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Altenburg Das Altenburger Familienzentrum wird zehn – Bilanz und Ausblick
Region Altenburg Das Altenburger Familienzentrum wird zehn – Bilanz und Ausblick
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18:28 11.02.2019
Seit zehn Jahren gibt es das Familienzentrum in der Altenburger Brüderkirche. Dort haben schon die Jüngsten mit ihren Müttern ihren Spaß. Quelle: Mario Jahn
Altenburg

Vor zehn Jahren 2009 eröffnete das Familienzentrum in den Räumen der Brüderkirche. Inzwischen werden die Angebote pro Woche von etwa 200 Gästen genutzt. Im Interview werfen Leiter Tobias Quart und Pfarrer Sandro Vogler einen Blick zurück und stricken an Zukunftsplänen.

Warum wurde das Familienzentrum damals gegründet?

Tobias Quart: Hier war früher der Weltladen drin. Es gab früher schon das Themenfrühstück von Beate Tostlebe. Sie hat über einen langen Zeitraum alle, die es hören wollten, gefragt, ob es nicht möglich wäre, hier ein Familienzentrum draus zu machen, und ist damit bei der Kirchgemeinde offene Türen eingerannt. Über eine Projektförderung wurde der Umbau des Raums finanziert. Es ging los mit einem Pekip-Kurs, einer Krabbelgruppe, einem Eltern-Kind-Kreis und besagtem Frühstückstreffen. Das hat Beate Tostlebe erstmal neben ihrer gemeindepädagogischen Arbeit gemacht. Ich bin 2010 im Mai dazu gekommen. Ich bin also nicht ganz Urschleim, aber fast. Wir haben das zusammen aufgebaut und einen Haufen verschiedene Veranstaltungen gemacht zu allen möglichen Themen. Wer auch von Anfang an mit dabei war, ist Monika Voigtmann. Seit zehn Jahren gibt sie Mathe-Nachhilfe.

Es ging ja direkt volle Lotte los. Mussten Sie zu Beginn viel Überzeugungsarbeit leisten oder kamen die Leute direkt in Scharen?

Tobias Quart: Wir haben es schon immer andersrum gehalten und arbeiten bedarfsorientiert. Wir haben die Eltern gefragt: Was wollt ihr denn gerne machen? Wenn ein Kurs schlecht besucht ist, dann müssen wir den nicht auf Biegen und Brechen durchziehen. Wir haben mehr als genug Ideen.

Wie viele Mitarbeiter gehören inzwischen zum Team?

Tobias Quart: Inzwischen sind wir zu viert plus sechs weitere Leute, die in der Gemeinde aktiv sind. Das heißt die beiden Pfarrer, die Kirchenmusik, die junge Gemeinde, eine Mitarbeiterin im Stadtkirchenamt plus eine Gemeindemitarbeiterin als Mädchen für alles. Dazu kommen noch jede Menge Ehrenamtliche, die mithelfen. Wer auch von Anfang an mit dabei war, ist Monika Voigtmann. Seit zehn Jahren gibt sie Mathe-Nachhilfe.

Welche Rolle spielt das Familienzentrum inzwischen?

Sandro Vogler: Für die Kirchgemeinde ist das Familienzentrum eine der vier Säulen. Es ist unsere Zukunft. Wir sprechen Menschen an, die die Kirche sonst nie erreichen würde. Gleichzeitig ist das Familienzentrum für die Kirchgemeinde auch das Gesicht nach außen. Wir sind für die Menschen in dieser Stadt da. Daraus entwickeln sich manchmal ganz andere Dinge, Netzwerke auch in die Kirche hinein. Beim Martinsfest merkt man das ganz deutlich, dass ganz viele Eltern, die hier waren, die Anbindung an die Kirche gewonnen haben in einer ganz lockeren Art und Weise. Das freut mich natürlich als Pfarrer, dass es so auch Brücken in die Kirche hinein gibt.

Also ist das Familienzentrum in einer stark atheistisch geprägten Region wie dem Altenburger Land auch eine Schnittstelle, um mit der Kirche in Berührung zu kommen?

Sandro Vogler: Wir machen das hier nicht, damit jemand vom Glauben hört. Wir sind für die Menschen da und wen es interessiert, der kann in die Kirche kommen. Aber es ist nicht unser erklärtes Ziel, dass jeder, der ins Familienzentrum kommt, Teil der Kirche wird. Es ist ein positiver Nebeneffekt unserer Arbeit.

Tobias Quart: Wir haben hier zum Beispiel jeden Mittwoch das Mittagsgebet mit anschließendem Mittagessen. Das ist zum Beispiel eine Top-Schnittstelle. Früh um zehn haben wir immer Krabbelgruppe, um zwölf beginnt das Mittagsgebet, und da sitzen mittlerweile auch immer ein paar Eltern da, die vorher sicherlich nicht in der Kirchgemeinde angeklopft und gefragt hätten, ob’s denn hier was zum Mittag essen gibt.

