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"Das Museum steht am Scheideweg"

"Das Museum steht am Scheideweg"

Das Lindenau-Museum gehört vor allem wegen seiner weithin bekannten Sammlung frühitalienischer Malerei zu den musealen Leuchttürmen nicht nur in Thüringen.

Altenburg.

Doch die Bedingungen für die Museumsarbeit sind alles andere als rosig. Undichte Fenster, kein Gemälderestaurator und kaum Geld, um Ausstellungen zu bewerben: Das renommierte Haus steht nach Einschätzung seiner Direktorin Julia M. Nauhaus an einem Scheideweg. OVZ sprach mit der 38-jährigen promovierten Kunsthistorikerin, die jetzt seit einem Jahr im Amt ist.

 

OVZ: Die vier klassischen Aufgaben eines Museums sind Sammeln, Bewahren, Forschen, Vermitteln. Welche davon ist bei Ihnen gefährdet?

 

Julia M. Nauhaus: Bewahren, definitiv.

 

Warum, was ist los?

 

Das Dach und die Fenster, selbst die neueren aus den 1990er-Jahren, sind undicht. Im Winter heizen wir den Park. Es fehlt an UV-Schutz und so weiter. Das sind nicht nur enorme Kosten, sondern dadurch sind die Bedingungen für die Kunstwerke, gelinde gesagt, nicht optimal. Abgesehen davon entspricht die Situation im Depot nicht den Standards, wie sie der Deutsche oder der Internationale Museumsbund festgeschrieben haben. Es fehlt auch an Klima-Messgeräten, die in einem Museum eigentlich selbstverständlich sein sollten.

 

Fließt Wasser auf Kunstwerke?

 

Nein. Wir hatten auch kein Hochwasser, aber durch die sehr starken Regenfälle gab es neue Feuchtigkeitsschäden in den Ausstellungsräumen.

 

Hat jemand mal eine Summe ermittelt, die für die Sanierung des historischen Museumsbaus nötig ist?

 

Nein, weil der Altbau bislang nicht so stark im Fokus stand. Es ist ja in den 1990er-Jahren viel investiert worden, aber das ist 20 Jahre her. Deswegen bin ich jetzt dabei, gemeinsam mit einem Architekten den Ist-Zustand zu ermitteln. Er hat zum Beispiel die Schäden am Dach dokumentiert. Hier besteht akuter Handlungsbedarf und zwar grundsätzlich, mit Flickschusterei ist es nicht getan.

 

Im Moment steht bei Kulturbauten das Thema Flut im Vordergrund. Das Lindenau-Museum scheint eher leise vor sich hin zu sterben. Haben Sie da schon gegensteuern können?

 

Selbst kann man das immer schwer beurteilen. Ich habe, glaube ich, das Museum in allen Arbeitsbereichen durchforstet, habe einen guten Überblick über das, was es an Problemen, aber auch an Chancen gibt. Die Chancen liegen klar in den Lindenauschen Sammlungen und bei Gerhard Altenbourg. Mein Wunsch ist es, das Museum zu öffnen. Die Leute in Altenburg merken schon, dass das Museum kein elitärer Kunsttempel, sondern für alle da ist. Ich würde gerne erreichen, dass jeder, der den Namen Lindenau-Museum hört, weiß, wo das ist und was es ist. Das ist noch nicht der Fall.

 

Woran liegt das?

 

Die geografische Lage ist natürlich ungünstig. Schwierig ist auch, dass man aus der Leipziger Anbindung raus ist und jetzt im ostthüringischen Zipfel und damit auch relativ weit weg ist von Erfurt. Es gibt keinen direkten Autobahnanschluss. Und dann können wir hier wunderbare Ausstellungen machen, wenn wir aber praktisch keine Mittel haben, diese zu bewerben, bekommt das kaum einer mit.

 

Wie viele Mitarbeiter haben Sie eigentlich?

