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"Das strahlt auf jeden Fall"

"Das strahlt auf jeden Fall"

Für Werner Nitsche war es die Überraschung nach dem Urlaub: Nach zwei Wochen auf Rügen wollte er im Sommer 1977 wieder in seine Toreinfahrt im Altenburger Ortsteil Knau einbiegen - doch ein meterhoher Schutthaufen versperrte ihm den Weg.

Während er weg war, wurde seine Straße erneuert, und zwar mit Schotter aus der Wismut, wie sein Nachbar sofort erkannte. Den Rest des Abraums hatten die Arbeiter vor Nitsches Einfahrt geschoben.

 

36 Jahre später steht der Rentner an derselben Stelle wie damals und deutet auf den schwarzen Belag. "Die Straße wurde damals um einen halben Meter erhöht und mit Teer versiegelt", erinnert sich der 85-Jährige. Dabei habe man auf etwa 100 Metern Länge zwischen dem ehemaligen Feuerwehrhaus bis zum Konsum eine "ganz erhebliche Menge" Wismut-Schotter verbaut. Damals war Nitsche froh, dass die Straße gemacht wurde. Er ärgerte sich nur über den Berg vor seinem Haus. "Dass das Zeug strahlen könnte, daran haben wir nicht gedacht." Erst durch einen Artikel in der Osterländer Volkszeitung sei er vor Kurzem auf die Problematik aufmerksam geworden.

 

Zu DDR-Zeiten wurde Gestein aus dem Uranbergbau massenhaft für den Straßenbau verwendet. Der Kirchliche Umweltkreis aus dem sächsischen Ronneburg fand heraus, dass etwa zwölf Millionen Tonnen strahlender Abraum aus der Wismut-Halde in Crossen bei Zwickau in Straßen, Bahndämmen und Häusern in der Grenzregion zwischen Sachsen und Thüringen verbaut wurden."Wo genau, kann man kaum noch nachvollziehen", sagt Frank Lange vom Umweltkreis.

 

Die Bewohner aus Knau sind sich sicher, dass in ihrer Straße Wismut-Schotter steckt. "Das Material strahlt auf jeden Fall", glaubt Heidi Weber, deren Mann bei der Wismut als Hauer gearbeitet hat. Die 72-Jährige weiß noch genau, wie er zu ihr sagte: "Der Schotter kommt von uns." Rudolf Weber ist vor sechs Jahren gestorben - an Lungenkrebs. "Er war total verstrahlt", berichtet seine Frau.

 

Fest steht: Die Anwohner sind beunruhigt. "Wir haben schon Angst, dass das alte Material strahlen könnte", sagt Werner Nitsches Tochter Martina Wenzel, die ebenfalls im Denkmalring wohnt. "Vielleicht ist es ja kein Zufall, dass wir uns manchmal unwohl gefühlt haben", sagt die 61-Jährige leise, rudert dann aber zurück. Man könne das eigentlich nicht auf Strahlung zurückführen. Und trotzdem. "Es wäre schön, wenn die Radioaktivität mal überprüft wird."

 

Frank Wolf, Sprecher der Wismut GmbH, jener Nachfolgefirma, die heute Altlasten aus dem Bergbau saniert, erklärt klipp und klar: "Radioaktivität ist in dem Schotter drin." Zum Problem werde das aber erst dann, wenn der Straßenbelag rissig wird. "Dann könnte eine Belastung entstehen, die heute nicht mehr tolerierbar wäre." Denn: Mit der Zeit bildet sich im Schotter das radioaktive Gas Radon, das durch Schlaglöcher austreten und sich zum Beispiel im Keller eines Hauses ansammeln kann. "Das ist trotzdem kein Tschernobyl", versucht Wolf zu beruhigen. "Wir sollten die Augen davor aber auch nicht verschließen."

