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Altenburg Asyl-Debatte in Altenburg mit scharfen Tönen
Region Altenburg Asyl-Debatte in Altenburg mit scharfen Tönen
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18:01 12.10.2016
Gut besucht war die Asyl-Debatte in der Wenzelsporthalle. Quelle: Jens Paul Taubert
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Altenburg

Irgendwann reichte es ihm. „Scheiß Populismus“, schrie Manuel Struffolino durch die Wenzelsporthalle, sprang auf und fiel dabei fast hin. Begleitet von lautstarker Häme lief er fluchend zum Ausgang. „Zu gehen ist keine Lösung“, rief ihm Altenburgs Oberbürgermeister Michael Wolf (SPD) hinterher. Und tatsächlich: Der Schauspieler des Altenburg-Geraer Theaters kehrte wenig später zurück. Der Grund, warum Struffolino am Dienstagabend bei der Einwohnerversammlung zur Asylproblematik in Altenburg-Nord die Beherrschung verlor, war ein Vorredner. „Ich arbeite acht Stunden am Tag und die bekommen alles in den Arsch geschoben“, hatte der ebenfalls hoch erregte junge Mann gesagt.

Dieses Statement, Struffolinos Aussetzer und die dazwischen nicht minder hitzig vorgetragene Forderung eines weiteren Teilnehmers, dass man die pauschale Schmarotzer-Aussagen doch entgegentreten müsse, waren der emotionale Höhepunkt der über zweistündigen Veranstaltung. Auch wenn sich zuvor bereits Schauspieldirektor Bernhard Stengele gegenüber SPD-Kreistagsfraktionschef Dirk Schwerd im Ton vergriffen hatte, von einem Nachbarn am Ärmel gehalten werden musste und die Atmosphäre insgesamt aufgeladen war, verlief das Ganze doch in geordneten Bahnen. Für Sicherheit in der Halle sorgten Helfer und im Wohngebiet standen laut OVZ-Informationen ausreichend Polizisten bereit, die sich jedoch im Hintergrund hielten.

Knapp 500 Leute waren OB Wolfs Ruf in die Otto-Dix-Straße gefolgt, um mit ihm, Landrätin Michaele Sojka (Linke), ihrem Stellvertreter Matthias Bergmann, der Integrationsbeauftragten Ivy Bieber und Sozialarbeiterin Clara Wusthoff über die Probleme, Sorgen und Ängste bezüglich der Konzentration von Flüchtlingen in ihrer Nachbarschaft zu sprechen. Viele nutzten die Chance, ihrem Ärger über massive Vermüllung und ruhestörenden Lärm bis in die Nachtstunden Luft zu machen. Die Probleme, über die die OVZ seit Frühjahr 2015 immer wieder berichtete, hatte das Landratsamt bisher entweder gänzlich bestritten oder als übertrieben dargestellte Einzelfälle abgetan.

So beschrieb am Dienstag etwa ein Schichtarbeiter, der 4.30 Uhr aufstehen muss und direkt gegenüber einer Asylunterkunft wohnt, seine Leiden durch Lärm: Neben Schlafmangel könne er kein Fenster mehr öffnen und seinen Balkon nicht mehr nutzen.

Noch mehr Beifall erntete Kai Trussat. „Es kann nicht sein, dass wir immer erst einen Schreier loslassen und anrufen müssen, wenn etwas passiert“, sagte der kaufmännische Vorstand der Wohnungsgenossenschaft Altenburg-Glashütte (WAG) in Abstimmung mit der Altenburger Wohnungsgenossenschaft (AWG), die zusammen 40 Prozent der etwa 7000 Einwohner Nords beherbergen. Zum Müllproblem meinte er: „Die vier Sozialarbeiter laufen da lang und sehen es nicht? Das funktioniert so nicht!“

Seit der ersten Unterschriftensammlung im Juli 2015 hätte sich alles zum Schlechteren entwickelt, erklärte Trussat weiter. „Auf einem Quadratkilometer in Nord gibt es mehr Flüchtlinge als im Saale-Holzland-Kreis oder Sömmerda.“ Er könne inzwischen kein homogenes Wohnumfeld und eine gesunde Mischung mehr garantieren. „Die Gutverdiener ziehen weg und es bleiben nur noch Leistungsempfänger. Das können wir nicht länger dulden. Dass Leute Angst und Sorgen vor Überfremdung haben, ist legitim.“

Darauf antwortete Michaele Sojka: „Die Ängste und Sorgen nehme ich ernst.“ Zudem bestätigte sie, dass die AWG ihr Angebot über 400 000 Euro für einen Block in der Ludwig-Hayne-Straße, in dem eine betreute und bewachte Gemeinschaftsunterkunft entstehen sollte, abgelehnt hat. Dafür gab es spontanen Applaus. „Aber das war nie zusätzlich geplant, sondern anstatt.“

Mit zunehmender Dauer der Diskussion und weiteren Beispielen räumte die Landrätin immer mehr die angeprangerten Missstände wie etwa Stromverschwendungen ein, und bat wiederholt darum, bei Problemen Ivy Bieber zu kontaktieren. Zudem will sie mit dem Abfallentsorgungsbetrieb wegen des Mülls sprechen. Abgesehen davon versprach sie Besserung für Nord durch eine Umverteilung der Flüchtlinge. So werden die Wohnungen an der Glashütte bis Jahresende vollständig entmietet und die Flüchtlinge in Altenburg anders verteilt. Demnach soll „ein Drittel in Nord, ein Drittel in Südost und ein Drittel im übrigen Stadtgebiet“ untergebracht werden. Nach ihren Zahlen entlastet das zwar Nord, verdoppelt aber die Konzentration in Südost auf dann rund 300 Flüchtlinge.

Abgesehen davon stritten Sojka und Wolf um die Zahl der Asylsuchenden in der Stadt. 916 sind es laut Landrätin, die Statistiker des OB zählen 300 mehr. Hinzu kommen 373 Migranten, für die das Jobcenter zuständig ist. Laut Wolf sind das 86 Prozent der Flüchtlinge im Kreis, weswegen er von Sojka wissen wollte, warum Altenburg mit Abstand weiter die Hauptlast zu tragen hat. Das liege am hohen Leerstand, an fehlenden Angeboten aus dem Umland und habe logistische Gründe, antwortete die Landrätin und erntete dafür mehrfach höhnisches Gelächter.

Von Thomas Haegeler

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