 

Mit mir sind es zehn. Wir haben das deutschlandweit einzigartige Studio Bildende Kunst am Museum - und die Leiterin arbeitet auf Honorarbasis. Früher gab es dafür eine volle Stelle, die irgendwann gestrichen wurde. Wir brauchen dringend noch einen weiteren Museumspädagogen. Denn hier findet für viele Schüler der Region regelmäßig Kunstunterricht statt.

 

Wie sieht es bei den Restauratoren aus?

 

Wir haben zwei fest angestellte Restauratoren, einen Papierrestaurator, der jedoch keine volle Stelle hat, und eine Keramikrestauratorin, die auch in der Museumspädagogik beschäftigt ist. Dringend notwendig ist zumindest eine halbe Stelle für einen Gemälderestaurator, der die Malerei betreut. Die italienischen Tafelbilder, unser großer Schatz, sind sehr empfindlich.

 

All das zeigt doch aber einmal mehr, dass der Landkreis als Träger mit einem solchen Museum vollkommen überfordert ist.

 

Angesichts der aktuellen finanziellen Situation bin ich schon froh, dass es nicht noch weitere Streichungen gab. Wir bekommen institutionelle Förderung vom Freistaat Thüringen, wofür wir dankbar sind. Auch außerplanmäßig kommt oft Hilfe aus Erfurt. Dennoch ist das Museum unterfinanziert, weil die Fixkosten sehr hoch sind. Als dritte finanzielle Säule brauchen wir den Bund und von dort dauerhaft Zuschüsse. Freistaat und Landkreis alleine können das kaum schaffen. Das Ausstellungsprogramm in diesem Jahr ist nur mit Hilfe von Drittmitteln zu finanzieren. Dank mehrerer Stiftungen und auch des Freistaates können wir Sonderausstellungen mit internationalen Leihgaben wie Martin Disler oder Raden Saleh zeigen und dazu auch Kataloge publizieren. Doch dies wird so nicht auf Dauer möglich sein. Abgesehen davon, dass einem zudem wie beispielsweise bei Saleh auch mal schnell die Transportkosten um die Ohren fliegen können.

 

Haben Sie den Kulturstaatsminister schon mal eingeladen?

 

Noch nicht. Er kennt das Haus aber, war unter meiner Vorgängerin hier, hatte auch durchaus Unterstützungsbereitschaft signalisiert. Aber die Hauptverantwortung liegt natürlich erst einmal beim Träger des Museums selbst.

 

Dann gibt es ja noch den schon lange viel diskutierten und heftig umstrittenen Erweiterungsbau.

 

Ich sehe Neu- und Altbau als Gesamtprojekt. Wir können dieses Museum auf Dauer im 21. Jahrhundert nicht ohne einen Erweiterungsbau führen. Wir brauchen Depots und Werkstätten, Räumlichkeiten fürs Studio Bildende Kunst. Dieses ganze Hinterland eines Museums, von dem die meisten Leute gar nichts wissen, fehlt hier. Wir haben keinen Platz, räumen von einer Ecke in die andere, was auch ein großes Brandschutzproblem erzeugt. Der Neubau alleine nützt uns nichts, wenn der Altbau zusammenbricht.

 

Angesichts solcher Probleme: Bereuen Sie, dass Sie vor einem Jahr von Braunschweig nach Altenburg gewechselt sind?

 

Fakt ist: Unter solchen Bedingungen, finanziell und baulich, können meine Mitarbeiter und ich nicht so arbeiten, wie wir es gerne wollen. Das Museum steht an einem Scheideweg. Diese Verhältnisse sind nicht tragbar angesichts der Millionenwerte und einzigartigen Kunstschätze, die hier lagern. Das Lindenau-Museum zählt zu den bedeutendsten und schönsten Kunstmuseen Deutschlands.

 

Mit Verlaub, jetzt haben Sie sich aber sehr wortgewaltig um eine Antwort gedrückt.