Welche anderen Veranstaltungen haben sich inzwischen als feste Größe etabliert?

Sandro Vogler: Unser „Gottesdienst mit Kleinen“ ist besonders abgestimmt auf Kinder und junge Familien. Da waren beim letzten Gottesdienst etwa 60 Kinder da. Darunter bestimmt auch 20 Kinder samt Eltern, die ansonsten eine lockere bis keine Bindung an die Kirche haben. Die haben eine gute Erfahrung hier gemacht, schauen, was es sonst noch so gibt, und das freut mich. Ich bin ja selbst zugezogen und hab festgestellt, es gibt hier wenig Möglichkeiten, neue Leute kennenzulernen, aber viele sehnen sich danach. Deshalb haben wir den „Feierabend“ ins Leben gerufen. Von Mai bis September am letzten Donnerstag im Monat ist der Kirchhof offen für alle. Jeder bringt was zu essen mit, teilt es mit den anderen und wir grillen gemeinsam. Da kommen immer zwischen 30 und 50 Leuten, quatschen, tauschen sich aus und lernen sich besser kennen.

Tobias Quart: „Unser“ Fest ist und bleibt jedoch der Kinder- und Jugendtag am 12. September, an dem wir damals auch eröffnet haben. Da kommen sehr viele Familien auch hier aus dem Zentrum. Ich mache den Kinder- und Jugendtag inzwischen das neunte Mal mit und bin immer wieder erstaunt, wie viele Kinder dabei sind, die ich schon kenne, seit sie Windeln trugen. Da sehe ich natürlich auch, wie lange ich schon hier bin.

Klingt, als seien die vergangenen zehn Jahre ein netter Spaziergang gewesen. Was waren denn Herausforderungen, die Sie bewältigen mussten?

Tobias Quart: Die Förderung ist jedes Jahr wieder Thema. Wie in allen sozialen Bereichen muss man immer kämpfen, um im Gehörgang der entscheidenden Gremien präsent zu sein. Da hat sich sehr viel verändert und die Mittel wurden umgeschichtet. Da von vorn herein den Fuß in der Tür zu haben und zu sagen, wir brauchen Bestandsschutz und würden gern mehr machen, als wir abdecken können. Das ist auf jeden Fall eine große Herausforderung. Das ist auch wesentlich mehr geworden. Am Anfang war es etwa 60 Prozent sozialpädagogische Arbeit und 40 Prozent Verwaltung. Mittlerweile würd ich sagen 70 zu 30 zu Gunsten der Verwaltung, wobei mein Stellenumfang nicht mehr geworden ist. Was aber auch daran liegt, dass ich inzwischen drei Mitarbeiterinnen habe. Wir brauchen pro Jahr knapp 150 000 Euro, wobei der Löwenanteil vom Jugendamt, also vom Landkreis Altenburger Land, kommt.

Über die Jahre hat sich das Familienzentrum zu einer festen Größe in Altenburg gemausert. Ein Selbstläufer?

Tobias Quart: Im Fördermittelbereich machen wir sehr viel Öffentlichkeitsarbeit, um im Gedächtnis der Entscheider zu bleiben. Das ist ganz wichtig. Was die Bewerbung der Angebote angeht, fahren wir das auf sehr geringem Niveau, weil unsere Kurse immer voll sind. Unser Rekord bei den Krabbelgruppen liegt bei 17 Mamas plus die jeweiligen Kinder. Das macht aber eigentlich keinen Spaß. Wir streben eher so Gruppengrößen von acht bis zwölf Mamas an. Das ist für die Eltern ein wesentlich schönerer Rahmen. Wir wollen ja nicht nur Kaffee kochen. Bei uns geht’s um Elternarbeit, dass sie gehört werden und Gespräche führen können, über Dinge, die sie umtreibt. Deswegen werden bei uns die Krabbelgruppen auch nicht von Ehrenamtlichen sondern von Fachkräften betreut. Das ist keine Spielgruppe, sondern wir schaffen Zeit und Raum, um Probleme anzusprechen, zu vermitteln und zu unterstützen – zum Beispiel Zugezogene bei Fragen zur Kitacard.

Haben sich die Probleme in der ganzen Zeit verändert? Was für Themen beschäftigt die Eltern?

