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Brisante Literatur in der Rumpelkammer

Brisante Literatur in der Rumpelkammer

Es war ein leiser Tod, der beinahe unbemerkt blieb: Die Altenburger Umweltbibliothek gibt es nicht mehr. Der Rest-Bestand an Büchern lagert seit einem Jahr im Paul-Gustavus-Haus in einer Abstellkammer - unzugänglich für die Öffentlichkeit.

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Peter Winkler inmitten seiner Schätze: Die Kartons enthalten die Reste der Altenburger Umweltbibliothek.

Quelle: Mario Jahn

Dabei hatte die Bibliothek einmal so vielversprechend begonnen. Gegründet hatten sie DDR-Oppositionelle 1987 im Altenburger Magdalenenestift. Unter dem Dach der Kirche sammelten die Querdenker damals Literatur über die Umweltverschmutzung in ihrem Land - brisantes Material, mit dem sie viel riskierten. 1990 wurde dann ein Verein gegründet, der den Bücherbestand seither betreut.

 

Doch um die "Bürgerinitiative Umweltschutz und Umweltbibliothek Altenburg" ist es nicht gut bestellt. Peter Winkler - ein Mann mit weißem Vollbart und freundlichen Augen - führt seit 17 Jahren den Vorsitz und denkt derzeit ans Aufhören. "Ich habe keine Lust mehr", erklärt der 69-Jährige unmissverständlich. Der Verein habe seine Aktivitäten "weitestgehend eingestellt", bestehe aber formal weiter. Gerade mal sechs Mitglieder gehören ihm noch an.

 

Dabei hatte die Umweltinitiative besonders in den 90er-Jahren während des Beginns der Sanierung des Teerverarbeitungswerks Rositz von sich reden gemacht, weil sie scharfe Kritik an der Umsetzung übte. Später engagierten sich die Mitglieder vor allem in der Umweltbildung für Schüler und Vorschulkinder. In der Albert-Levy-Straße in Altenburg-Nord betrieb der Verein mit Erfolg unter einem Dach die Umwelt- und eine öffentliche Stadtteilbibliothek: Einen Teil des Bestands bekam die Initiative geschenkt, einen anderen übernahm sie von der Stadt, vor allem ältere Romane.

 

Noch 2005 wurden in Altenburg-Nord 750 Bücher pro Monat ausgeliehen, 2006 hatte man stolze 535 Stammleser - allerdings immer weniger Geld für die Anschaffung neuer Bücher. Literatur, Landkarten und Videos - vieles war irgendwann "veraltet und vergreist", wie Winkler es ausdrückt.

 

Auch das Engagement in der Umweltbildung ging zurück. "Es wurde immer schwieriger, geeignete Leute zu finden", so der Vereinschef. Außerdem sei es ein "mühseliger Kampf", Fördermittel zu bekommen. Die letzten sind mittlerweile ausgelaufen, neue wurden nicht beantragt. Der Verein ist nur noch eine leere Hülle. Peter Winkler glaubt zudem, dass das Umweltthema heute kaum noch jemanden interessiere.

 

Vor fünf Jahren schrumpfte der Verein dann sprunghaft. Die Bibliothek in Altenburg-Nord musste 2010 aufgegeben werden und zog in die Dietrich-Bonhoeffer-Schule um. Vor einem Jahr schließlich verlor man auch dieses Refugium. Die Schule wollte die Räume für eigene Zwecke nutzen. Die Umweltbibliothek war obdachlos.

 

Einen kleinen Teil des Bestands übernahm die Regelschule in Rositz. Biolehrerin Veronika Schlotte lässt die Siebt- bis Zehntklässler ihrer Interessengemeinschaft gern in den Büchern über Braunkohle und Einzeller blättern. "Für den Unterricht ist das Material aber zu veraltet", erklärt die 51-Jährige. Kurzfristige Hilfe bot auch der Förderverein Zukunftswerkstatt Paul-Gustavus-Haus an, der das gleichnamige Haus in der Wallstraße betreibt. Der Deal: Der Förderverein bekam knapp 5000 Bücher geschenkt, vorwiegend Belletristik, die er verkaufen kann. Im Gegenzug durfte Winkler das Archiv der Umweltbibliothek in dem Haus einlagern.

 

100 Umzugskartons stehen dort nun in einer Abstellkammer in der ersten Etage, in einem Raum ohne Licht und Heizung. "Es ist eine Notlösung", gibt der Vereinschef zu, "aber hier vergammelt wenigstens nichts." Umweltliteratur, Flyer und alte Abrechnungen liegen dort nun bunt durcheinander gewürfelt.

 

"Das Ganze muss gesichtet und aussortiert werden", stellt Winkler klar. Was sich lohnt aufzuheben, will er dem Stadtarchiv anbieten, wenn die verbliebenen Vereinsmitglieder zustimmen. Das Sortieren wird er noch selbst erledigen, dann aber soll der Vorsitz abgegeben werden - "in jüngere Hände". Sollte sich niemand für den Ehrenamtsposten finden, wird der Verein wohl aufgelöst.

 

Die Betreiber des Gustavus-Hauses sprechen ebenfalls nur von einer Zwischenlösung. "Die Bibliothek kann dort bleiben, bis eine neue Bleibe gefunden ist", erklärt Fördervereinsmitglied Erik Siegert. Als dauerhafte Heimat biete sich das Haus ohnehin nicht an: Es hat nur unregelmäßig geöffnet.

 

© Kommentar

Gina Apitz

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