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Darf man über Hitler lachen. Premiere für George Taboris Farce "Mein Kampf" in Altenburg

Darf man über Hitler lachen. Premiere für George Taboris Farce "Mein Kampf" in Altenburg

"Vielleicht ist das der Sinn der Dichtung." Der Sinn der Dichtung? Gibt es den? Immer wieder definiert und hinterfragt er ihn.

Altenburg.

 

 

 

 

Von Tatjana Böhme-Mehner

Als George Tabori, Intellektueller und Theatermann, dessen Vater in Auschwitz starb, 1987 "Mein Kampf" erstmals auf die Bühne des Wiener Akademietheaters brachte, fragte man sich das. Hitler eine palavernde Witzfigur, die sich überhaupt nur im Wechselspiel mit jüdischem Witz profiliert? Eine Farce ist das - und genau das ist die Genrebezeichnung.

Ein Vierteljahrhundert später zieht sich ein schmaler Bühnensteg durchs Altenburger Heizhaus, gerade mal so breit wie ein Doppelstockbett lang ist. Er holt die Akteure bedenklich nah ans Publikum, sorgt für ungeschönte Intimität. Eine Farce muss aufdringlich sein. Dazu darf sie auch mal alle Sinne ansprechen - beißend in die Nase dringen und den Steg mit dem Ofenrohr in der Mitte ganz assoziativ zur Verladerampe werden lassen. Es sind Assoziationen, mit denen dieses Theater spielt und am Rande des Bewusstseins bohrt. Erschütternde Assoziationen - Rampe - Jude - beißender Qualm - Juden. Und dazwischen hysterisch zappelnd, wie eine Marionette am Schnürchen, diese tragikomische Hitler-Witz-Figur. Und auch 2012 stellt sich die Frage: Darf man über Hitler lachen? Noch dazu in Deutschland.

Man darf, denn in jener Brechung, die in einer langen künstlerischen und kulturellen Tradition steht, ist der Humor ästhetisches Mittel. Die Verschmelzung von Geschichte und Fiktion provoziert ein Lachen, das immer wieder im Halse stecken bleibt, eines das aus der "Gnade der späten Geburt" erwächst. Denn natürlich funktioniert die Geschichte vom Schlomo und seinem Hitler nur aus dem Wissen um das Danach heraus. Nicht "der Jude Schlomo" solle der hypochondrische Junge sagen, sondern verallgemeinern - "die Juden", das macht sich in seiner Hassrhetorik besser. Eine Farce - der Jude rät ihm das. Dafür sorgt sich der tragikomische Diktator in spe schon einmal um zukünftige Geschichtsklitterung.

Das macht die Tragikomik dieses Werkes aus, mit der Tabori 1987 eine bemerkenswerte künstlerische Tradition begründete. Dass das immer wieder ein Tabubruch ist, auch heute noch in Altenburg, sagt eine Menge über diese Gesellschaft aus, über Gesellschaft an sich und ihre sonderbaren Mechanismen der Selbstreproduktion. Eine Farce - Deborah Epstein nimmt in ihrer Inszenierung die Genrebezeichnung ernst. Bis ins Letzte durchkomponiert bringt sie mit ihrem Ausstatter Florian Barth die Absurditäten auf den Punkt. In jener mehrfachen Brechung, die dieses Sujet so nötig hat, schichtet sie Assoziationen und Anspielungen, Slapstickanleihen und tiefschürfende Philosophie, Theologie und Nihilismus, Zitate und Fiktion, Figuren und Typen.

Peter Prautsch spielt den Schlomo berührend und beeindruckend vielschichtig, nimmt mit seiner Präsenz für die Figur ein. Anne Kessler ist das Pendant - Schlomos Hitler. Darf man über Hitler lachen? Man muss! Zumindest hier. Denn das, was Kessler aus dieser Rolle macht, ist ein Kabinettstück. Lachen, ja! Sympathien, nein! Allenfalls Mitleid ... Aber das erübrigt sich ja, weil die Geschichte präsent ist. Kessler liefert eine groteske Studie eines gewissen Adolf Hitler ab, die die Rezeptionsgeschichte der historischen Figur einschließt - von Charly Chaplin über Bruno Ganz bis Helge Schneider. Vielleicht ist das der Sinn der Dichtung: Nicht Hitler, die reale Gestalt. Nicht Schlomos Hitler allein. Unser aller Hitler. Erschreckend sprunghaft und grotesk.

Mit Ulrich Milde als Zimmergenossen und G-O-T-T-Projektion Lobkowitz, Nora Undine Jahn als Sehnsuchtsprojektion Gretchen, Manuel Kressin als Zukunftsprojektion Himmlischst und Mechthild Scrobanita als verführerischer Frau Tod wird die Farce komplett: schmerzhaft und urkomisch zugleich.

Durchkomponiert ist dieser Abend auch in anderer Hinsicht, im wahrsten Wortsinne. Eine Farce - das Genre schreit nach Musik. Und Schauspielkapellmeister Olav Kröger betätigt sich am Flügel als Begleiter im Sinne der großen Tradition der Stummfilmmusik. Eine fast dreistündige Mammutaufgabe - begleitet er Bewegungsabläufe mit chaplinesker Attitüde, so Erschreckendes verfremdend, untermalt Stimmungen und zitiert auch ganz konkret im Sinne des Textbuches. Wie man von "Tristan und Isolde" ins Wien, der Stadt der Träume, und wieder zurück kommt, ist nur eine der verblüffenden musikalischen Demonstrationen. Darf man das? Man darf. All das ist Sinn der Dichtung.

In Altenburg noch einmal am 17. Oktober, 10 Uhr. Danach in Gera. Karten unter ☎ 03447 585161 sowie im Internet unter www.tpthueringen.de

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