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Altenburg Bernhard Stengele inszeniert den „Vogelhändler“ in Altenburg
Region Altenburg Bernhard Stengele inszeniert den „Vogelhändler“ in Altenburg
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16:09 25.09.2018
Bernhard Stengele kehrt mit dem „Vogelhändler“ nach Altenburg zurück. Quelle: Foto: Mario Jahn
Altenburg

Internationale Projekte, gefeierte Inszenierungen, aber auch mitunter heftige Kontroversen: Als Bernhard Stengele zum Ende der Spielzeit 2016/17 seinen Posten als Schauspieldirektor bei Theater&Philharmonie Thüringen räumte, ging eine enorm erfolgreiche Ära zu Ende. Nun kehrt Stengele an seine alte Wirkungsstätte zurück. Am Sonntag feiert sein „Vogelhändler“ Premiere in Altenburg. Die OVZ traf sich vorab zum Gespräch.

Wie ist es Ihnen seit Ihrem Abschied ergangen? War Altenburg nach wie vor präsent?

Ich war ab und an hier auf Besuch, aber nur selten. Ich habe etwa im Wahlkampf André Neumann und Michaele Sojka unterstützt. Bei einem hat es geholfen, bei der anderen nicht. (schmunzelt) Ansonsten war ich weg aus Altenburg.

Haben Sie auch der Theaterwelt den Rücken gekehrt?

Nein, ich habe als Schauspieler und vor allem als Rezitator immer wieder Auftritte gehabt, aber ansonsten kein Theater gemacht, auch nichts inszeniert. Die letzte Produktion war „Cohn Bucky Levy“ in Israel, vor genau einem Jahr.

Haben Sie trotzdem ab und an den Blick gen Altenburg und auf ihren Nachfolger Manuel Kressin gerichtet?

Der Vorschlag, Manuel zum Schauspieldirektor zu machen, kam ja von mir, er war nach meiner Erfahrung mit dem Theater und der Stadt die richtige Wahl. Es war von Anfang an klar, dass er seine Aufgabe alleine und selbstständig bewältigen muss. Wir haben ein sehr gutes Einvernehmen, wenn er eine Frage hat, kann er sich immer bei mir melden Und meine ursprüngliche Vermutung hat sich ja auch bestätigt: Als ich zum ersten Mal in Gera wieder ins künstlerische Betriebsbüro ging, wurde mir gleich gesagt: „Herr Stengele, seit Sie nicht mehr da sind, läuft alles schön und ruhig.“ (lacht)

Wie kam es zu Ihrer Rückkehr?

Ich habe im Dezember einen Anruf vom Theater bekommen, ob ich mir vorstellen könnte, den „Vogelhändler“ zu machen und bekam knapp 48 Stunden Bedenkzeit. Dann musste ich erst einmal überlegen. Ich bin ja unter Hochdruck weggegangen, „Cohn Bucky Levy“ war eine extrem aufwendige, aufsehenerregende und intensive Produktion – für die Stadt, das Ensemble und den Chor. Danach ist quasi alles „gerissen“. Nun mit einem Jahr Abstand noch mal herzukommen, sich anzuschauen, wie sich alles entwickelt hat, dafür bietet sich die Folie mit dieser Operette einfach wunderbar an.

Sie haben sich mit „Cohn Bucky Levy“ mit einem echten Kracher verabschiedet. Wie groß ist da die Hypothek, mit der man in den „Vogelhändler“ geht?

Es gibt sicher eine Erwartungshaltung, aber künstlerisch ist es etwas komplett anderes. Der „Vogelhändler“ ist sehr oberflächlich, das ist ein Riesenunterschied zu dem, was ich vorher gemacht habe. Ich vergleiche das gern mit dem griechischen Theater, den Dionysien in Athen. Dort wurden immer drei Tragödien gezeigt und danach ein Satyrspiel, in dem einfach nur Quatsch gemacht wurden. Das ist es auch für mich. Ich erhoffe mir eine Art reinigende Wirkung davon. Es ist einfach nicht zu vergleichen mit dem, was ich bisher gemacht habe. Deshalb gibt es keinen Druck, jetzt etwas besonders sensationelles oder aufregendes zu schaffen.

Was reizt Sie so an dem Material?

