Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Das ruhige Dorf der lauten Musik

OVZ-Dorfporträt Das ruhige Dorf der lauten Musik

Auf dem Dorf ist die Welt noch in Ordnung – so die landläufige Meinung. Doch ist das wirklich so? Was bewegt die Leute in den kleinen Orten des Altenburger Landes? Mit der Serie „OVZ-Dorfporträt“ machen wir Station vor Ort und berichten über Leute auf dem Land. Diesmal über Tanna, Ortsteil von Starkenberg. Der Kuhstall Tanna hat das Dorf mit seinen nur 16 Einwohnern bekannt gemacht.

Hier versammelt sich fast das halbe Dorf: Alexander Ludwig, Hartmut Simon, Daniela Fischer, Nicole Haubold und Matthias Schleich (von links).

Quelle: Mario Jahn

Tanna. Rund 50 Kilometer von Leipzig entfernt, reichlich 16 Kilometer bis Altenburg und immerhin noch 10 Kilometer bis zur nächsten Bundesstraße: Tanna liegt tatsächlich ab vom Schuss. Dennoch ist das Örtchen nicht für die Ruhe bekannt, von der die Tannaer sagen, diese sei das Schönste an ihrem Dorf. Vielmehr ist es der Kuhstall Tanna, in dem seit mehr als zwei Jahrzehnten Rock-Musiker und Bules-Bands aus Deutschland, Tschechien und auch Großbritannien gastieren. Auf den Rock-Club mit Renommee in ihrem Dorf sind alle im Ort stolz, unterstützen ihn. Und natürlich wissen die Tannaer sofort, wo sie sich mit der OVZ fürs Dorfporträt treffen: bei Matthias Schleich.

Matthias Schleich ist der Kuhstallwirt. Ein Ur-Tannaer, wie es nur noch wenige gibt. Inzwischen leben zumeist Zugezogene in seiner Nachbarschaft. „Selbst einen Münchner hat es hierher verschlagen“, erzählt Hartmut Simon, der wie Schleich in Tanna aufgewachsen ist und sich noch gut erinnern kann, wie es damals war, als Anfang der 90er zum ersten mal Jugendliche in Massen Woodstock-Feeling nach Tanna brachten. Oft zelteten sie von Freitag bis Sonntag in der malerischen Kulisse. Simons Gesicht schmückt ein vielsagendes verschmitztes Lächeln. Erst einmal seien sie im Ort überrascht gewesen, wie viel junge Leute kamen, erinnert sich der 63-Jährige. Und ungewohnt laut sei es gewesen. Doch randaliert habe nie jemand, und nach so einem Wochenende sei der Ort schnell wieder sauber gewesen. So haben sie sich daran gewöhnt, meint Simon. Anfangs, in den 90er-Jahren, unterbrach fast jeden Monat ein Konzert die dörfliche Ruhe.

Vor der Wende war es lauter

Doch so ruhig wie heute an normalen Tagen war es ein paar Jahre zuvor – vor der Wende – keineswegs. „Wir waren damals 16 Schulkinder“, erinnert sich Schleich. Zweimal am Tag kam das Milchauto. Und täglich war der Futterwagen im Dorf unterwegs. Denn in den Ställen der sechs Vierseithöfe standen seinerzeit Rinder, Schweine und Pferde der LPG. Im Schleich’schen Gut etwa waren 48 Milchkühe untergebracht. Das sorgte für Arbeit und geschäftiges Treiben in Tanna. Wahrscheinlich mehr als 1000 Jahre brachte die Landwirtschaft Wohlstand, von dem die großen Güter zeugen. Aus dem 15. Jahrhundert sind erste schriftliche Nennungen des Dörfchens bekannt. Jedoch lässt die noch immer erkennbare Rundling-Form der Siedlung vermuten, dass hier schon vor der Christianisierung Slawen lebten.

