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Altenburg Besucherandrang im alten Kaufhaus Hillgasse
Region Altenburg Besucherandrang im alten Kaufhaus Hillgasse
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22:00 26.08.2018
Die Besucher schauen und staunen: Künstler haben in dem verwaisten Kaufhaus ein Stück Geschichte wachgerufen und zugleich neu interpretiert. Quelle: Mario Jahn
Altenburg

Die großen Schaufenster am einstigen Einkaufstempel in der Altenburger Hillgasse sind schon seit Jahren blind und mit Sperrholzplatten verrammelt. Am Wochenende aber blieben dort mmer wieder Neugierige fast andächtig stehen. Nein, sie sinnierten nicht über imaginäre Ausstellungsstücke, sondern betrachteten die an den Fensterhöhlen angebrachten alten Fotos mit typischen Alltags- und Einkaufsszenen längst vergangener Tage. Und machten sich dann auf eine Entdeckerrunde durch den seit 24 Jahren verwaisten und verfallenden riesigen Gebäudekomplex aus dem Jahr 1913, der neben dem einstigen Konsum-Kaufhaus auch eine Bäckerei, eine Konditorei sowie eine Fleischerei beherbergte.

„Ipihan#8 – If paradise is half as nice“ heißt das Kunstprojekt einer Gruppe aus 14 Aktionskünstlern aus dem holländischen Rotterdam, mit dem der leer stehende Komplex im Herzen Altenburgs zumindest temporär für ein Wochenende wieder geöffnet und mit Leben erfüllt wurde (die OVZ berichtete). Erstmals war damit Altenburg Teil der alljährlich im Großraum Leipzig stattfindenden Tage der Industriekultur, an denen einstige und mittlerweile geschlossene sowie vergessene öffentliche Bauten wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen und zum Kunstobjekt werden. Zuvor hatten sich die Künstler sowie der Kultur- und Architekturhistoriker Guus Vreeburg einen Monat in dem Komplex im Herzen der Skatstadt häuslich niedergelassen, ihre Installationen aus Fundstücken im Inneren des Ex-Kaufhauses angefertigt und zur Geschichte des Hauses geforscht.

Erinnerungen werden wach

Und sie trafen damit bei den Altenburgern den Nagel auf den berühmten Kopf: Hunderte schoben sich an zwei Tagen durch den zugewachsenen und bröckelnden Gebäudekomplex – oftmals fotobereit mit Kamera oder Smartphone. Und für die meisten war es eine Reise in die eigene Biografie. „Eigentlich ist es traurig zu sehen, wie hier alles verfallen ist. Aber ich finde mich noch sehr gut zurecht und habe alles gleich wieder gefunden“, erzählte Klaus Müller strahlend. Vier Jahre lang war das Kaufhaus oder genauer gesagt die alte Bäckerei sein tägliches Ziel, als er die Berufsschule besuchte. „Selbst die alte Kantine direkt unter dem Dach haben wir auf Anhieb wieder gefunden. Das war so spannend. Schön, dass man noch mal so eine Möglichkeit bekommt“, schob er nach und hegte eine Hoffnung: „Toll wäre es schon, wenn die Aktion den Anstoß gibt, dass hier wieder Leben und Nutzung einzieht und der Verfall gestoppt wird“, sagte er im mittlerweile ziemlich überwucherten Innenhof des Hauses, wo einst die Lastwagen an- und abfuhren. „Heute wirkt das vergleichsweise klein und man kann sich kaum mehr vorstellen, wie hier der Betrieb abgewickelt wurde.“

Viele Jahre war es verwaist, verfiel und bröckelte, bot nicht mehr als einen traurigen Anblick. Doch übers Wochenende ist das alte Kaufhaus in der Altenburger Hillgasse kurzfristig zu neuem Leben erwacht. Hunderte Besucher kamen, um sich in den Räumen umzuschauen, in denen sich teils noch originale Ausstattung findet. Zudem haben Künstler eindrucksvoll in Szene gesetzt, was sie vor Ort an Relikten aus der Vergangenheit fanden.

