und besorgt, wie die Medien über den Kita-Prozess bislang berichtet hatten.

Entgegen seiner Auflage seien Videos im Fernsehen ausgestrahlt worden, ohne die Gesichter der Angeklagten unkenntlich zu machen. Reichenbach bezog sich ebenso auf die OVZ, in der die Frauen trotz eines Balkens über den Gesichtern dennoch zu erkennen gewesen sein sollen. Die mediale Präsenz bezeichnete er als enorme Belastung für die Beschuldigten. Er machte deutlich, dass sich dieser Umstand bei einer Verurteilung als strafmildernd auswirken könnte. Am Ende der Sitzung setzte Reichenbach ein weiteres Ausrufezeichen.

 

Zu Beginn wurde jene Praktikantin in den Zeugenstand gerufen, die im Herbst 2012 die Vorfälle in der Altenburger Kindertagesstätte "Spatzennest" aufgedeckt hatte. Sara A. erneuerte dabei ihre Aussagen, wonach Kinder mit Gewalt gefüttert wurden. Dabei sei der Unterkiefer nach unten und der Kopf nach hinten gedrückt worden, worauf sich die Kleinen beim Füttern erbrochen hätten. Auf den Boden gefallene Speisen seien wieder auf den Teller gelegt worden. Die Zeugin bestätigte ebenso die Praxis, wonach Kinder in eine mit zwei verknoteten Windeln fixierte Decken gewickelt wurden. Auch die Tücher kamen zur Sprache, die nicht nur über die Augen, sondern über das gesamte Gesicht gelegt worden seien. Ein behindertes Kind habe deshalb Atemnot bekommen, weshalb sie bei ihrer Schlafwache Hilfe rufen musste, weil sie die Windeln nicht aufbekam.

 

Als äußerst schwierig erwies sich jedoch, den Erzieherinnen die ihnen konkret zur Last gelegten Taten an den jeweiligen Opfern zuzuordnen. Sara A. hatte ihr Praktikum vom 8. bis 19. Oktober 2012 absolviert, und zwar in jener Gruppe, die von drei der vier Beschuldigten betreut wurde. Am Mittwoch ordnete die Zeugin im Gerichtssaal Gabriele T. die Zwangsfütterung eines Kindes zu, für die die Beschuldigte aber nicht angeklagt ist. In ihrer Vernehmung im Herbst 2012 hatte die Praktikantin noch Birgit J. belastet. Wer es nun wirklich war, daran konnte sich Sara A. gestern nicht mehr erinnern. "Es ist so lange her", sagte sie. Sicher war sie sich nur bei Gabriele T., die sie einmal bei der Windelpraxis beobachtet habe. Denn die eingewickelten Kinder habe sie erst zur Schlafwache gesehen, meist aber nie, von wem sie eingeschnürt wurden. Ob die von ihr angefertigten Fotos eventuell manipuliert wurden, wie dies die Verteidigung anklingen ließ, kam bei der Befragung gestern nicht zur Sprache.

 

Dafür jedoch die erschütternde Aussage einer Mutter, die die umstrittene Windelfixierung in Zusammenhang mit der psychischen Erkrankung ihres Kindes brachte und dies mit der Aussage einer Ärztin begründete. So sei es ein Jahr lang Nacht für Nacht schreiend, zitternd und strampelnd aufgewacht, habe nicht zugelassen, dass sie sich zu ihm lege und es umarme. "Sie können sich sicher vorstellen, wie schwer das für eine Mutter ist", sagte die Zeugin.

 

Ob es diesen Zusammmenhang gibt, könnte ein Gutachter bestätigen oder widerlegen, der kommenden Montag aussagt.

 

Die Befragung von zwei weiteren Praktikantinnen konnte die Anklagepunkte kaum erhärten, da sie sich über zwei Jahre nach den Vorfällen nicht mehr genau erinnern konnten. Bei der polizeilichen Vernehmung im Herbst 2012 hatten sie die Angeklagten jedoch noch belastet.

 

Für Richter Sandy Reichenbach hatte sich am Ende der gestrigen Beweisaufnahme das Ausmaß der Vorwürfe in diesem Umfang nicht bestätigt. "Sie können etwas beruhigter nach Hause gehen", meinte er zu den Angeklagten.

Jens Rosenkranz und Jenifer Hoc

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