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Bakterien sollen Probleme fressen

Bakterien sollen Probleme fressen

Es führt kein Weg daran vorbei: Das Land überträgt zum Jahreswechsel die Verantwortung für die Altlasten des ehemaligen Teerwerks Rositz an den Landkreis.

Rositz/Erfurt. Von Robert Büssow

Seit Jahren steigt das Grundwasser im Ortsteil Schelditz bis in die Keller - es ist hochgradig belastet und es stinkt. Schuld an der Verseuchung ist das ehemalige Teerwerk. So weit, so bekannt. Der Grund für den Anstieg allerdings ist der einstige Braunkohletagebau bei Rositz, wie ein Gutachten des Thüringer Umweltministeriums jetzt eindeutig belegt.

Die Kohleförderung - auch der Teersee "Neue Sorge" war ein ehemaliges Tagebaurestloch - hatte den Wasserspiegel stark absinken lassen, nun steigt er wieder. Die Schelditzer haben also ein Problem mit zwei Ursachen. Die Unterscheidung ist bedeutsam. Denn für das Teerwerk ist Thüringen zuständig, für die Folgen der Kohleförderung jedoch die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV).

Dieser Verantwortung stellt sich die in Senftenberg (Brandenburg) ansässige LMBV jetzt, erklärt Karin Arndt, Referatsleiterin für Altlastenmanagement im Umweltministerium. Nach Gesprächen Anfang der Woche habe die Gesellschaft zugesagt, sich an den Gegenmaßnahmen in Schelditz zu beteiligen, soweit diese vom Grundwasseranstieg herrühren. In welcher Höhe sie die Kosten übernimmt, wird derzeit noch verhandelt.

Bis Mitte nächsten Jahres will die LMBV zunächst untersuchen, wie hoch das Grundwasser vermutlich steigt. Dann folgt die Problemlösung: Im Raum stehen Drainagen zur Ableitung des Wassers, es könnte aber auch sinnvoller sein, die Keller zuzuschütten, bis hin zur kompletten Aufgabe der Häuser und Entschädigungszahlungen.

"Was in Rositz sinnvoll ist, kann man aber erst nach Vorliegen der Untersuchung der LMBV zusammen mit den Betroffenen entscheiden", erklärt Arndt. Das sogenannte Wessling-Gutachten habe außerdem ergeben: Die Verunreinigung in Schelditz ist - und bleibt - ein lokales Phänomen. Grund ist laut Arndt eine Rinne unter der Ortslage, in der sich das giftige Grundwasser gesammelt hat. Die LMBV ist nun zentraler Ansprechpartner für die Grundstückseigentümer.

Land überträgt Verantwortung

Eine Sorge weniger für Landrätin Michaele Sojka (Linke). Denn ab Januar ist der Landkreis und nicht mehr das Landesverwaltungsamt in Weimar für den gesamten Komplex Rositz zuständig. Dagegen sträubt sich das Landratsamt zwar (OVZ berichtete), doch das Umweltministerium beharrt darauf. Hintergrund ist, dass bereits 2008 die damals zuständigen staatlichen Umweltämter aufgelöst wurden und die DDR-Altlasten an die Landkreise übergingen. "Wir haben damals von uns aus gesagt, Rositz ist so schwierig, wir machen hier eine Ausnahme", erklärt Arndt. Seitdem hat sich das Landesverwaltungsamt Weimar um Rositz gekümmert. "Unsere Hoffnung war, dass die Maßnahmen bis dahin erledigt und das Projekt auf Normalmaß runtergekommen ist." Diese Voraussetzung sieht sie jetzt erfüllt. Denn die Neue Sorge ist saniert und das ehemalige Werksgelände im Wesentlichen abgeschlossen.

Um zwei kleinere, noch nicht abgeschlossene Maßnahmen kümmere sich noch die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG). Schelditz wiederum wird Sache der LMBV. "Es ist also nicht richtig, dass der Freistaat etwas loswerden will. Das ist eine unbegründete Angst der Landrätin", sagt Ministeriumssprecher Andreas Maruschke. Außerdem sei die Behörde in Altenburg ohnehin bereits für Wasserfragen zuständig. Bleibt nur noch ein Sorgenkind: Was wird aus der Aschehalde Fichtenhainichen, auf der fünf weitere kleine Teerseen liegen? Der Thüringer Rechnungshof hatte vergangene Woche gewarnt, eine Sanierung werde im schlimmsten Fall weitere 67 Millionen Euro kosten. Und das obwohl die Altlastenbeseitigung in Rositz bereits 104,5 Millionen Euro verschlungen hat.

Keine Gefahr durch die Halde

Das Ministerium kann dem Rechnungshof hier nicht ganz folgen. Ralf Berghofer, Experte im Umweltministerium: "Anfangs ging man davon aus, dass die Aschehalde so gefährlich ist wie die Neue Sorge. Heute wissen wir, die Rückstände haben sich so festgesetzt, dass ein Wirkungspfad nach unten ins Grundwasser nicht gegeben ist." Während der Teer der Neuen Sorge bis zu 18 Meter in die Tiefe reichte, seien es auf der Halde maximal vier Meter. "Es besteht keine Gefahr", so Berghofer. "Und wir dürfen laut Gesetz nur Maßnahmen zur Gefahrenabwehr bezahlen", betont Arndt. Es reiche daher, das Betreten zu verhindern.

Woher die 67 Millionen kommen? Auch aus dem Wessling-Gutachten, das die Kosten für den Fall durchgespielt hat, dass die Aschehalde vollständig saniert werden muss. Nicht nur das Ministerium, auch der Gutachter hält dies jedoch für unnötig. Maximal müsse aus der Aschehlade austretendes Wasser abgefangen werden - aber das sei bislang nie erforderlich gewesen, betont Berghofer. In Summe kosten alle Maßnahmen - Schelditz, Fichtenhainichen, Teerwerk und die Behandlung des Grundwassers - schlimmstenfalls 35 Millionen Euro, hat Wessling errechnet. Und zwar hochgerechnet bis 2043. Dafür stellt das Land 28 Millionen zurück, die LEG beteiligt sich ebenfalls, die LMBV finanziert anteilig Schelditz. Null Risiko also für das Landratsamt - lautet die Botschaft des Ministeriums.

Bakterien fressen Teerrückstände

Und ein Problem könnte sich sogar am Ende von ganz allein erledigen. Eine Studie hat ergeben, dass im Grundwasser rund um Rositz bereits Bakterien kräftig dabei sind, die Teer-Rückstände zu vertilgen. Der Selbstreinigungsprozess, erklärt Berghofer, nennt sich Bio-Geothermie und erzeugt Wärme. "Der Temperaturunterschied von fünf Grad Celsius ließe sich sogar zur Energiegewinnung nutzen", sagt er. Aber das scheint wohl noch ganz leise Zukunftsmusik zu sein.

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