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"Das muss man hinnehmen"

"Das muss man hinnehmen"

Nach dem Starkregen vom Dienstag wurde gestern nicht nur aufgeräumt und sauber gemacht. Fachleute zogen ebenso erste Analysen. Danach steht fest, dass das Kanalisationssystem in der Stadt Altenburg gar nicht in der Lage sein konnte, die Mengen an Wasser aufzunehmen, sodass es zwangsläufig zu Überschwemmungen kommen musste.

Altenburg.

Messungen hatten stellenweise über 60 Liter pro Quadratmeter ergeben.

 

81 Unwettereinsätze musste allein die Altenburger Feuerwehr im Stadtgebiet fahren. "Es ging vor allem um geflutete Keller und Straßen", erklärt Feuerwehrchef Thomas Wust. Er schätzt, dass es Ende der 1980er-Jahre letztmals so ein schweres Unwetter mit derartigen Auswirkungen gegeben hat. Am Dienstag leitete er bis in die späten Abendstunden nach Dringlichkeit die Mannschaften der Freiwilligen Wehren sowie der Berufswehr mit 35 Kameraden und acht mit Pumpen versehenene Einsatzfahrzeuge. "Vorrang hatten große öffentliche Gebäude, Krankenhäuser sowie stark gefährdete Einrichtungen,", erklärt Wust. Speziell nannte er die Psychiatrische Klinik an der Zeitzer Straße, das Kaufland in Nord sowie Gebäude in der Wallstraße. "Alle Einsätze, die wir bis gegen 22 Uhr abgearbeitet hatten, verteilten sich flächendeckend auf das gesamte Stadtgebiet einschließlich der Ortsteile", erklärt der Feuerwehrchef.

 

Auch die Kameraden selbst hatten mit dem Wasser zu kämpfen. Weniger, weil es selbst in das neue Feuerwehrzentrum am Weißen Berg eindrang und kurzfristig der Strom ausfiel. Vielmehr steckten in Altenburg einige Helfer der Feuerwehr in der Bredouille, weil das eigene Heim betroffen war oder es kein Durchkommen zu den Gerätehäusern mehr gab.

 

Der in Altenburg entstandene Schaden lässt sich derzeit noch nicht beziffern, sagt Bürgermeisterin Kristin Knitt. Sie hat sich als amtierende Rathaus-Chefin - OB Wolf ist im Urlaub - aber gleich gestern früh mit den Mitarbeitern vom städtischen Bauhof beraten, welche Schäden wo zu beheben sind. Betroffen war unter anderem der Pohlhof, aus dessen Wegen massenhaft Erde und Splitt ausgespült worden war. Objekte im städtischen Eigentum waren außerdem die Grundschule Karolinum und die Kegelanlage "Zur Schweiz". Alle Straßen und Plätze aufzuführen, die aus- oder unterspült waren, sei aufgrund der Vielzahl gar nicht möglich. "Die Kanalisation ist bei solch einem Starkregen einfach überfordert, das kann sie nicht schaffen", erläutert Knitt. Würde man sie größer dimensionieren, würde das deutlich mehr Geld kosten.

 

Haargenau die gleiche Auffassung vertritt der Leiter des Wasserversorgungs- und Abwasserentsorgungsbetriebes Altenburg (Waba), Martin Wenzel. Die Kanäle seien so dimensioniert, dass sie in der Lage sind, das Oberflächenwasser im Normalfall abzuleiten, erläutert der Fachmann der OVZ. Sie reichten aber nicht aus, um jene 60 Liter pro Quadratmeter aufzunehmen, die am Dienstag gemessen wurden. Dass es dann zu Überflutungen komme, "muss man hinnehmen", sagt Wenzel. Das treffe auch auf den Bereich unter der Bahnbrücke in der Leipziger Straße zu, wo sich neben dem Wasser in den Kanälen auch das Oberflächenwasser aus den höher gelegenen Straßen gesammelt habe. Dass dort auch der Jüdengrundbach neuerdings in einem Rohr entlanglaufe, habe nicht für die Überschwemmungen gesorgt, meint Wenzel.

 

Mit dem Schrecken davon gekommen ist offensichtlich das nigelnagelneue Medicum. Zwar sei Wasser in die Caféteria gelaufen, doch dank vieler fleißiger Helfer sei diese schon gegen 17 Uhr wieder trocken gewesen, erklärte die Geschäftsführerin des Klinikums, Gundula Werner, auf OVZ-Anfrage. Warum der Regen die Caféteria und auch die Tiefgarage in Mitleidenschaft gezogen hat, konnte sie gestern allerdings noch nicht sagen. "Da sind wir noch in der Prüfung."

 

Wesentlich dramatischer war die Situation in der Klinik für Psychiatrie an der Zeitzer Straße. "Zwar waren keine stationären Bereiche von Wassereinbrüchen betroffen, dafür aber beispielsweise Räume, in denen Therapien stattfinden", sagt der stellvertretende Verwaltungsleiter Jan Westphal. Von der Vehemenz des Wassereinbruchs zeigt sich Westphal überrascht: "Wir hatten den Eindruck, die Kanalisation der Stadt Altenburg scheint nicht mehr auf der Höhe der Zeit zu sein." Denn durch die offensichtlich ausgereizte Kanalisation zurückdrückendes Wasser setzte die unteren Gebäudebereiche unter Wasser. "Das schoss regelrecht hinein. Sogar aus den Toiletten", schildert er. Zwar sei die genaue Schadenshöhe noch nicht ermittelt, aber auf jeden Fall habe der rasche Einsatz der Freiwilligen Feuerwehr die Klinik vor Schlimmerem bewahrt. "Da bedanken wir uns für das schnelle Handeln der Kameraden. Denn das Wasser stieg derart schnell, dass es bald unsere EDV-Anlage erreicht und wohl zerstört hätte", so Westphal.

 

Betroffen zeigte sich der Vorsitzende des Regionalverbandes Altenburger Land der Kleingärtner, Wolfgang Preuß, dass die Anlage "Fortschritt" nahe des Altenburger Plateaus wieder einmal so stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. "Dabei haben wir erst Fördermittel hineingesteckt, um ein Grabensystem zum Ablauf des Wassers rund um die Anlage zu installieren." Er werde sich deshalb mit dem Vorsitzenden, Frank Rohde, zusammensetzen und beraten, wie es weitergehen soll. Eventuell müsse man über eine Umsiedlung nachdenken. "Auf jeden Fall werden wir angesichts des Schrumpfungsprozesses im Kleingartenwesen Anlagen, die regelmäßig von Hochwasser betroffen sind, künftig nicht mehr fördern", macht Preuß klar.

 

Ziemlich sauer ist Kleingartenchef Frank Rohde. "Wieder einmal ist die Arbeit eines Jahres fast dahin", teilt er dem Regionalverband mit. Er kann sich mit der großen Regenmenge als alleiniger Ursache der Überschwemmung seiner Anlage nicht abfinden. Das Überflutungsgebiet der Blauen Flut, mit den einstigen gesamten Plateauwiesen und der Anlage selbst, werde lediglich über eine 400-Millimeter-Leitung entwässert, rechnet Rohde vor. Im Zuge der Baumaßnahmen vor und nach der Wende seien Fehler gemacht worden, die zum jetzigen Zustand führten. © Kommentar

Jens Rosenkranz

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