Mehr Gäste als erwartet

Hinter dem Historiker Guus Vreeburg von der „Ipihan-Gruppe“ liegen ereignisreiche Wochen. Dutzendfach hat er in den zurückliegenden Tagen solche persönliche Episoden über das Konsum-Kaufhaus von den Altenburgern gehört, Bilder gesammelt und zur Geschichte geforscht. „Die Resonanz war einfach überwältigend und noch um ein vielfaches höher als im Vorjahr, als wir in der alten Zeitzer Nudelfabrik waren“, sagte er. Die Resonanz zeigte sich auch bei den beiden Vorträgen des Wissenschaftlers zur Kaufhaus-Geschichte. „Allein am Sonnabend hatten wir mit maximal 100 Besuchern meines Referats gerechnet und entsprechend ausgestuhlt. Doch am Ende haben viele Leute noch stehen müssen.“

Auch Mandy Eißing ging mit Mann und Söhnen auf eine ganz persönliche Geschichtstour. „Als Kind habe ich hier immer meine Mutti abgeholt, die dort oben in der Konditorei gearbeitet hat. Konkret an der alten Baumkuchenmaschine. Das war immer ein besonderes Erlebnis. Schließlich gab es auch immer was zum Naschen“, erinnerte sie sich.

Veit Grosse war mit seiner Familie selbst Stammgast im Kaufhaus. „Wir wohnen auf dem Dorf und da war dieser Einkaufskomplex inmitten der Stadt ideal. Das ist heute eine ganz besondere Reise für mich. Beeindruckend ist auch, was die Künstler hier geschaffen haben“, fügte Veit Grosse anerkennend hinzu.

Gesamtkunstwerk mit marodem Charme

Tatsächlich: Die Installationen aus Hinterlassenschaften der einstigen Nutzer, die sich reichlich fanden, gaben der temporären Wiederöffnung noch den passenden Glanz. Alles fügte sich in den maroden Charme der bröckelnden Mauern und geborstenen Fenster zu einem riesigen Gesamtkunstwerk.

In dem auch Benno Moller reichlich fündig wurde. Sein ganzes Berufsleben hat der heutige Vizebürgermeister von Rositz als Aufzugbauer auf Montage verbracht. „Regelmäßig waren wir zu Wartungsarbeiten hier in der Hillgasse, wo es gleich vier oder fünf Aufzüge gab“, blickte er zurück und zückte sein Handy, um die alten Typenschilder „seiner“ Aufzüge im Bild festzuhalten. „Alles noch da. Selbst die alte Instruktionstafel, auf der alle Wartungsberechtigten namentlich aufgeführt sind, die ich alle noch persönlich kenne“, sagte Benno Moller beeindruckt.

Jetzt beginnt wieder der Dornröschenschlaf

Nach dem Wochenende kehrt wieder der Dornröschenschlaf im Ex-Kaufhaus ein. Nach Guus Vreeburgs Meinung muss es nicht so bleiben. „Es macht jetzt sicher keinen Sinn, millionenschwere Pläne einer grundhaften Sanierung aufzulegen, die ohnehin nie realisierbar sind, weil einfach unbezahlbar. Vielmehr sollte man den Komplex sichern und diesen marod-morbiden Charme als kreativen Ort erhalten.“

Das wäre natürlich Sache des Besitzers. Altenburgs Wirtschaftsförderer Tino Scharschmidt, der das Gastspiel von Ipihan in Altenburg maßgeblich mit befördert hat, kann sich ein solches Kreativ-Haus durchaus vorstellen. „Wir als Stadt würden solche Belebungspläne selbstverständlich unterstützen. Die Resonanz am Wochenende hat doch eindrucksvoll gezeigt, welches Identifikationspotenziel das Ex-Kaufhaus in Altenburg noch immer hat.“

Von Jörg Wolf

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