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„Bella Italia“ im Lindenau-Museum – mit doppeltem Boden

Altenburg „Bella Italia“ im Lindenau-Museum – mit doppeltem Boden

92 Zeichnungen und Gemälde, drei Skulpturen und ein Flugzeug, das sich im Lindenau-Museum sogar in die Lüfte erhebt, präsentiert das Haus an der Gabelentzstraße als diesjährige Sommerausstellung „Bella Italia“. Was einladend klingt und sich als überaus sehenswert erweist, liegt dennoch weit entfernt von den mit südlichen Gefilden verbundenen Klischees.

„Bella Italia“ – Blick in die neue Sommerausstellung des Altenburger Lindenau-Museums.

Quelle: Mario Jahn

Altenburg. 92 Zeichnungen und Gemälde, drei Skulpturen und ein Flugzeug, das sich im Lindenau-Museum sogar in die Lüfte erhebt, präsentiert das Haus an der Gabelentzstraße als diesjährige Sommerausstellung. „Bella Italia“ ist die Sonderschau überschrieben.

Was einladend klingt und sich als überaus sehenswert erweist, liegt dennoch weit entfernt von jenen Vorstellungen und Klischees, die man gemeinhin mit unbeschwerter Sommerzeit in mediterranen Gefilden verbindet. Mögen etliche der zum Sujet erwählten Motive durchaus ins Bild von Urlaubsvergnügen jenseits der Alpen passen, so bringt der zweite Blick rasch ins Bewusstsein, dass es sich bei der Titelwahl für die Exposition um Doppeldeutiges handelt.

Keiner der hier ausgestellten Künstler, die sich zu ihren Lebzeiten allesamt nie hätten vorstellen können, je als solche bezeichnet zu werden, verfügten über eine diesbezügliche akademische Ausbildung, nicht wenige hatten kaum eine Schule besucht. Sie waren Arbeiter und Tagelöhner und fanden teils erst nach schweren Schicksalsschlägen, nach denen sie ihre Tätigkeiten nicht mehr ausüben konnten, zur Kunst. Ausgegrenzte Außenseiter sind unter jenen sieben hier vorgestellten Schöpfern von Kunstwerken oder auch Bewohner psychiatrischer Einrichtungen.

„Il fiume Po“, von Dino Daolio Duren (1980), Gouache auf Malkarton,

„Il fiume Po“, von Dino Daolio Duren (1980), Gouache auf Malkarton,

Quelle: Jessen Oestergaard

Trotz der traurigen Lebensläufe der Künstler, die der Museumsbesucher in Anrissen in der Ausstellung findet oder im aufschlussreichen Begleitbuch zu Schau nachlesen kann, erweisen sich viele der Bilder als fröhlich und bunt – so wie die mannigfachen Darstellungen des Flusses namens Po in Norditalien von Dino Daolio Duren. Der Mann, der sich seinen Lebensunterhalt jahrzehntelang als Fischer verdient hatte, dann aber erwerbsunfähig wurde, holte sich mit dem Zeichenstift seinen über alles geliebten Fluss in die Stube. In seinen letzten Lebensjahren malte er hunderte Male ein und dasselbe Thema: den Fluss, das Ufer, Fischer, Möwen und selten ein paar Häuser. „Und am liebsten“, so erzählt es der Kurator der Exposition, Museumsdirektor Roland Krischke, „hätte er immer und immer wieder nur das Wasser gemalt“, jenes Element, das sein Leben bestimmt hatte: „Aber dann hätten mich alle ja für verrückt gehalten“, benannte der Künstler seine Motivation, dem eigentlichen Flusslauf letztlich doch die nahe Umgebung hinzuzufügen.

Solcherlei Geschichten zu jedem einzelnen Werk gibt es unzählige, die die Darstellungen zum Leben erwecken und jene tieferen Schichten zum oberflächlich-angenehmen Wohlfühlbild Italiens offenlegen. Roland Krischke kennt die Biografien der Künstler fast aus erster Hand, verbindet ihn doch mit dem Sammler und dem Haus, aus dem die Leihgaben stammen, eine langjährige intensive Beziehung.

