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Altenburg "Der Modemarkt gehört in die Innenstadt" - Gebhard Berger im OVZ-Interview
Region Altenburg "Der Modemarkt gehört in die Innenstadt" - Gebhard Berger im OVZ-Interview
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20:10 06.04.2012
Gebhard Berger
Altenburg

OVZ: Wenn man den jüngsten Äußerungen aus dem Rathaus Glauben schenken darf, sind Sie "schuld" daran, dass es jetzt eine Bürgerbefragung geben soll. Denn Sie hätten den OB zur Abkehr von den Ansiedlungsplänen für den Modepark Röther zwingen wollen. Was, um Himmels willen, haben Sie denn getan?

Gebhard Berger: Das, was ich eigentlich von Anfang an gemacht habe, mich im Interesse der Innenstadthändler gegen die Neuansiedlung ausgesprochen. Nur diesmal wohl eindeutiger und unmissverständlicher als bislang. Ich habe dem OB klar gemacht, dass ich mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln kämpfen werde. Wir sind bislang einfach zu ruhig gewesen.

Was hat Sie denn gerade jetzt zum Kämpfen animiert ?

Eigennutz ganz bestimmt nicht. Denn ich habe als Augenoptiker mit Jacken-, Mäntel- oder Schuhverkauf eher wenig zu tun. Aber ich habe als Vorsitzender der ortsansässigen Händlergemeinschaft die Pflicht, das ohnehin schwierige Überleben der kleingliedrigen Einkaufsstruktur zu ermöglichen. Die Ankündigung von Adler, zu gehen, wenn Röther kommt, hat mich in meinem Ansinnen bestärkt.

Warum ist es denn so schlimm, wenn sich der neue Modepark in der Leipziger Straße ansiedelt?

Eines vorweg: Dieses Projekt gehört in die Innenstadt, entsprechend den Prinzipien des Altenburger Einzelhandelskonzepts. Leider hat es zu diesem Konzept aber trotz Stadtratsbeschluss bislang keine Informationsveranstaltung und damit öffentliche Diskussion gegeben. In der Leipziger Straße hingegen wäre die Ansiedlung ein Dammbruch. Kleine Geschäfte in der Innenstadt, die jetzt schon an der Rentabilitätsgrenze sind, werden sich ganz verabschieden. Und die Großen folgen möglicherweise, weil es sich nicht mehr lohnt. Es bleibt ein kleines Mittelfeld übrig. Damit wird es in der Innenstadt keine Vielfalt mehr geben, die Attraktivität schwindet. Das hat nicht zuletzt auch Auswirkungen auf den Tourismus, von den wegfallenden Arbeitsplätzen ganz zu schweigen.

Ist es eine annehmbare Lösung, in dieser Angelegenheit die Bürger zu befragen und sie entscheiden zu lassen?

Vor einer Bürgerbefragung muss umfassend aufgeklärt werden. Und dann muss nicht die Frage gestellt werden "Ob", sondern "Wo?". Aus der Sicht der Endverbraucher ist eine weitere Einkaufsmöglichkeit immer willkommen. Die Ja-oder-Nein-Frage ist deshalb populistisch. Das Einzelhandelskonzept spricht sich gegen Ansiedlungen am Stadtrand mit einem innenstadtrelevanten Sortiment. Doch OB Michael Wolf hat seit der Interessensbekundung von Röther dieses Konzept nie öffentlich diskutiert. Genauso wie alle anderen Gutachten, die auf die Schädlichkeit für die Innenstadt hinweisen.

Der OB argumentiert damit, dass er keine Käseglocke über die Innenstadt legen könne.

Doch, das kann er, wenn ihm seine Stadt wichtig ist, wenn er das historisch gewachsene und stadtbildprägende Einkaufsgebilde wenigstens erhalten will. Da wäre die Genehmigung eines Einkaufsmarktes an der Stadtgrenze das völlig falsche Signal. Es entstünde ein zweites Zentrum, das auf nicht wiedergutzumachende Weise die Einkaufsstruktur und -kultur beschädigen würde. Diejenigen, die sich jetzt noch entscheiden, in der Innenstadt zu kaufen, werden mit Leichtigkeit verführt, in diesen neuen Markt zu fahren. Eigentlich haben alle mittlerweile erkannt, dass die massiven Ansiedlungen nach der Wende auf der grünen Wiese ein Fehler waren. 20 Jahre danach wollen wir ihn in Altenburg wieder machen. Eine tote Innenstadt als Ergebnis falscher Entscheidungen wird am Beispiel Meerane erschreckend deutlich. Wie es anders gehen kann, wie Stadträte gemeinsam mit dem Bürgermeister gegen eine solche Ansiedlung vorgehen, um ihre Stadt zu schützen, zeigen Beispiele wie Dessau und Hildburghausen.

Wenn Sie kämpfen wollen, warum machen Sie es dann nicht endlich auch mit einheitlichen, längeren Öffnungszeiten. "Sonnabend bis 16 Uhr" droht bereits wieder ein Flop zu werden.

Ich bin nach wie vor überzeugt, dass es der richtige Weg ist, samstags bis 16 Uhr zu öffnen. Doch leider stammt die Idee nicht von der Werbegemeinschaft selbst, ist also nicht von innen heraus gewachsen, sondern eine Forderung des OB. Zudem ist jedes unserer Mitglieder selbstständig, kann also auch eigenständig über seine Öffnungszeiten entscheiden. Ich habe nicht die Befugnisse eines Center-Managers.

Was ist denn schiefgelaufen bisher in Sachen Röther?

Das ist schwer zu sagen. Wenn ich als Bürgermeister unsicher bin beziehungsweise von einem Thema keine Ahnung habe, dann ist das zunächst nicht schlimm. Kein Mensch kann alles wissen. Auch ein Bürgermeister nicht. Dafür gibt es Fachleute. Wenn ich aber Fachleute beauftrage und Steuergelder ausgebe, dann jedoch all diese Konzepte und Gutachten ignoriere, dann muss es erlaubt sein, zu fragen: Warum tut ein Mann das gegen jede städteplanerische Vernunft und wer profitiert eigentlich davon?

Haben Sie eine Antwort?

Die Ansiedlung verspricht viele potenzielle Wähler, die, solange sie in der bisherigen Form uninformiert gehalten werden, sich natürlich immer für jede zusätzliche Einkaufsmöglichkeit aussprechen. Und das Gebiet in der Leipziger Straße mit Möbel- und Elektronikmarkt wird eine geschäftliche Belebung erfahren. Zum irreparablen Schaden der Innenstadt.

Wie soll es nun weitergehen?

Wir hoffen sehr, dass sich bei diesem so wichtigen Thema alle Parteien mit der von der Werbegemeinschaft und dem Stadtforum initiierten Podiumsdiskussion am 14. Mai unter Leitung der IHK anfreunden können. Nach der Wahl also.Interview: Ellen Paul

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