Tobias Quart: Was sich wirklich gewandelt hat, dass wieder mehr Zugezogene zu uns kommen. Viele kehren mit Familie zurück nach Altenburg und lassen sich im ländlichen Raum nieder. Wir sind aktiv im Arbeitskreis „Familie schafft Zukunft“ und haben 2019 unter das Motto: „Willkommen in Altenburg“ gestellt. Wir wollen dazu beitragen, eine Willkommenskultur zu entwickeln. Ich habe oft die Situation, dass die Leute nicht besonders stolz darauf sind, in Altenburg zu wohnen. Das finde ich total schade. Dazu beizutragen und zu zeigen, es gibt viele familienfreundliche Aktivitäten, macht mit, beteiligt euch, das wollen wir unterstützen. Ansonsten haben sich die Probleme nicht wirklich verändert. Unsere Zielgruppe sind vorrangig Eltern in der Elternzeit – und die beschäftigt das Gleiche wie die vor zehn Jahren: Mein Kind schreit viel, schläft nicht, hat keine Zähne, bekommt Zähne, schläft nicht im eigenen Bett… Diese Themen werden sich nie ändern.

Sandro Vogler: Altenburg ist und wird immer mehr eine familienfreundliche Kommune. Ich finde, die Altenburger sollten auch mutig sein und diese Zeichen erkennen. Einfach mal sagen: Herzlich Willkommen liebe Familie. Schön, dass ihr da seid. Wir haben euch was zu bieten.

Was schätzen Sie an dieser doch sehr vielfältigen Arbeit am meisten?

Tobias Quart: Der große Vorteil in Altenburg sind die kurzen Wege in alle Bereiche. Ich sitze in mehreren Gremien und hatte letztens einen Kollegen aus Erfurt da, der hat mich beneidet, wie gut hier die Netzwerkarbeit funktioniert. Die Kommunikation mit Stadt, Landratsamt, Jobcenter oder Kirchgemeinde, das funktioniert einfach. Man hat für jedes Problem, das man angehen möchte, die richtige Telefonnummer und kennt die Leute meist sogar persönlich. Wir haben in alle Bereiche Kontakte und das kommt den Eltern natürlich zu gute. Die kommen her, man redet, merkt, dass es irgendwo klemmt und kann direkt helfen.

Was sind die Baustellen der nächsten Jahre?

Tobias Quart: Wir stoßen hier vor Ort an die Grenzen unserer Möglichkeiten – sowohl personell als auch räumlich. Deshalb macht das Familienzentrum seit letztem Jahr mobil. Wir haben jetzt die erste Krabbelgruppe in Ehrenhain und einen Sportkurs in Rolika.

Sandro Vogler: Was auch dahinter steht, ist auch ein innovativer Ansatz des dezentralen Arbeitens. Es soll dazu dienen, dass der ländliche Raum belebt wird. Was an so eine Krabbelgruppe in Ehrenhain angedockt werden kann, sind ja auch andere Angebote. Es ist unser Versuch, Demografie zu gestalten. Wir horten nicht alles für uns, sondern wir geben was in die Dörfer zurück. Eine Sache, wovon wir für die Zukunft auch träumen, dass das Ernestinum da drüben sich zur Bibliothek entwickelt und dass es zu einer Kooperation mit dem Familienzentrum kommt. Dass da Synergieeffekte möglich sind, die den oberen Markt mehr beleben.

Gibt’s dieses Jahr eine besonders große Geburtstagsparty zum Jubiläum?

Tobias Quart: Es geht nicht größer! Mehr als ganz voll geht nicht. Wir feiern wie jedes Jahr alle gemeinsam ein großes Fest, wobei genaue Details noch nicht feststehen. Es steht und fällt mit den Kooperationspartnern.

Zum Schluss: Was bringt die Zukunft?

Tobias Quart: Wenn wir die Fördermittel bekommen, sind wir sehr optimistisch. Wir haben genug Aufgaben. Wir haben genug Bedarf. Alle Kurse die wir anbieten, sind ausgebucht beziehungsweise werden alle Angebote sehr gut genutzt. Es ist eine stetige Arbeit, die Leute weiterhin zu begeistern, aber es wird alles gut angenommen. Altenburg ist weit weg davon, tot zu sein oder eine Stadt der alten Menschen. Jetzt sind wir zehn, aber das ist ja eigentlich nichts. Da ist noch viel Raum sich weiterzuentwickeln. Wir sind offen, für jegliche Ideen und freuen uns über alle, die sich aktiv miteinbringen wollen.

Sandro Vogler: Aber diese zehn Jahre sind auch an uns nicht spurlos vorbei gegangen. Der Lack ist ein bisschen ab. Die Heizung ist kaputt. Die muss ausgetauscht werden. Wir wollen auch mal wieder den Raum malern. Wenn man rein kommt, hör ich glücklicherweise noch: Oh, das ist aber schön hier, aber wenn man mal etwas genauer in die Ecken schaut, sieht man die zehn Jahre. Wär schön, wenn wir pünktlich zum Kinder- und Jugendtag in neuem Glanz wieder eröffnen könnten. Neue Toiletten sind auch ein Thema. Der Weltladen wurde bereits noch familienfreundlicher gestaltet, mit einer von Eltern mitgestalteten Spieleecke, Freisitz davor und dem Spielplatz im Innenhof. Innenstadtnah findet sich nirgends etwas Vergleichbares.

Von Maike Steuer

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