 

Wird bei einer Straßensanierung belastetes Material entdeckt, das als gesundheitsgefährlich gilt, wird es in der Regel abgetragen und auf eine Halde der Wismut GmbH zurücküberführt. Pro Jahr werden bei der Firma immer noch mehrere tausend Tonnen Schotter abgegeben. Doch auch die Wismut-Sanierer haben keine Ahnung, wo das Material überall Anwendung fand. Bekannt ist nur, dass in der Region rund um Ronneburg bis ins Erzgebirge "mehrere Millionen Tonnen" verbaut wurden, wie Frank Wolf sagt. Benutzt werden sollte das Haldenmaterial hauptsächlich außerhalb von Ortschaften, als Unterbau von Straßen. Dass diese Regel nicht allzu streng eingehalten wurde, sieht man am Denkmalring in Knau.

 

Anders als das Wismut-Nachfolgeunternehmen schließt das Bundesamt für Strahlenschutz Gesundheitsgefährdungen generell aus. Die Strahlung liege in jedem Fall unterhalb des Grenzwertes von einem Millisievert pro Jahr, heißt es. Die Behörde geht davon aus, dass zu DDR-Zeiten in den Bezirken Gera, Erfurt und Suhl knapp zwei Millionen Tonnen Haldenmaterial verbaut wurden. Wo genau, ist nicht bekannt. Das Interessante ist: Obwohl offiziell kein Gesundheitsrisiko besteht, werden beim Auffinden von strahlendem Material "erforderlichenfalls Maßnahmen eingeleitet, um unnötige Strahlenexpositionen zu vermeiden", teilt die Behörde mit. Es gilt nämlich ein sogenanntes Minimierungsgebot. Heißt: im Zweifel soll der strahlende Abraum lieber aus der Straße entfernt werden. In der Praxis geschieht dies in der Regel nur, wenn eine Straße saniert wird.

 

Bei einem Verdacht wird das Thüringer Landesbergamt informiert, das die Strahlung dann vor Ort misst. Steffen Layer, Referatsleiter Umweltschutz, macht klar: "Es handelt sich um Einzelfälle." In diesem Jahr sei man im Kreis Altenburg genau einmal auf belastetes Material gestoßen, und zwar auf der Straße zwischen Wildenbörten und Löbichau. Dort wurden im Herbst Messungen durchgeführt. "Wir geben dann eine Empfehlung ab, was zu tun ist", erklärt Layer. Zwei Varianten kommen in Frage: Entweder wird das Material in den tieferen Untergrund eingebaut, sodass die Strahlung abgeschirmt ist. Dies geschieht aktuell im Fall der Ortsverbindung. Nach Abschluss der Bauarbeiten muss nachgewiesen sein, dass die Strahlung unter 200 Nano-Sievert pro Stunde liegt. Ist die Dosis höher, muss der Schotter entsorgt werden. Layer will keine Panik schüren. Der Abraum sei nur dann gefährlich, wenn er "zweckentfremdet eingesetzt wurde" - zum Beispiel beim Hausbau. Dass ein gewisses Risiko bestehe, will aber auch er nicht leugnen. So könne man nicht ausschließen, dass radioaktive Stoffe ins Grundwasser gelangt seien. Das sei abhängig vom Gestein. Man müsse jeden Fall einzeln prüfen.

 

Frank Lange vom Ronneburger Umweltkreis steht den Berechnungen des Strahlenschutzministeriums kritisch gegenüber. Die Strahlung könne sich an bestimmten Punkten sammeln und den Grenzwert übersteigen, glaubt er und wünscht sich, dass "ernsthafter damit umgegangen wird". Er rät, im Zweifel eine Messung durchführen zu lassen: "Die Bewohner müssen den Behörden auf den Kranz gehen." Zuständig ist für die Ortsdurchfahrt in Knau die Stadt. Sie könnte eine Messung veranlassen und den Schotter gegebenenfalls entfernen lassen. Man nehme das Problem ernst, sagt Pressesprecher Christian Bettels und bittet die Bewohner, ihm genauere Angaben zukommen zu lassen Vielleicht nutzt Werner Nitsche diese Chance und lässt den Schotterhaufen von damals gleich mit entsorgen. Der liegt nämlich immer noch auf seinem Grundstück, hinten bei den Schafen.

 

Gina Apitz

Apitz, Gina

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