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Altenburg Der Altenburger Internist Gebhardt Wieland geht nach über 30 Jahren in den Ruhestand
Region Altenburg Der Altenburger Internist Gebhardt Wieland geht nach über 30 Jahren in den Ruhestand
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10:20 05.10.2011
Viele Jahre ein eingespieltes Team: Gebhardt Wieland, Annett Stiller und Katrin Karczmarczyk (v.r.). Neu dabei ist Azubi Madeleine Merker. Quelle: Mario Jahn

" Solche Gedanken gehen Gebhardt Wieland in diesen Tagen immer mal wieder durch den Kopf - obwohl ihm viele seiner Patienten gerade jetzt das Gegenteil sagen. Und sich bedanken für zum Teil jahrzehntelange Behandlung und Betreuung. Denn gestern ging er mit 67 Jahren in den Ruhestand.

Berufsstart als "Landarzt"

Sicher gehört der Internist und Hausarzt aus dem Ärztehaus am Stadtwald auch deshalb zu Altenburgs bekanntesten Medizinern, weil er nie von seiner Heimatstadt wegkam. Wie das Leben manchmal so spielt. Nach dem Abi folgte das Medizinstudium in Leipzig - zu einem nicht unbeträchtlichen Teil als "fahrender Student", wie er schmunzelnd erzählt: Bei drei kleinen Kindern zu Hause fand manche Seminarvorbereitung eben erst im ruckelnden Reichsbahn-Waggon statt. Schön, dass es dann wenigstens mit der Facharztausbildung als Internist am Altenburger Krankenhaus klappte.

Immer ein bisschen unkonventionell gestaltete er auch die nächsten Etappen seiner "Karriere", die er Ende der 70er-Jahre freilich noch gar nicht als solche empfand. Viel mehr als der durchorganisierte Betrieb eines Krankenhauses lockte ihn nämlich die relative Selbstständigkeit in einer "eigenen" Praxis. Sozusagen ein bisschen als eigener Chef. So weit dafür im DDR-Gesundheitswesen Platz war.

Im 1978 eröffneten Wismut-Ambulatorium in Altenburg-Südost war dieser Platz genau ein Zimmer groß. Und in dem sitzt er praktisch heute noch: Denn aus dem Ambulatorium wurde nach der Wende das Ärztehaus und aus seinem Sprechzimmer peu à peu eine immer größere moderne internistische und Hausarzt-Praxis.

Zu der er sich damals aufgrund eines weiteren Glücksfalls nicht wenige Patienten selbst "organisieren" konnte. Denn noch in der Ausbildung am Krankenhaus war er auch als "Landarzt" in Lehndorf eingesetzt. Zusammen mit einer 77-jährigen Gemeindeschwester kümmerte er sich dort um die Wehwehchen der Leute aus der Umgebung. Im Sommer saßen die Patienten auf dem Rand des Brunnens im Hof und warteten auf den Doktor, weiß Wieland noch heute. Nach der Sprechstunde kamen dann die Hausbesuche, oft bis nach 22 Uhr. "Viele sind dann zu mir in die Praxis nach Altenburg gekommen und über all die Jahre geblieben. Einige sind inzwischen über 90." Bis zuletzt standen immer wieder Adressen in Mockern, Saara, Kürbitz und Kosma auf den Hausbesuchslisten.

Und dann konnte es urplötzlich doch noch ernst werden mit Gebhardt Wielands eigener Praxis - denn mit der Wende kam das Aus auch für das Wismut-Gesundheitswesen. Alternativen? "Natürlich wäre ich irgendwo beim medizinischen Dienst einer Krankenkasse untergekommen. Aber der Typ bin ich nicht, ich bin eher ein Macher", bekennt er. "Ich wollte immer den Patienten neben mir haben. Das war meine Arbeit, das hat mir immer Freude gemacht."

Aber wie wird man sein eigener Chef in der medizinischen Marktwirtschaft? Der Altenburger Internist ging noch mal in die Lehre, sogar in ganz praktischem Sinne. Schon im Laufe des Jahres 1990, noch vor der Wiedervereinigung, hatte der Hartmann-Bund in Leipzig ein Kontaktbüro, und Wieland ließ sich als Hospitant vermitteln. In die Nähe von Karlsruhe, für 14 Tage über Pfingsten.

Der "Ossi" machte sich so gut, dass die dortige Kollegin sich nach zwölf Jahren Praxisaufbau und endlich schwarzen Zahlen in der Bilanz erstmals eine Kur gönnen wollte und dem Altenburger für fünf Wochen ihren Laden komplett anvertraute. "Ich bin dort echt nackig rein", lacht Wieland bei der Erinnerung an diese Episode.

