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Bravo kontra Buh

Bravo kontra Buh

Die dreivierteljährige opernlose Zeit am Landestheater Altenburg fand am vergangenen Sonntagabend ihr Ende. Den angestauten Hunger nach Oper soll nun Jules Massenets "Werther" stillen, ein musikalisches Gourmetstück, aber weitestgehend unbekannt auf der musikalischen Speisekarte und in Altenburg und Gera bisher auch noch nicht serviert.

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Bernardo Kim als Werther (r.) und Statist Marco Schmidt als Werthers Alter Ego.

Quelle: Stephan Walzl

Deshalb wohl hielt sich der Run auf die Premierenveranstaltung in Grenzen.

 

Von Manfred Hainich

 

Aber um es gleich zu sagen: Jeder, der Oper mag, sollte sich diesen Happen gönnen. Man kann ihn genießen, und er ist eigentlich leicht verdaulich, auch wenn er am Sonntagabend einigen wenigen Besuchern ungenießbar schwer im Magen lag. Sie machten sich mit Buhrufen auf das Regieteam Luft - und riefen die Bravorufer lautstark auf den Plan. Das war doch einmal etwas, was es so in Altenburg vermutlich lange nicht gegeben hat und beweist, dass die Aufführung nicht langweilig gewesen ist.

 

Massenets "Werther" nach Goethes gleichnamigem berühmten Briefroman bildet mit den beiden anderen französischen Opern nach Goethe-Werken "Margarethe" und "Mignon" das Spitzentrio der französischen romantischen Oper. Dieses Werk ist keine Handlungsoper, sondern ein Seelendrama um unerfüllte Liebe und voller Gefühle von innigster Leidenschaft, die bei Werther auf sich selbst gerichtet sind. Sein eigentlicher Liebespartner ist der Schmerz und das erotische Verhältnis zum Leiden. So sieht es der Regisseur Roland Schwab.

 

Jeder Regisseur, der sich dieser Oper annimmt, steht vor der Aufgabe, eine entsprechende Form für die Umsetzung auf der Bühne zu finden, um während der zweieinhalbstündigen Aufführung Langeweile zu vermeiden. Roland Schwab findet sie in der Umsetzung als "Moritat vom Schatten". Die Personen werden zu Beginn jedes Bildes als Schattenrisse gezeigt und verharren oft noch nach Ende der Projektion in Posen.

 

Werther ist ein Schatten beigegeben als stumme Doppelbesetzung. Zwei Freunde des Amtmanns (Erik Slik und Heiko Retzlaff) begleiten als Beobachter und Moritatensänger die Handlung in den sieben Bildern, die sich vornehmlich auf einem Karussell abspielt. Selbiges bewegt sich fortwährend auf einer schiefen Ebene und verdeutlicht den Fortgang der Handlung: in den Gefühlen Werthers zu Charlotte, die sich durch ein Gelübde gegenüber ihrer sterbenden Mutter an ihren Verlobten und späteren Ehemann Albert gebunden fühlt und sich den Liebeswerbungen Werthers immer wieder entzieht.

 

Das hat der Regisseur Schwab mit seinem Ausstattungsleiter Piero Vinciguerra gut abgestimmt und eine bestimmte Ästhetik und Vornehmheit geschaffen, die typisch ist für das bürgerliche Leben der Goethezeit. Bestechend ist die Konsequenz, mit der dies bis zum Ende durchgehalten wird, auch in der Video-Sequenz, wenn Charlotte im Wald dem fliehenden Werther folgt und damit dem langen Orchesterzwischenspiel Handlung gegeben wird. Das Sterben Werthers nach seinem Todesschuss will kein Ende nehmen. Charlotte ringt mit seinem Schattenbild, während unmittelbar daneben Werther in seiner ständigen Todessehnsucht Erfüllung findet.

 

Das stimmige Gesamtkonzept der Inszenierung überzeugt bis ins kleinste, wohl durchdachte Detail. Musikalisch findet es kongeniale Umsetzung durch die Sänger und durch das Orchester unter Leitung von Generalmusikdirektor Laurent Wagner. Er gibt dieser lyrischen Musik eine glänzende Sinnlichkeit und mondäne Eleganz zugleich, der man sich gerne hingibt und dem Orchester einen fast neuen Klang.

 

Und er führt das Solistenensemble zu durchgehend gutem Gesang. Bernardo Kim hat mit dem Werther den anspruchsvollsten Gesangspart. Lyrisch ständig auf gleich hoher Höhe, muss er rasch auf kräftige Durchschlagskraft wechseln. Das gelingt ihm gut. Die hohen Endtöne auch, wobei sie oftmals nur gepresst erreicht werden. Chrysanthi Spitadi singt die Charlotte, eine Leistung ohne Einschränkung, Johannes Beck den Albert, gesanglich reif mit seinem sonoren Bariton. Katie Bolding die Sophie, Charlottes Schwester mit makellosem Gesang und frischem Spiel. Dazu kommen Kai Wefer, Iris Eberle, die spielenden und singenden Kinder des Kinderchores, Damen des Opernchores und Marco Schmidt als stummer, aber lebendiger Schatten des Werthers.

 

Nachdem die wenigen Buh- und die vielen Bravorufe verstummt waren, setzte sich der herzlich zustimmende Beifall des zufriedenen Publikums fort. Eine Opernaufführung zum Erleben.

 

© Kommentar Seite 13

 

iNächste Aufführungen am 6. März, 14.30 Uhr, 7. März, 19.30 Uhr und 16. März, 14.30 Uhr. Karten unter Tel. 03447 585161. www.tpthueringen.de

Manfred Hainich

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