 

Weil es nicht die richtige Frage ist. Bereuen kann man nur, wenn man Alternativen hatte und sich dann für die falsche entschied. Vor dieser Situation habe ich aber nicht gestanden.

 

Andersherum gefragt: Wären Sie gekommen, wenn Sie das alles im Detail gewusst hätten?

 

Ich habe mir das Museum natürlich angesehen, aber die internen Probleme lernen Sie erst kennen, wenn Sie da sind. Das ist wohl auch besser so und geht den meisten Direktoren nicht anders ...

 

Ihre Vorgängerin wünschte Ihnen, dass Sie sich in Altenburg heimischer fühlen mögen, als sie es selbst getan hat, obwohl sie 40 Jahre im Museum arbeitete und in der Stadt lebte. Darf man nach einem Jahr die Frage stellen, ob dieser Wunsch in Erfüllung gegangen ist?

 

Zugegebenermaßen habe ich noch nicht hundertprozentig das Gefühl, hier angekommen zu sein. Das liegt aber keinesfalls an der Stadt, denn die finde ich nach wie vor schön. Ich habe mich im zurückliegenden Jahr einfach so in die Arbeit im Museum gestürzt, dass ich vom Leben in Altenburg noch nicht allzu viel mitbekommen habe. Außerdem, das gebe ich zu, ist das Leben in der Kleinstadt schon gewöhnungsbedürftig, wenn man aus der Großstadt mit all ihren Annehmlichkeiten wie beispielsweise langen Ladenöffnungzeiten kommt.

 

Wie man hört, soll es Disharmonien in der Zusammenarbeit mit dem Freundeskreis des Lindenau-Museums geben?

 

Spannungen zwischen Fördervereinen und Direktoren sind nichts Ungewöhnliches. Das kenne ich von vielen Kollegen.

 

Auch gibt es dem Vernehmen nach Kritik an Ihrer Entscheidung, private Feiern im Museum zu untersagen. Brauchen Sie das Geld nicht mehr, das an Mietkosten eingespielt wurde?

 

Das ist so nicht korrekt. Ich habe nur die Personenzahl auf 50 begrenzt, und es gibt kein warmes Essen. Ich möchte nicht, dass das Lindenau-Museum eine zweite Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek wird. Außerdem waren die angesprochenen eingespielten Kosten im Übrigen nicht einmal annähernd kostendeckend. Ich bin der Meinung, dass die Gipsabguss-Sammlung ein Ausstellungsraum ist und die von Lindenau mit hohem Aufwand nach Altenburg geholten Abgüsse, die 170 Jahre alt sind, genauso unserer Fürsorge bedürfen wie die italienischen Tafelbilder. Es ist absolut unüblich, in Ausstellungsräumen Feiern zu veranstalten. Da wir keinen Veranstaltungsraum haben, gibt es diesen Kompromiss mit dem Café. Für einzelne Gäste oder kleine Gruppen ist das gerade noch vertretbar. An erster Stelle steht aber die Unversehrtheit der uns anvertrauten Kunstwerke.

 

Wie soll es angesichts der geschilderten Probleme weitergehen?

 

Ich hoffe, dass immer mehr Politiker einsehen, dass das Lindenau-Museum ein einzigartiges Museum mit Sammlungen ist, die es so kein zweites Mal in Deutschland gibt. Nicht umsonst ist es Mitglied der Konferenz nationaler Kultureinrichtungen und wurde in das "Blaubuch" aufgenommen.

 

Und für Sie persönlich?

 

Für mich hat die aktuelle Diskussion dazu geführt, mich noch mehr mit dem Haus zu identifizieren und mich dieser Herausforderung mit ganzer Kraft zu stellen. Für diese wunderbaren Sammlungen und auch das prachtvolle Gebäude lohnt es sich zu kämpfen. Und ich weiß, dass meine Mitarbeiter das genauso sehen.

 

© Kommentar Seite 13

Jürgen Kleindienst und Ellen Pa

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