Heute hat Tanna insgesamt noch 16 Einwohner und ein Schulkind. Außer dem Schulbus, der wochentags kommt, wenn keine Ferien sind, gibt es kaum Verkehr. So herrscht eben viel Ruhe im Dorf, auch weil von der gewerblichen Landwirtschaft wenig übrig ist. In den meisten der Gehöften wohnt sowieso nur noch eine Person, sagt Simon. Und eines ist schon leer. Anders die sechs Einfamilienhäusern. Dort sind viele der Jüngeren zugezogen – wie Alexander Ludwig, Nicole Haubold und Daniela Fischer. „Ich habe hier früher einen Freund besucht. Tanna war für mich immer wie ein kleiner Urlaub, deshalb bin ich hergezogen“, erzählt Fischer. Sie haben es auch nie bereut, hier Wurzeln geschlagen zu haben, beteuern Nicole Haubold und Alexander Ludwig. Und dann schwärmen alle am Tisch vom Dorffest, das sie gemeinsam 2016 wiederbelebten, von den wöchentlichen Knackabenden und von den Sonntags-Frühschoppen.

Aufreger Nummer eins: Die Straßenausbaubeiträge

Aufregerthema Nummer eins in solchen Runden sind gerade die Straßenausbaubeiträge. Da könne sie kaum noch ruhig bleiben. „Unsere Straße wurde vor zwölf Jahren gemacht und jetzt sollen wir dafür zahlen“, wettert Ex-Gemeinderat Matthias Schleich. „Und der Abwasserzweckverband kam auch schon“, knurrt Simon. Die Gebietsreform mache sie zudem unruhig, so Alexander Ludwig. Diesbezüglich ist Tanna aber kein unbeschriebenes Blatt. 1938 wurde Tanna Wernsdorf zugeschlagen. 1950 wurden beide Dörfer Ortsteile von Naundorf. Mit der Gründung der DDR-Bezirke, 1952, gehörte das bis dahin sachsen-anhaltische Tanna dem Kreis Altenburg und dem Bezirk Leipzig an. Dann, nach dem Mauerfall, wurden die Tanner Thüringer und 2008 schließlich gemeindete Starkenberg Naundorf samt seiner Ortsteile ein. „Hoffentlich kommen wir nun nicht zu Meuselwitz“, sagt Alexander Ludwig und sieht sich mit den anderen auf einer Wellenlänge.

Nein, sie seien sich nicht immer einig. „Aber wenn du es dir im Ort mit zwei Leuten richtig versaust, kannst du gleich dein Haus verkaufen und wegziehen“, witzelt Ludwig. Streit könnten sie wirklich nicht gebrauchen. Denn das Dorfleben sei das Zweitschönste hier, gleich nach der Ruhe. „Ach die Ruhe. Hier kann ich sogar bei offenem Fenster schlafen, wenn ich aus der Nachtschicht komme“, wirft Nicole Haubold ein. „Außer, wenn wie jetzt zu Ostern Kuhstall ist“, entgegnet Schleich lachend. Aber dann sind sie eh wieder drüben und feiern mit.

Von Jörg Reuter

Starkenberg Tanna 50.9690178 12.2540534
Starkenberg Tanna
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Altenburg
  • Jahrtausendflut 2002

    Entlang von Mulde, Elbe und Pleite brach im August 2002 eine verheerende Flutkatastrophe herein. Die LVZ zeigt eine Bestandsaufnahme. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • Sparkassen Challenge
    Logomotiv der Sparkassen Challenge 2017

    "Sport frei!" heißt es auch 2017 bei zahlreichen Wettkämpfen der Sparkassen-Challenge. Alle Events mit vielen Fotos finden Sie hier! mehr

  • Gutes von hier

    Das regionale Schaufenster mit Produkten und Dienstleistungen aus dem Leipziger Raum - von traditionell bis innovativ. Gutes von hier eben! mehr

  • LVZ-Sommerkino im Scheibenholz
    LVZ Sommerkino im Scheibenholz: Alle Infos zu Filmen, Ticketverkauf und dem Rahmenprogramm.

    Das LVZ-Sommerkino lud wieder zu unterhaltsamen Filmabenden ins Scheibenholz ein. Sehen Sie hier einen Rückblick in Fotos und Geschichten. mehr

  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • LVZ-Fahrradfest 2017
    Logo LVZ-Fahrradfest

    Das 13. LVZ-Fahrradfest lud am 14. Mai 2017 wieder Radler ein, gemeinsam in die Pedalen zu treten. Fotos, Videos und Infos finden Sie in unserem Sp... mehr