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Altenburg Der Krieg als Tummelplatz - Premiere von "Nuit des Hommes" am Landestheater
Region Altenburg Der Krieg als Tummelplatz - Premiere von "Nuit des Hommes" am Landestheater
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20:04 03.11.2014
Ulrika Strömstedt und Mark Bowman-Hester verkörpern Frau und Mann in den Wirrungen des Krieges. Fotos: Stephan Walzl Quelle: Stephan Walzl ratatosh

Gerade einmal vier Monate später zur Premiere im Altenburger Heizhaus zeigt sich einmal mehr die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit. Eher familiär ging es zu am vergangenen Sonntag. Dabei erweisen sich einerseits Mehrwert und Einzigartigkeit der künstlerischen Perspektive auf das Thema im zeitlichen Abstand zum Jubiläum umso mehr. Und andererseits hat der Produktion eine gewisse Routine gut getan und der weniger sterile Raum in Altenburg kommt der beklemmenden Aussage näher, als es in Gera der Fall war.

Den Krieg als Spiel- und Tummelplatz der Männer zeigt die Oper von Per Norgard zu Texten von Guillaume Apollinaire, als Abenteuer und Flucht zugleich. Nicht umsonst beschreiben viele Historiker den Beginn des Ersten Weltkrieges als die Wurzel der Serie der Menschheitskatastrophen des 20. Jahrhunderts. Insofern bezieht Kay Kuntze in seiner Inszenierung deutlich Position, wenn er ein Werk herausbringt, das das Phänomen dieses Krieges aufs Äußerste ästhetisiert. Es wird dabei keine Geschichte erzählt: Ein Mann (Mark Bowan-Hester) und eine Frau (Ulrika Strömstedt) durchleben Szenen im Umfeld des Krieges. Ausstatter Matthias Rümmler schafft den konkreten Raum eines Lazaretts für abstrakte Aktion und bricht so konsequent die Poesie Apollinaires.

Es ist der Krieg an sich, die Idee des Krieges, die als Versuchsanordnung erscheint. Oper(atorium) nennen der Komponist und der Ideengeber Jacob F. Schokking diese musiktheatrale Kammerform und nehmen damit jeder Kritik an Form und Dramaturgie sofort den Wind aus den Segeln. Dass das Werk dennoch zwischen seiner Uraufführung im Jahre 1995 und der hiesigen Produktion keine weitere Aufführung erfuhr, mag viele Gründe haben. Gewiss auch jenen, dass die große Zeit der Kammeroper vorbei ist. Die lag tatsächlich in der Mitte der 1990er-Jahre.

Musikalisch atmet das Stück ganz stark den Geist dieser Zeit - unverwechselbar in Struktur, Satzgefüge und technischem Standard. Bemerkenswert ist, wie deutlich das wird - relativiert es doch jede Kritik über fehlenden musikalischen Fortschritt im musikhistoriografischen Diskurs über die Gegenwart. Das lässt das Stück aber - gerade bei dieser Altenburger Vorstellung - keinesfalls weniger intensiv wirken. Klug ausgesteuert, greifen elektronische Passagen ein in das musikalische Live-Geschehen.

Der Däne Norgard lässt sich problemlos einreihen in eine breite skandinavische Musiktradition, verwurzelt in abendländischem Strukturbewusstsein. Seine Kammerbesetzung aus dem Streichquartett, Schlagwerk und überwiegend am Synthesizer zusammenlaufender Live-Elektronik ist ansprechend durchschaubar und eben auch ein typisches Produkt der 90er. Es ist wohl schon eine unglaubliche Chance, dass man dieses Werk überhaupt noch ohne Abstriche "original" spielen kann. Takahiro Nagasaki hat die musikalische Leitung und die schwierige Aufgabe, von der Seite der Bühne die unterschiedlich intensiven Klangschichten zusammenzuführen. Das ist besonders stark, wenn gegen Ende Surroundklang, Bühne und der im Raum verteilte Sprechchor junger Theateramateure verschmelzen. Obendrein braucht man dazu zwei so musikalisch stilsichere und starke Sängerdarsteller wie Strömstedt und Bowman-Hester, die in ihrer Intensität keine Wünsche offen lassen.

Am Ende schließt sich ein Kreis: Der Krieg als Erfahrung - der Männer, oder doch der Menschen? Das französische Original lässt diese Entscheidung offen, ein faszinierendes Wortspiel. Es gab großen Premierenjubel von einem kleinen Kennerpublikum.

Die nächste Vorstellung ist am 15. November um 19.30 Uhr.

Tatjana Böhme-Mehner

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