„Vier schwarze Reiter“ von Enrico Benassi, Tempera auf Karton

„Vier schwarze Reiter“ von Enrico Benassi, Tempera auf Karton.

Quelle: Jessen Oestergaard

Es ist das Museum Haus Cajeth Heidelberg, das sich mit dieser groß angelegten Sonderschau erstmals in der Skatstadt vorstellt, obgleich es Mitte der 1990er-Jahre bereits Austausch mit dem Lindenau-Museum gab. Zu dieser Zeit arbeitete Roland Krischke, damals noch Student, zwei, drei Tage pro Woche in diesem Museum und blieb – drei Jahre lang, bis 1998. „Diese Jahre haben mich geprägt“, gesteht er, „im kleinen Museum für Außenseiterkunst hat meine Begeisterung für die Museumsarbeit ihren Anfang genommen“, so der Geisteswissenschaftler.

Die Gründe aber für die jetzige sommerliche Zusammenarbeit zwischen dem Haus Cajeth und dem Lindenau-Museum erweisen sich indes als weitaus vielschichtiger und bleiben nicht in Persönlichem behaftet. Zum einen ist der Altenburger Kunsttempel in erster Linie weltweit bekannt für seine Sammlung italienischer Tafelgemälde. Dieser kostbare Schatz soll wie bisher den Grundstock für eine intensive Zusammenarbeit mit vergleichbaren Sammlungen in und außerhalb Italiens bilden. „Zusätzlich aber soll auch italienische Kunst aus anderen Bereichen und Epochen stärker thematisiert werden“, so Krischkes Intentionen.

Ein weiterer Anlass für die Ausstellung ist eine direkte Verbindung zwischen den frühen Italienischen Tafelbildern und der Außenseiterkunst. Ein bekanntes Werk des Kunstschriftstellers Wilhelm Uhde (1874–1947) trägt den Namen „Fünf primitive Meister“. Uhde vergleicht darin den „ursprünglichen“ Ausdruck der naiven Maler mit der Ausdruckskraft der Maler der frühen Renaissance. Der Sammler Egon Hassbecker, der in Heidelberg 1982 das Museum Haus Cajeth gründete, schätzte das Buch von Uhde und versah seine eigene Sammlung mit dem Begriff „Primitive Malerei im 20. Jahrhundert“.

Mit dem Sammlungsgründer rückt ein Mann in den Mittelpunkt, dem die Entdeckung der Außenseiterkünstler und die Bewahrung ihrer Lebenswerke zu verdanken ist. Mit „Bella Italia“ wird erstmals ein wichtiger Teil der Sammlung Hassbecker in unmittelbarer Nähe seiner Heimatstadt ausgestellt.

Egon Hassbecker wurde 1924 in Leipzig geboren, ab seinem 18. Lebensjahr durchleidet er als Soldat Kriegsgräuel und Gefangenschaft. 1949 kehrte er nach Leipzig zurück, ein Jahr später übersiedelt er in die Bundesrepublik. Nach schwierigen Jahren der Entwurzelung, Krankheit und Neuorientierung eröffnete er 1965 unweit von Heidelberg eine „(Hinter-)Hofbuchhandlung“, die bald auch zur Galerie wurde. Auf vielen Reisen nach Osteuropa und nach Italien trug er hunderte Werke von Außenseiterkünstlern zusammen und begründete so seine ungewöhnliche Sammlung. Die jetzt in Altenburg vorgestellten italienischen Künstler entdeckte er nach 1979 auf Reisen vor allem in die Po-Ebene und lernte dabei alle Maler auch persönlich kennen. Egon Hassbecker verstarb 2013. Seine langjährige Gefährtin Barbara Schulz führt seitdem sein Lebenswerk weiter – als Vorstandsvorsitzende einer Stiftung, die den Bildbestand des Hauses Cajeth verwahrt.

Die Ausstellung ist noch bis 15. Oktober im Lindenau-Museum zu sehen. Zur Exposition gibt es ein Begleitprogramm. So wird am morgigen Donnerstag, dem 27. Juli, 18.30 Uhr zu einer Führung mit Roland Krischke eingeladen. Die nächste Führung findet am 20. August um 15 Uhr mit Museumsmitarbeiter Benjamin Rux statt.

Von Frank Engelmann

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