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Das Beste draus machen

Das Beste draus machen

Sie bietet noch jede Menge DDR-Flair, die Altenburger Stadtbibliothek in der Lindenaustraße. Doch die Skatstädter scheinen sich daran nicht zu stören.

Altenburg.

Fast 89 000 Entleihungen stehen in der Statistik für 2013. Das sind sogar ein paar mehr als das Jahr zuvor. Und dies trotz eines zweiten wöchentlichen Schließtages, der aufgrund finanzieller Engpässe im städtischen Haushalt notwendig geworden war. Ein Phänomen? Die OVZ suchte hinter den Kulissen nach einer Erklärung.

 

 

 

Jeder - mit Verlaub - schon etwas in die Jahre gekommene Ureinwohner Altenburgs fühlt sich schon beim Betreten des Hausflurs der Gründerzeitvilla an mehr oder weniger ferne Kindheitstage erinnert. Dieser markante Geruch, das Knarren der Holztreppenstufen auf dem Weg in die zweite Etage, das Quietschen der Eingangstür. Alles so, als hätte sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht allzu viel verändert.

 

"Was das Haus betrifft, ist dies leider tatsächlich so", bestätigt Bibliotheksleiterin Christina Hantke-Ziese. Neu beziehungsweise aus Denkmalschutzgründen aufgearbeitet sind lediglich Fenster, Heizung sowie hier und da die Fußböden. Zum Glück konnten jetzt wenigstens in den drei Räumen der Kinderbibliothek neue Regale aufgestellt werden. Doch im Erwachsenenbereich haben sie mittlerweile 50 bis 60 Jahre auf dem Buckel. Der Platz für die insgesamt 46 000 Medien - vom klassischen Buch über Zeitschriften, CDs, Hörbücher, DVDs, Gesellschaftsspiele bis hin zu Wii- und Nintendo-DS-Spielen - reicht hinten und vorn nicht. Altenburg ist die einzige sogenannte Mittelpunkt-Bibliothek in Thüringen, in der so gut wie nichts passiert seit der Wende.

 

Doch die Stadtverwaltung will in das Gebäude nicht mehr investieren. Das Haus soll verkauft werden und die Bibliothek irgendwann umziehen, sagt der Oberbürgermeister. Vielleicht in den Marstall. Doch wann der saniert wird, steht in den Sternen. "Ich weiß, dass die Bibliothek nicht mehr zeitgemäß ist", so Michael Wolf. "Ich bin deshalb bemüht, das Ganze innerhalb meiner Amtszeit zu schaffen." Heißt also bis spätestens 2018.

 

Christina Hantke-Ziese und ihre fünf Mitarbeiter versuchen derweil mit Unterstützung einer Bürgerarbeiterin, eines Bufdi (Bundesfreiwilligendienst) und einer Ehrenamtlichen das Beste aus der Situation zu machen. Mit Erfolg, wie nicht zuletzt die Zahlen des vergangenen Jahres beweisen. 88 856 Entleihungen durch 2115 aktive Nutzer wurden registriert. Das sind sogar 40 mehr als 2013. Klingt nicht viel, ist aber beachtlich. Denn die Stadtbibliothek musste einen zweiten Schließtag verkraften. Nicht nur mittwochs, sondern auch freitags blieb sie aufgrund einer städtischen Maßnahme zur Haushaltskonsolidierung für die Besucher zu. Doch die hielten ihrer Bibo dennoch die Treue. "Manchmal mussten sie tüchtig Schlange stehen. Deshalb sind wir sehr froh, dass wir in diesem Jahr wieder vier Tage in der Woche öffnen können", sagt die Chefin. Am 10. Januar, dem ersten offenen Freitag, kamen sage und schreibe gleich 90 Leser.

