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Altenburg Das ruhige Dorf der lauten Musik
Region Altenburg Das ruhige Dorf der lauten Musik
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08:00 16.04.2017
1947 war trotz der damals modernen Dreschmaschine die Ernte auf dem Schleich’schen Gut schwere Arbeit, bei der alle mit anfassen mussten. Quelle: privat
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Tanna

Rund 50 Kilometer von Leipzig entfernt, reichlich 16 Kilometer bis Altenburg und immerhin noch 10 Kilometer bis zur nächsten Bundesstraße: Tanna liegt tatsächlich ab vom Schuss. Dennoch ist das Örtchen nicht für die Ruhe bekannt, von der die Tannaer sagen, diese sei das Schönste an ihrem Dorf. Vielmehr ist es der Kuhstall Tanna, in dem seit mehr als zwei Jahrzehnten Rock-Musiker und Bules-Bands aus Deutschland, Tschechien und auch Großbritannien gastieren. Auf den Rock-Club mit Renommee in ihrem Dorf sind alle im Ort stolz, unterstützen ihn. Und natürlich wissen die Tannaer sofort, wo sie sich mit der OVZ fürs Dorfporträt treffen: bei Matthias Schleich.

Matthias Schleich ist der Kuhstallwirt. Ein Ur-Tannaer, wie es nur noch wenige gibt. Inzwischen leben zumeist Zugezogene in seiner Nachbarschaft. „Selbst einen Münchner hat es hierher verschlagen“, erzählt Hartmut Simon, der wie Schleich in Tanna aufgewachsen ist und sich noch gut erinnern kann, wie es damals war, als Anfang der 90er zum ersten mal Jugendliche in Massen Woodstock-Feeling nach Tanna brachten. Oft zelteten sie von Freitag bis Sonntag in der malerischen Kulisse. Simons Gesicht schmückt ein vielsagendes verschmitztes Lächeln. Erst einmal seien sie im Ort überrascht gewesen, wie viel junge Leute kamen, erinnert sich der 63-Jährige. Und ungewohnt laut sei es gewesen. Doch randaliert habe nie jemand, und nach so einem Wochenende sei der Ort schnell wieder sauber gewesen. So haben sie sich daran gewöhnt, meint Simon. Anfangs, in den 90er-Jahren, unterbrach fast jeden Monat ein Konzert die dörfliche Ruhe.

Vor der Wende war es lauter

Doch so ruhig wie heute an normalen Tagen war es ein paar Jahre zuvor – vor der Wende – keineswegs. „Wir waren damals 16 Schulkinder“, erinnert sich Schleich. Zweimal am Tag kam das Milchauto. Und täglich war der Futterwagen im Dorf unterwegs. Denn in den Ställen der sechs Vierseithöfe standen seinerzeit Rinder, Schweine und Pferde der LPG. Im Schleich’schen Gut etwa waren 48 Milchkühe untergebracht. Das sorgte für Arbeit und geschäftiges Treiben in Tanna. Wahrscheinlich mehr als 1000 Jahre brachte die Landwirtschaft Wohlstand, von dem die großen Güter zeugen. Aus dem 15. Jahrhundert sind erste schriftliche Nennungen des Dörfchens bekannt. Jedoch lässt die noch immer erkennbare Rundling-Form der Siedlung vermuten, dass hier schon vor der Christianisierung Slawen lebten.

Heute hat Tanna insgesamt noch 16 Einwohner und ein Schulkind. Außer dem Schulbus, der wochentags kommt, wenn keine Ferien sind, gibt es kaum Verkehr. So herrscht eben viel Ruhe im Dorf, auch weil von der gewerblichen Landwirtschaft wenig übrig ist. In den meisten der Gehöften wohnt sowieso nur noch eine Person, sagt Simon. Und eines ist schon leer. Anders die sechs Einfamilienhäusern. Dort sind viele der Jüngeren zugezogen – wie Alexander Ludwig, Nicole Haubold und Daniela Fischer. „Ich habe hier früher einen Freund besucht. Tanna war für mich immer wie ein kleiner Urlaub, deshalb bin ich hergezogen“, erzählt Fischer. Sie haben es auch nie bereut, hier Wurzeln geschlagen zu haben, beteuern Nicole Haubold und Alexander Ludwig. Und dann schwärmen alle am Tisch vom Dorffest, das sie gemeinsam 2016 wiederbelebten, von den wöchentlichen Knackabenden und von den Sonntags-Frühschoppen.

Aufreger Nummer eins: Die Straßenausbaubeiträge

Aufregerthema Nummer eins in solchen Runden sind gerade die Straßenausbaubeiträge. Da könne sie kaum noch ruhig bleiben. „Unsere Straße wurde vor zwölf Jahren gemacht und jetzt sollen wir dafür zahlen“, wettert Ex-Gemeinderat Matthias Schleich. „Und der Abwasserzweckverband kam auch schon“, knurrt Simon. Die Gebietsreform mache sie zudem unruhig, so Alexander Ludwig. Diesbezüglich ist Tanna aber kein unbeschriebenes Blatt. 1938 wurde Tanna Wernsdorf zugeschlagen. 1950 wurden beide Dörfer Ortsteile von Naundorf. Mit der Gründung der DDR-Bezirke, 1952, gehörte das bis dahin sachsen-anhaltische Tanna dem Kreis Altenburg und dem Bezirk Leipzig an. Dann, nach dem Mauerfall, wurden die Tanner Thüringer und 2008 schließlich gemeindete Starkenberg Naundorf samt seiner Ortsteile ein. „Hoffentlich kommen wir nun nicht zu Meuselwitz“, sagt Alexander Ludwig und sieht sich mit den anderen auf einer Wellenlänge.

Nein, sie seien sich nicht immer einig. „Aber wenn du es dir im Ort mit zwei Leuten richtig versaust, kannst du gleich dein Haus verkaufen und wegziehen“, witzelt Ludwig. Streit könnten sie wirklich nicht gebrauchen. Denn das Dorfleben sei das Zweitschönste hier, gleich nach der Ruhe. „Ach die Ruhe. Hier kann ich sogar bei offenem Fenster schlafen, wenn ich aus der Nachtschicht komme“, wirft Nicole Haubold ein. „Außer, wenn wie jetzt zu Ostern Kuhstall ist“, entgegnet Schleich lachend. Aber dann sind sie eh wieder drüben und feiern mit.

Von Jörg Reuter

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