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Archäologische Studie: Den Altenburger Kirchen ins Dachstübchen geschaut

Kunsthistorie Archäologische Studie: Den Altenburger Kirchen ins Dachstübchen geschaut

Bauforscher Lutz Scherf hat ein neues Buch veröffentlicht. Thema: Die Bauweise von Dächern und Decken in Kirchen und Wohnhäusern Ostthüringens. Die Besonderheit in Altenburg und Umgebung: In Kirchen und Wohnhäusern wurden bis zum 18. Jahrhundert keine Tonnengewölbe, sondern profilierte Holzbalken in Dächern und Decken verbaut.

Kunsthistorischer Rückblick: Bauforscher Lutz Scherf mit der eben veröffentlichten Broschüre über die Kirchendachwerke in Ostthüringen.

Quelle: Mario Jahn

Altenburg. Altenburg und Ostthüringen sind um eine Studie reicher, die sich mit der kunsthistorischen Aufarbeitung ihrer Bauwerke befasst. Das nun im Reinhold Verlag veröffentlichte Werk trägt den Titel „Kirchendachwerke und profilierte Holzbalkendecken in Ostthüringen“ und beschäftigt sich laut Autor Lutz Scherf „mit der Datierung, Ausbildung der Holzprofile, den verwendeten Hölzern und der Handwerkskunst bei Dächern in Kirchen und städtischen Häusern der Region“.

Laut Landeskonservator Holger Reinhardt ist es eine „erste systematische Aufarbeitung der Zimmermannskunst und baulichen Gestaltung der Dachfachwerke mit dem Werkstoff Holz in Ostthüringen.“ Mit der Studie werde eine Forschungslücke geschlossen.

Profilierte Holzbalken statt Tonnengewölbe

Der 47-jähriger Scherf, seit 1995 freiberuflicher Bauforscher in Silbitz, untersuchte im Auftrag des Thüringer Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie (TLDA) acht Jahre lang 41 Dachwerke in Altenburg und Umgebung. Die Gebäude wurden zufällig ausgewählt – Scherf nahm Dächer und Decken von Gebäuden erst nach Anmeldung geplanter Bauvorhaben unter die Lupe, die wegen ihres stattlichen Alters die Denkmalbehörde auf den Plan riefen.

Sein Fazit: „In Ostthüringen wurden üblicherweise keine hölzernen Tonnengewölbe als Dachwerk verbaut, wie sie in anderen Regionen Thüringens sehr häufig zu finden sind.“ In anderen Landstrichen sei die Decke eher verputzt worden und Stuckwerk zum Einsatz gekommen. Weiteres Charakteristikum: die profilierten Holzbalkendecken, die es zwischen 1450 bis 1750 nur in Altenburg und Region gab. Das klassische Unterbindehaus wurde außerdem nicht nur in Kirchen verbaut, sondern auch in städtischen Häusern der Bürgerschaft.

Älteste Dachwerke in Bürgerhäusern gefunden

Das Überraschende: Die ältesten Holzdecken und Dächer fand der Bauforscher nicht in den Kirchen, sondern in den Bürgerhäusern vor 1500. Mit im Band aufgeführt ist das Haus im Brühl Nummer 2 in Altenburg, in das der Kulturbund eingezogen ist. „Da gibt es eine Stube von 1494 mit einer profilierten Holzbalkendecke, die zu dieser Zeit Standard war.“ Während diese Dachbauweise in den Wohnhäusern oft schlichterer Natur war, seien Decken und Dächer in den Kirchen aufwendiger und farbenfroher gestaltet worden. „Das Konstruktionsprinzip kommt aber von den Profanbauten.“

In Altenburg habe es im Mittel- und Spätmittelalter zudem ein reiches Bürgertum gegeben, das es sich leisten konnte, solche Balkendecken vom hiesigen Handwerk bauen zu lassen. Die Gestaltung der Kirchenräume wiederum habe dem Selbstverständnis der Kirche im ländlichen Raum zu jener Zeit entsprochen. „Der alltagsfromme Altenburger Bauer wollte sich im kirchlichen Gebetsraum heimisch fühlen und hat als Gemeindemitglied die Baugestaltung maßgeblich mitbestimmt.“ In Großstädten sei diese Einflussnahme schwieriger gewesen und sei die Dach- und Deckenbauweise eher von der Obrigkeit beschlossen worden. In Scherfs Werk werden die Konstruktionstypen von Kirchen und Bürgerhäusern nebst Grundrissen im Anhang abgebildet.

Dächer und Decken geben Einblick in die Geschichte

Für den Autor ist die Studie der Dachbauweisen „ein Blick in die Geschichte der Region.“ Nirgendwo besser könne man die bauliche Entwicklung besser ablesen, als am Dachwerk der Gebäude. „Ein Kirchensaal wird alle 50 Jahre umgestaltet, doch in dem Dachwerk von 1320 hat der Zimmermann zum letzten Mal den Nagel hineingeschlagen und kann man alte Spuren lesen.“ Die Untersuchungen seien jedoch oft problematisch, da viele Holzbalkendecken heute nicht mehr sichtbar, weil zugeputzt seien.

Scherfs Favorit aus dem Altenburger Land ist die Kirche in Illsitz – sie ist auch auf dem Titel des Buchs abgebildet. „Anstelle einer klassischen profilierten Holzbalkendecke, hat man hier eine farbige Felderdecke mit profilierten Zierleisten angebracht und wurden Emporen eingebaut.“ Besonders schön sei das alte Dachwerk über dem Kirchensaal.

Das Buch mit einer Auflage von 500 Exemplaren hat 108 Seiten und ist für 15 Euro im Buchhandel zu bestellen.

Von Oliver Becker

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