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Bürokratie treibt Bauern im Altenburger Land den Schweiß auf die Stirn

Landwirtschaft Bürokratie treibt Bauern im Altenburger Land den Schweiß auf die Stirn

In den vergangenen 20 Jahren ist der bürokratische Aufwand für Landwirte immer größer geworden. Emil Berthold schätzt, dass im Hopfenbetrieb seines Sohnes in Monstab heute doppelt so viel Zeit für die Büroarbeit gebraucht werde wie noch in den 1990er-Jahren. Im Endeffekt bedeute das mehr Arbeit für die Bauern, die aber nirgendwo abgerechnet werden kann.

Vor allem Viehwirte haben immer mehr mit Bürokratie zu tun, müssen sie doch für jedes Tier akribisch Papiere ausfüllen.

Quelle: EPA

Monstab. „Das ist doch verrückt“, meint Emil Berthold. Ein ganzer Keller voller Aktenordner zeugt auf dem Hopfen-Hof Berthold in Monstab von der Bürokratie in der Landwirtschaft. Emil Berthold weiß, ohne ein gewisses Maß an Bürokratie geht es nicht. Doch in den vergangenen 20 Jahren sei der Aufwand immer größer geworden. Er schätzt heutzutage werde doppelt so viel Zeit für die Büroarbeit gebraucht, die er für seinen Sohn Christian erledigt, als noch in den 1990er-Jahren. „Im Endeffekt bedeutet das mehr Arbeit für uns Bauern, die aber nirgendwo abgerechnet werden kann und die uns niemand bezahlt“, rechnet Berthold vor. Beispiele dafür gib es viele.

Eines ist etwa das Lagerbuch. Es muss in dem kleinen Betrieb genauso akribisch für ein halbes Dutzend Kanister mit Dünger- oder Pflanzenschutzmittelresten geführt werden wie in einem Großbetrieb mit unüberschaubaren Lagerbeständen. Dazu gehöre auch das Dokumentieren, wann und wie ein Hänger vorm Ernteeinsatz gereinigt wurden, wenn er zuvor mit Dünger beladen war. „All diese Aufzeichnungen müssen wir dann Jahre lang aufbewahren.“ Für den 66-Jährigen kaum nachvollziehbar. Es sei doch für jeden ehrbaren Landwirt selbstverständlich, die Hänger zu säubern, bevor damit Lebensmittel transportiert werden. Er hat das Gefühl, den Landwirten werde der gesunde Menschenverstand nicht mehr zugetraut. „Andererseits könnten Schufte durch die Dokumentation nicht überführt werden. Die können schließlich viel schrieben, wenn der Tag lang ist“, gibt der Landwirt zu bedenken.

Auch über die jüngsten Bürokratie-Errungenschaften im Zuge der Einführung des Mindestlohns kann Berthold einiges berichten. Nun muss er den Arbeitstag der Saisonkräfte haarklein dokumentieren. „Dazu gehört auch, dass jeder als erstes einen vierseitigen Fragebogen ausfüllen muss. Im Betrieb erfassen wir zudem die Arbeits- und Pausenzeiten exakt. Und wir müssen den Stückpreis, den wir bis jetzt gezahlt haben, in einen Stundenlohn umrechnen.“ Berthold betont, dass der Verdienst der Saisonkräfte jedoch schon in den vergangenen Jahren über 8,50 Euro pro Stunde gelegen habe. Damit hätte sich für die Arbeitskräfte unterm Strich nichts verbessert, nur für den Betrieb sei die Arbeit größer geworden.

Zu den ganzen Anforderungen vom Staat und der Europäischen Union kommen zusätzlich die Wünsche der Kunden. Bauern, die Hopfen exportieren, müssen zudem die jeweiligen Zulassungsvorschriften in den Abnehmerländern einhalten. „Das bedeutet beispielsweise, dass wir nur Dünger verwenden können, der sowohl in Deutschland als auch in den USA und Japan zugelassen ist.“ Zum Beweis muss natürlich alles auf Papier festgehalten und fein säuberlich abgeheftet werden.

Dazu kommt ein weiteres Problem. Inzwischen gibt es so viele Vorschriften und Änderungen, dass die Bauern immer häufiger unsicher sind, was richtig und was falsch ist. Dieses Problem kennt auch Jürgen Junghannß. Wie der Vizevorsitzende des Thüringer Bauernverbandes (TBV) gegenüber der OVZ erklärt, sei es in diesen Jahr sogar besonders extrem, weil sich das Fördermittelsystem verändert habe. Junghannß bestätigt: Viele Landwirte im Verband beklagen seit Langem eine Zunahme der Bürokratie. „Und Entlastung ist nicht in Sicht.“ Doch Deutschland sei nun einmal ein Rechtsstaat, in dem die Gesellschaft ein Höchstmaß an Sicherheiten und Transparenz einfordert. Junghannß: „Die unvermeidbare Folge ist eben dieses enorme Ausmaß an Bürokratie.“ Dafür hat er durchaus Verständnis. Auch weil in der Landwirtschaft vor allem zwei Aspekte zu dem hohen Maß an Bürokratie führen.

Als erstes nennt Junghannß die Fördermittel, auf die die meisten Betriebe angewiesen sind. „Es ist doch klar, jeder der Geld vergibt, möcht auch wissen, was damit geschieht wird“, meint der TBV-Vize. Nicht nachvollziehbar sei aber, dass er und seine Kollegen in diesem Kontext jedes Jahr aufs Neue die genaue Quadratmeterzahl der Äcker angegeben müssen. „Die wird doch nicht größer“, sagt Junghannß. Nur selten komme ein Feld dazu. Deshalb wäre es sinnvoller, nur die Veränderung anzugeben. „Der zweite Aspekt sind unsere Produkte. Wir stellen ausschließlich Lebensmittel her.“ Jeder Arbeitsschritt muss im Sinne des Verbraucherschutzes dokumentiert werden. Was zwar verständlich und richtig sei, betont Junghannß, bedeute jedoch besonders für die Tierproduzenten ein hohes Maß an zusätzlicher Arbeit. Denn bei ihnen müssen meist auf das Einzeltier bezogene Aufzeichnungen angelegt werden.

Neben immer neuen Gesetzen und Vorschriften, sieht Junghannß einen weiteren Grund für die Zunahme der Büroarbeit in den landwirtschaftlichen Betrieben an noch ganz anderer Stelle. „Beim Staat und in den Kommunen wird Personal abgebaut, die anfallende Arbeit wird dafür in die Betriebe verlagert.“ Noch könnten die Bauern mit den bürokratischen Anforderungen umgehen. „Das Problem aber ist, dass die Zunahme der Bürokratie ein schleichender Prozess ist.“

Von Jörg Reuter

Monstab 50.9923597 12.3505623
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