Der „Vogelhändler“ hat ein paar sehr schöne Melodien, aber die Handlung ist hanebüchen. Als ich mich intensiver damit befasst habe, fiel mir aber ein Aspekt auf, der ein wenig schwierig war: Es ist ein richtiggehend sexistisches Stück. Am Anfang werden Wildsauen tot geschossen, im Anschluss Jungfrauen gejagt – so beginnt das Stück und das soll lustig sein. Überhaupt bin ich über die Stellung der Frau im Stück richtig erschrocken. Ich kannte zwar Lieder wie „Schenkt man sich Rosen in Tirol“ oder „Ich bin die Christel von der Post“, hatte aber keine Vorstellung von diesem Aspekt. Ich hatte richtig tiefe Zweifel. Ich kann nicht über etwas Verachtendes einfach Soße kippen und sagen „Ach, das ist ja nur eine Operette.“ Das könnte ich vor mir selbst nicht verantworten.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Die Herausforderung im Musiktheater besteht darin, dass die Musik immer noch lustig ist, selbst wenn ich über manche Aspekte nicht lachen kann. Anders als im Schauspiel kann ich solche Dinge allerdings nicht so einfach hinterfragen, da die Musik immer diese Leichtigkeit suggeriert. Die Frage ist also, wie ich – auch angesichts der MeToo-Diskussion, die ja auch am Theater geführt wird – damit umgehe. Bei allem, was ich tue, gibt es ein paar Dinge, die unverrückbar sind, das sind im Grunde die ersten fünf Paragraphen des Grundgesetzes: Niemand darf wegen seiner Rasse, seines Geschlechts oder anderer Merkmale verunglimpft oder benachteiligt werden. Und es gibt keine Kunstform, bei der man das darf – selbst wenn es die revanchistische Operette aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert ist. Natürlich kommen die Menschen in die Operette, um sich zu amüsieren. Und ich möchte auch nicht die Operette kaputt machen, das ist vielleicht interessant für großstädtisches, skandalös orientiertes Theater, aber nicht für mich. Ich möchte, dass die Leute ins Theater gehen und sagen können, dass es schön war. Das ist ein Spagat. Sicher ist, dass ich nichts mache, das sexistisch ist. Und an den Stellen, wo so etwas vorkommt, wird es einfach so überhöht, dass es deutlich wird.

Wie verliefen, auch angesichts Ihrer Pause vom Theater, die Proben zum Stück?

Operette heißt prinzipiell, dass niemand Zeit hat. (lacht) Normalerweise komme ich mit Leute zusammen und entwickle mit ihnen gemeinsam das Stück. Ich halte zwar als Regisseur die Fäden in der Hand, lasse aber jeden Darsteller seine Interpretation der Rolle finden. Es ist ein Zusammenarbeiten, ich zwinge anderen nicht meinen Willen auf. Wenn sich viele einbringen, wird das Ergebnis reich. Beim „Vogelhändler“ ist nun die Herausforderung, dass sich die Darsteller im Musiktheater ständig mit etwas anderem beschäftigen. Die müssen an sieben, acht verschiedenen Produktionen teilnehmen, der Chor hat immer etwas anderes zu tun. Die Ensemblemitglieder sind es gewohnt, dass sie bei der Probe genaue Anweisungen erhalten – ich bin es gewohnt, von Probe zu Probe zu schauen, was funktioniert. Hanna Arendt hat den sagenhaften Satz gesagt: „Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen.“ Jemand, der nur Befehle ausführt, geht für mich nicht. Das zu erreichen, war beim „Vogelhändler“ nicht immer leicht.

Was erhoffen Sie sich von der Premiere am Sonntag?

Zum einen möchte ich, dass die Besucher Freude am Stück haben. Zum anderen sollen die Darsteller ihre Freiheit nutzen, auch einmal etwas anderes zu tun, ihren Impulsen nachgeben und ein wirklich lebendiges Stück schaffen statt einem, dass nur gut einstudiert wurde.

Wird der „Vogelhändler“ nun Ihr endgültiger Abschied aus Altenburg sein?

Wir sind im Moment nicht in Gesprächen, von daher kann ich das nicht sagen.

Wären Sie denn offen für eine Zugabe?

Auch das lässt sich nicht sagen. Ich fühle mich der Stadt und der Region noch sehr verbunden, musste aber am Ende – wie an vielen Theatern üblich – viele Kompromisse machen. Ich habe gemerkt, dass ich auch freier arbeiten möchte. Allerdings bin ich immer wieder gerne hier, habe auch noch Kontakt, etwa zu Christian Repkewitz oder Roland Krischke. Vielleicht beantwortet das Ihre Frage. (schmunzelt)

„Der Vogelhändler“ feiert am Sonntag, den 30. September, um 18 Uhr Premiere im Großen Haus. Weitere Vorstellungen am 11. (14.30 Uhr), 13. (16 Uhr), 28. Oktober (14.30 Uhr) sowie am 25. Dezember (18 Uhr). Karten an der Theaterkasse, unter Tel. 03447 585177 und auf www.tpthueringen.de.

Von Bastian Fischer

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