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Altenburg Beeindruckendes Erlebnis
Region Altenburg Beeindruckendes Erlebnis
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20:20 22.04.2014
Kein freier Platz mehr in der Altenburger Brüderkirche - weder bei den Zuschauern noch für die Künstler. Quelle: Jens Paul Taubert

Mit einer Gesamtdauer von drei Stunden, mit zwei Chören und zwei alternierenden Orchestern sowie einem stattlichen Solistenaufgebot dürfte sie auch für die damaligen Verhältnisse jeglichen Rahmen gesprengt haben. Am Karfreitag war sie in der ausverkauften Altenburger Brüderkirche zu erleben.

Im Gegensatz zu seiner wesentlich straffer und dramatischer gefassten Johannispassion geht die Matthäus-Passion in ihrer theologischen Ausdeutung tiefgründiger und introvertierter an die Textvorlage aus dem neuen Testament heran. Für Altenburg war die Aufführung ohne Zweifel ein Höhepunkt im Musikleben, denn sie erklang zuletzt in einem eindrucksvollen Konzert von Chor und Orchester des Landestheaters unter der Stabführung von Kurt Masur im Jahre 1990 im Altenburger Theater. Insofern ist die Initiative von Kantor Philipp Göbel mehr als zu begrüßen, diese Passion nach 24 Jahren erneut auf den Spielplan zu setzen.

Göbel wartete mit einem opulenten Aufgebot an Chören auf: den Kantoreien von Altenburg und Zeitz, den Naumburger Dom- und Kammerchören und dem Kinder- beziehungsweise Jugendchor des Spalatin-Gymnasiums. Von dieser fabelhaften Chorgröße dürfte Bach im Leipzig seiner Zeit nur geträumt haben. Dazu gesellte sich das Neue Leipziger Barockensemble, bestens vertraut mit der Aufführungspraxis der Musik des großen Thomaskantors. Bei diesem gewaltigen Klangapparat stieß man selbst in der großen Brüderkirche an die Grenzen des Machbaren; reichte der Platz am Altar kaum noch aus, sodass selbst die Gesangssolisten einige Mühe hatten, sich bei ihrem jeweiligen Auftritt rechtzeitig zu positionieren. Für den Kinderchor war dann nur noch ein Platz im Seitenschiff eingeplant worden.

Philipp Göbel ging seine Aufführung trotz dieser beengenden Situation überlegen und mit der notwendigen Ruhe und Konzentration an, forderte von Chor und Orchester die gebotene Dramatik und Sensibilität. Die intensive Probenarbeit mit den Chören zeigte ihre Früchte im homogenen Gesamtklang der Ensembles. Die technisch oft sehr anspruchsvollen Turbae-Chöre wurden perfekt vorgetragen. Sowohl im Eingangs- als auch im Schlusschor faszinierte diese große Chorgemeinschaft mit einer eindrücklichen Wiedergabe. Lediglich im mild dahinfließenden Chorsatz in E-Dur am Ende des ersten Teils gab es einige kleinere Defizite bei den Choreinsätzen. Dafür gestaltete Göbel die zahlreichen Bachschen Choralsätze wundervoll in ihrer jeweiligen Textaussage.

Das Solistenteam war insgesamt bestens aufgestellt. Stephan Heinemann formte den Part des Jesus mit der dem Notentext innewohnenden verinnerlichten Aussage. Jan Sulikowski als Evangelist hatte natürlich mit der Vielzahl der Rezitative und zusätzlichen Arien die Hauptlast zu tragen. Mit dramatischem Einsatz nahm er sich der Erzählung des Evangelientextes an, wusste sich aber in der Sterbeszene auch unglaublich zurückzunehmen. Kleine Intonationsprobleme taten da nicht viel zur Sache. Als ruhender und markanter Pol stützte er die heikle Gedulds-Arie im zweiten Teil, die im Zusammenspiel von Viola da Gamba und Orgel stets eine Zitterpartie sein kann.

Gun-Wook Lee zeigte sich in den Bassarien als profunder Gestalter. Julia Kirchner (Sopran) und Saskia Klumpp (Alt) standen ihm nicht nach. Mit intensiver musikalischer Ausstrahlung und wohl dosiertem Vibrato gingen sie ihre beiden Arien "Erbarme dich, mein Gott" und "Aus Liebe will mein Heiland sterben" an. Diese ohne Zweifel schönsten Eingebungen Bachs waren die ergreifenden Ruhepunkte in dieser Aufführung. Sie gingen wahrlich unter die Haut.

Aber auch die Leistungen der Soloinstrumente dürfen keinesfalls unerwähnt bleiben: sensibel agierende Holzbläser in unterschiedlichsten Kombinationen oder die beiden Soloviolinen mit wunderschöner Tongebung und virtuoser Strichtechnik. Georg Wendt hatte beide Teile des doppelchörigen Continuoparts übernommen und war somit der meistbeschäftigte, zuverlässige Spieler an der Truhenorgel.

Die restlos ausverkaufte Brüderkirche zeigte, wie dieses Bachsche Oratorium angenommen wird und wie aktuell es noch heute ist. Hinzu kam der sehr gut gewählte Termin der Aufführung am Abend des Sterbetages von Jesu Christi. Schön, dass der lang anhaltende Beifall erst nach einem Moment der großen Stille und der Meditation über die erschütternde Botschaft dieser Passion dann umso vehementer einsetzte. Ein beeindruckendes Erlebnis.

Felix Friedrich

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