Sein wichtigstes Hilfsmittel war ein kleines Wörterbuch, in dem zu allen gängigen DDR-Präparaten stand, wie die Medikamente in Finnland, Schweden, der Schweiz und eben auch in der Bundesrepublik hießen. "Es war eine große Praxis mit mehreren Behandlungszimmern. In dreien saßen die Patienten, im vierten lag mein Büchlein", erzählt der Aushilfs-Doktor. Natürlich ging alles gut. "Man musste ein bisschen vichilant sein. Die Krankheiten sind schließlich die selben."

Und fast unbezahlbar wurden die Erfahrungen, weil die Expedition auch noch in die Zeit einer Quartalsabrechnung fiel. Was damals noch mit riesigen Papierstapeln bis zu zwei Tage dauern konnte. Zurück in Altenburg, scherte sich Wieland nicht lange um die Wismut-Abwicklung. "Eine Woche war ich arbeitslos. Ab 7. Januar 1991 war ich freier, niedergelassener Arzt." Mithin Geschäftsführer im eigenen Unternehmen: Verantwortlich nicht nur für im Laufe der Jahre Tausende Patienten, sondern auch für Mitarbeiterinnen, Investitionen, Kredittilgung, Betriebskosten. Wenigstens war kein Umzug nötig.

Die Courage, mit der Gebhardt Wieland sein eigenes Geschick in die Hände nahm, blieb auch im Kollegenkreis nicht unbemerkt. Fast 20 Jahre lang engagierte er sich in der Kassenärztlichen Vereinigung, war Kreisstellen-Vorsitzender, kümmerte sich im Notfalldienst-Ausschuss um Einsatzpläne. Immer nach der Devise: Einer muss es ja machen.

Und eines Tages im Jahr 1996 stand er am Erfurter Anger auf einer Tribüne, davor legten 8000 Ärzte und Schwestern aus ganz Thüringen den landeshauptstädtischen Verkehr lahm und protestierten gegen die Kürzungspläne - gab's schon immer - des damaligen Bundes-Gesundheitsministers Horst Seehofer. In nur drei Wochen hatten die Ärzte die Demo organisiert. Mehrere Busse waren auch aus dem Altenburger Land dabei. "Es war ein Riesending."

Wielands Schlussfolgerung war dennoch: "Das muss ich nicht wieder haben." Und zwar nicht nur, weil ihm Thüringens damalige Sozialministerin Irene Ellenberger einen Korb gab, als er die SPD-Politikerin bat, zu seinen Kollegen zu sprechen. Und nicht nur, weil der Protest am Ende doch folgenlos blieb. Dem Altenburger waren einfach die Altenburger Dinge wichtiger als die große Politik.

Zeit für Rennrad und Sokrates

Die letztlich auch nicht alles falsch gemacht hat, wie Gebhardt Wieland am Ende seiner Berufslaufbahn noch einmal selbst erleben konnte. Die Erfindung der Medizinischen Versorgungszentren - eine Art Mini-Polikliniken - ermöglicht seit einigen Jahren wenigstens halbwegs eine Stabilisierung der ambulanten Betreuung. Auch in Altenburg ist es schon lange schwer, Nachfolger für Hausarzt-Praxen zu finden, selbst für gut gehende in bester Lage. "Am Ende waren es einfach glückliche Umstände", erzählt Wieland. Nachdem das Altenburger Klinikum kein Interesse zeigte, fand er in der Bornaer Helios-Klinik einen Partner.

Wieder einmal wurde in der Praxis umgebaut, Räumlichkeiten für eine Gynäkologische Praxis kamen dazu, und seit 31. März war der Internist und Hausarzt Gebhardt Wieland doch noch einmal für ein paar Monate Angestellter, diesmal des Medizinischen Versorgungszentrums Praxisverbund Altenburg der Helios Klinik Borna.

"Es ist eine gute Lösung. Die Praxis bleibt erhalten. Die Patienten können weiter hierher kommen, die Mitarbeiterinnen behalten ihren Job. Und ich muss nicht noch zehn Jahre für die Aufbewahrung der Patientenunterlagen sorgen." Vor allem aber: Endlich mehr Zeit fürs Privatleben - Gattin Dagmar hat ihren Lehrerberuf immerhin schon vor sieben Jahren an den Nagel gehängt. Dann ist da noch das Rennrad, das seit zehn Jahren den Tennisschläger ersetzt. Kater Sokrates sowieso.

Leicht fällt der Schlussstrich trotzdem nicht. "Ich freue mich, aber irgendwie ist so ein Zeitpunkt immer falsch. Aber weil ich weiß, dass ich in zwei Jahren wieder an dem selben Punkt stehen und mir die selben Gedanken machen würde, sage ich: Also mach ich's jetzt."

Günter Neumann

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