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Altenburg Auftakt einer Rebellion im Altenburger Schlossmuseum
Region Altenburg Auftakt einer Rebellion im Altenburger Schlossmuseum
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00:30 25.05.2018
Die Altenburger Ausstellung „Intrige im Goldsaal“ überrascht seit dem Wochenende das Publikum mit ungewöhnlichen Anblicken. Quelle: Mario Jahn
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Altenburg

Zahlreiche Besucher waren am Samstagnachmittag zur Eröffnung der neuen Ausstellung „Intrige im Goldsaal“ erschienen. War es das Interesse an einem Projekt, das es so noch nicht gegeben hat, oder einfach nur Neugier auf ein Event, das mehrmals in der Osterländer Volkszeitung angekündigt wurde? Wie dem auch sei. Es war ein äußerst interessanter Nachmittag. Im Festsaal des Altenburger Schlosses führte Moderator Wolfram Eilenberger gemeinsam mit der Schriftstellerin Sybille Lewitscharoff und dem Historiker Matthias Rogg einen regen Gedankenaustausch über das Thema „Chaos und Ordnung im Laufe der Menschheitsgeschichte“. Die belgische Szenografin Lotte Boonstra konnte leider nicht teilnehmen.

Ordnung und Unordnung, Chaos und Regelwahn begegnen uns fast täglich im Leben, prägen uns und unsere Umwelt, ohne dass wir sie bewusst wahrnehmen. Sieben Konterrevolutionäre geben im Festsaal ihre persönlichen Statements kund: die Zeit, die Bibel, das Geld, die Liebe, die Ausbildung, der Globus und das Richtschwert. Sieben Konterrevolutionäre, deren Rufe die Leipziger Bloggerin Cindy Hiller schrieb und deren Monologe, in denen die Exponate von sich selbst erzählen, von Ensemblemitgliedern von Theater & Philharmonie Thüringen eingesprochen wurden. Unter Moderation von Journalist und Buchautor Wolfram Eilenberger diskutierten Büchner-Preisträgerin Sybille Lewitscharoff und der Historiker und Gründungsdirektor des Militärischen Museums Dresden, Matthias Rogg, die Beziehung von Ordnung und Chaos anhand der sieben Konterrevolutionäre.

Bertolt Brecht sagte einmal: Ordnung ist da, wo gar nichts ist. Für Brecht ist Ordnung ein negatives Element, weil sie Menschen kontrolliert und zu Missetaten führt, während die Unordnung eine Aufhebung dieser Kontrolle bewirkt und so die Gelegenheit zur Entfaltung der Humanität darstellt ( Wertung zu Brecht’s „Leben des Galilei“).

Ist es so?

Am Anfang war das Chaos, sind sich die beiden Fachleute Lewitscharoff und Rogg einig. Die Sprache war das erste Ordnungsmoment, sie ist nicht denkbar ohne Grammatik, stabilisiert die Intelligenz und schafft ein fulminantes Ordnungsgerüst. „Die Kunst des Romanschreibens ist es, die erzählerische Ordnung zu schaffen“, so Lewitscharoff. Für sie ist es eine Zwanghaftigkeit, eine vorherige Planung/Ordnung der Romanfiguren, der Schauplätze zu schaffen.

„Krieg neigt als Krieg zu Chaos“, zitiert Rogg den preußischen Generalmajor von Clausewitz, der sich mit der Theorie des Krieges befasste. „Das Militär ist ein Ordnungsbraucher, ohne sie ist es nicht denkbar.“ Ist die Gewaltbereitschaft in der DNA des Menschen enthalten? „Nein“, sagt Rogg, „Gewalt wird anerzogen“. Doch man kann sie überwinden, weniger Gewalt schaffen. Auch die Kunst kann dazu beitragen. Sie ist eine poetische Form inmitten des totalen Chaos, die mit Worten reparieren kann.

Die Konflikte der Zukunft sieht Rogg allerdings auf einer anderen Ebene: Cyberkriege (Kriege in und um den virtuellen Raum). Hackerangriffe, die in wenigen Nanosekunden dramatische Auswirkungen haben können und zu Kontrollverlusten führen.