 

So etwas schafft man nur, wenn man sich immer wieder etwas Neues einfallen lässt. Zu den gefragten regelmäßigen Veranstaltungen gehört seit 2008 der Büchertreff, bei dem die Mitarbeiter, zunehmend aber auch prominente Altenburger aus aktuellen Büchern lesen. Auch die "Leselotte", eine Aktion für Schüler der 3. bis 6. Klassen, kam außerordentlich gut an. Zum Abschlussnachmittag musste man sogar in die Mehrzweckhalle der benachbarten Reichenbach-Schule ausweichen, weil über 200 Besucher die Veranstaltung stürmten. "So etwas haben wir noch nicht erlebt", strahlt die Chefin noch heute. Gleiches gilt für die Manuskript-Wanderung mit Thüringer Autoren im voll besetzten Mauritianum. Auf insgesamt 56 Veranstaltungen mit rund 1600 Teilnehmern hat es die Altenburger Stadtbibliothek im vergangenen Jahr gebracht. Eine überaus beachtliche Zahl.

 

Und für 2014 ist schon ein neues Projekt im Visier. Es heißt "Lesestart", wird vom Bundesbildungsministerium und der Stiftung Lesen finanziert und richtet sich an Kinder im Alter von drei Jahren. Wer also seinen Sprössling frühzeitig mit Büchern bekanntmachen will, bekommt in der Bibliothek einen quietschgelben Beutel mit einem altersgerechten Buch, einem Poster und weiteren Vorlese-Empfehlungen geschenkt.

 

Aber auch andersherum funktioniert die Sache. So hat Christina Hantke-Ziese beobachtet, dass über Aktionen in Kindergärten oder Schulen neue Leser im Erwachsenenbereich gewonnen werden. Die Mädchen und Jungen bringen nämlich einfach ihre Eltern mit. Insgesamt 410 Neuanmeldungen wurden 2013 registriert.

 

Um neue und natürlich auch langjährige Leser immer wieder zum Besuch zu "verleiten", heißt es, sich um attraktive Lese-Angebote zu kümmern. Das ist bei einem sehr begrenzten Etat schwierig genug. Trotzdem bemüht sich die Bibliothek, gefragte Titel zu kaufen. Sie orientiert sich dabei sowohl an den Nutzerwünschen als auch an Empfehlungen eines bundesweiten Info-Dienstes für Bibliotheken. Gefragt sind in der Skatstadt vor allem Belletristik, hier besonders Thriller, Krimis und historische Literatur. Renner im vergangenen Jahr war konkurrenzlos "1803" der Leipziger Schriftstellerin Sabine Ebert. "Zu keinem anderen Buch gab es so viele Vorbestellungen. Glücklicherweise haben wir inzwischen ein zweites Exemplar anschaffen können", freut sich Christina Hantke-Ziese. Bei den Kindern führt die Hitliste unangefochten die Reihe "Gregs Tagebuch" an.

 

Eine Zielgruppe, die derzeit weniger erreicht wird, sind die Jugendlichen. Die Einführung der E-Book-Ausleihe, der sogenannten Onleihe, steht deshalb ebenso auf der Agenda wie die Schaffung von Computerarbeitsplätzen. So etwas ist gefragt bei jungen Leuten, weiß die Chefin. Doch letzteres ist wohl nur mit dem avisierten Umzug zu verwirklichen. "Ein neues oder ein saniertes Gebäude ist deshalb unser sehnlichster Wunsch", so die 52-Jährige, die 1983 als Bibliothekarin in der inzwischen geschlossenen Zweigstelle in Altenburg-Nord angefangen hat und selbst natürlich leidenschaftlich gern liest. Zurzeit liegt "Das Herzhören" von Jan-Philipp Sendker auf ihrem Nachttisch. "Ein sehr poetischer Liebesroman, den ich meinen Lesern nur im Wortsinn ans Herz legen kann." Solche Empfehlungen der Mitarbeiter ist übrigens ein Service, der in Altenburg ebenfalls oft und gern in Anspruch genommen wird.

 

@www.altenburg.eu

Ellen Paul

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