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Aussöhnung von Tätern und Opfern des SED-Regimes bleibt vermintes Terrain

Aussöhnung von Tätern und Opfern des SED-Regimes bleibt vermintes Terrain

Erfurt.Vergeben und vergessen - das ist den meisten Opfern des SED-Regimes bis heute unmöglich. Bespitzelt, verhaftet und schikaniert leiden sie auch 22 Jahre nach der Wiedervereinigung unter den Folgen.

 

 

Vergeben und vergessen - das ist den meisten Opfern des SED-Regimes bis heute unmöglich. Bespitzelt, verhaftet und schikaniert leiden sie auch 22 Jahre nach der Wiedervereinigung unter den Folgen. Landesbischöfin Ilse Junkermann wagte sich deshalb auf vermintes Gelände, als sie vor einem Jahr erstmals zur Versöhnung zwischen Opfern und Tätern aufrief. Im Gespräch mit Marianne Birthler, der ehemaligen Beauftragten für Stasi-Unterlagen, erneuerte sie jetzt ihre Forderung: "Es wird zu wenig getan, um den Opfern die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Aber es wird auch zu wenig getan, um die Täter aus ihrer Abschottung herauszuholen."

 

Sie nehme einen "Schaden in der Gesellschaft" wahr. Warum sie sich für eine "differenzierte Sicht auf Täter und Opfer" einsetzt, begründete die Landesbischöfin der evangelischen Kirche Mitteldeutschlands (EKM) biblisch: "Gott will Versöhnung und schafft selbst Versöhnung. Es gibt kein Leben ohne Schuld." Zum anderen brauche das demokratische Miteinander eine "Haltung der Versöhnlichkeit auf beiden Seiten".

Nicht nur aus dem Publikum schlug ihr heftiger Unmut entgegen. "Für mich gibt es keine Vergebung. Und ich kann auch nicht vergessen", sagte ein Betroffener, der in seinen Stasi-Akten von der geplanten "Vernichtung" seiner Person erfahren hat. Auch Marianne Birthler empörte sich über Junkermann: Statt Seelsorge für die Täter erwarte sie von ihr Empathie mit den Opfern. "Sich an die Seite der Opfer zu stellen, das ist die öffentliche Rolle, die Kirche hier meiner Ansicht nach einzunehmen hat", sagte Birthler. Das Wort Versöhnung verwende sie nicht mehr. Dabei sei es ein schönes Wort, eine Gnade und ein Geschenk. "Aber es ist in den letzten Jahren so oft missbraucht worden, vor allem von Menschen, die in Wirklichkeit nichts anderes als einen Schlussstrich wollen", so Birthler.

Genau an dieser Stelle fühlte sich Junkermann missverstanden: "Ich will keinen Schlussstrich, sondern offene Gesprächsräume." Dass die Kirche öffentlich nach Versöhnung rufe, so Birthler, sei trotzdem kontraproduktiv. "Wenn zwei Menschen sich versöhnen, braucht es absolute Freiwilligkeit." Viele seien dazu seelisch aber nicht imstande. "Es ist schon ehrgeizig, wenn man irgendwie wieder nebeneinander leben kann." Zumal die "anonyme Staatsmacht" DDR oft gar keinen Adressaten für Aussöhnung biete. Die Aufarbeitung des SED-Unrechts und der Diktatur habe ihrer Ansicht nach zwar "beachtliche Fortschritte" erzielt, wie tausendfache Akteneinsichten, Überprüfungen, Entschädigungen und Publikationen belegen. Auf der anderen Seite: "Viele Opfer der Diktatur leben noch immer in prekären Verhältnissen, und vielen Tätern geht es heute besser als vorher."

Die Reaktion im Publikum ist eindeutig: "Das ist es", ruft ein Mann. Die Kirche sei gut beraten, noch lange zuzuhören, bevor sie Ratschläge erteile. Zumal Junkermann aus Westdeutschland stamme. Ein unsinniger Einwurf, greift Birthler energisch ein: "Natürlich müssen auch Menschen, die im Westteil unseres Landes aufgewachsen sind, dazu eine Meinung haben." Zumal der größte Teil der Opfer inzwischen in Westdeutschland lebe.

Robert Büssow

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