Doch warum gibt es überhaupt Kriege? Worum geht es den Menschen? Um Religion oder Wirtschaft? Da sind sich beide Fachleute einig: Einzig und allein wirtschaftliche Fragen sind entscheidend, die Religion fungiert nur als Katalysator. Es geht allein um Macht und Gewinnmaximierung, die Religion wird überbewertet.

Der Drang des Menschen, sich zu orientieren, im Chaos den Überblick nicht zu verlieren, ist ein weiterer Ordnungsfaktor. Ohne Zeit und Raum ist er verloren. Er braucht Hilfen: geografische Karten. Ohne diese ist er desorientiert, sowohl im Leben als auch beim Militär.

Ein weiteres wichtiges Ordnungselement ist die Zeit. Sie kann Kriege beschleunigen, aber auch den Menschen. In unserer heutigen Zeit ist es enorm wichtig, einem vorgeschriebenen Rhythmus zu folgen. „Der Teufel hat wenig Zeit.“ Er ist ein großer Feind des Nachdenklichen, des Genusses. Hektik, Stress bestimmen unser Leben. Zeit ist Luxus geworden. Sich selber ein Ordnungsgerüst zu schaffen, ist wichtig für einen gesunden Organismus.

Ordnung darf nie Selbstzweck sein, aber sie macht das Leben besser, nicht schlechter, so das abschließende Resümee. Ausführlich informieren über diese Themen kann man sich im Festsaal des Schlosses anhand der sieben Ordnungsmechanismen, die in sieben Vitrinen (mit Kopfhörern ausgestattet) ein persönliches Statement abgeben.

Doch was hat diese Diskussion mit der neuen Ausstellung zu tun? Jeder weiß aus eigener Erfahrung: Ordnung ist das halbe Leben! Auch in einem Museum. Das Team des Schloss- und Kulturbetriebes Altenburg hat es angepackt und die eigene Sammlungstätigkeit mit der Präsentation der Sammelobjekte in einem ungewöhnlichen Ausstellungsprojekt zusammengefasst. Dabei werden die einzelnen Objekte selbst zu Akteuren. Sie lagen verborgen in Depots, vergessen und vernachlässigt von der Welt. Das wollen sie ändern. Sie haben sich gegen die Objekte erhoben, die ständig im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit stehen. Sie sind aus ihren Regalen und Kisten gekommen, haben ihre Plätze in Magazinen verlassen und haben ungefragt für ihre eigene Ausstellung den Goldsaal erobert. Rebellion im Museum!

Kurze Zeit später dann die Konterrevolution: Einige Exponate haben sich in den Festsaal geflüchtet und demonstrieren hier für eine geordnete Welt. Sie distanzieren sich aufs Schärfste von ihren Kollegen im Goldsaal. Hieraus ist der Ausstellungstitel „Intrige im Goldsaal entstanden“.

Ordnung zu schaffen und Unordnung zu bannen, diese Aufgabe haben sich die Macher um Residenzschloss-Mitarbeiter Florian Voß gestellt. Sie haben in den Konflikt eingegriffen und mit Hilfe der belgischen Szenografin Lotte Boonstra im Goldsaal zumindest eine grobe Ordnung wiederherzustellen versucht. In den Festsaal haben sie die Bloggerin Cindy Hiller gesandt, die den sieben Konterrevolutionären eine Stimme für öffentliche Erklärungen verliehen hat.

Was herausgekommen ist, sollte ein jeder Museumsbesucher für sich selbst entscheiden. Mit dem Ausstellungsprojekt „Intrige im Goldsaal“ haben die Macher des Residenzschlosses ein neuartiges und ungewöhnliches Projekt geschaffen, das den gesamten Festsaalflügel mit seinen zwei Etagen und den beiden Treppenhäusern einnimmt. Mit dieser Ausstellung eröffnete das Residenzschloss Altenburg seine große Jahresausstellung und zugleich die Thüringer Schlössertage.

Von Margitta Tittel

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