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Altenburg Der spektakulärste Blick des Altenburger Landes
Region Altenburg Der spektakulärste Blick des Altenburger Landes
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08:00 25.06.2017
In der historischen Torfscheune bei Christine Jakupi (r.) leben heute zwei Pfaue, deren Ruf bis zu Jan Heilmann (l.) zu Hause zu hören sind. Quelle: Jörg Reuter
Wieseberg

„Nach dem Süden weitet sich das Blickfeld bis zum Kamm des Erzgebirges, von dem Keilberg und Fichtelberg sowie der Auersberg sichtbar sind. Auch der Reuster Berg taucht im Südwesten über Großtauschwitz auf, das durch sein Gasthaus herüber grüßt.“ So schwärmte schon 1924 Balduin Gärtner im „Altenburger Wanderbuch“ von der Aussicht bei seinem Besuch in Wieseberg. Jan Heilmann lächelt und meint, dass er gern diesen Blick keine zehn Schritte von seinem Haus entfernt genießt.

Doch die Aussicht Richtung Norden von seiner Terrasse über das malerische Panorama aus Feldern und Wäldchen weit übers Gerstenbachtal braucht den Vergleich nicht zu scheuen. Auch wegen dieser Aussicht zog er vor vier Jahren mit seiner Familie in den winzigen Lödlaer Ortsteil. Sie hätten lange nach einem solchen Plätzchen zum Wohlfühlen gesucht. „Das Grundstück haben wir ein Jahr beobachtet, und es war zu jeder Jahreszeit schön“, erzählt er. Als die Familie zu suchen begann, war sie gerade aus Berlin zurück. In den 90er-Jahren liebte Jan Heilmann Metal, Punk, Techno und folgte dem Ruf der großen Hauptstadt. „Irgendwann war unser Leben dort gelebt.“ Sie wollten wieder weg vom Stress der Metropole.

Gelandet sind sie nun im verschlafenen 13-Einwohner-Nest Wieseberg. Ein Dörfchen ganz ohne Bauernhöfe. Denn gegründet wurde es Ende des 19. Jahrhunderts von Torfstechern. Noch 1904 bestand Wieseberg gerade einmal aus drei Wohnhäusern. Mit dem zunehmenden Kohleabbau verdoppelte sich die Zahl der bewohnten Grundstücke. „Mein Haus wurde 1918 errichtet“, erzählt der gebürtige Altenburger beim Sommerspaziergang entlang der wenigen Häuser. Heilmann ist in Wieseberg angekommen. Er wohne auch nicht ab vom Schuss – Leipzig und Altenburg seinen mit dem Auto nur einen Katzensprung entfernt, findet Heilmann. Zufällig verirre sich aber trotzdem kaum jemand auf seinen Autohof, gibt Kurt Urmoneit zu und grüßt den Nachbarn übers Tor seiner KFZ-Werkstatt. Seit 25 Jahren hat er seinen Betrieb. Natürlich, zu ihm müssten die Kunden bewusst kommen. Doch es laufe, er habe nicht zu klagen, plauscht er kurz.

Auch Jan Heilmann ist Unternehmer. In Altenburg führt er mit seinem Bruder die Heab Absaugtechnik. „Meine Frau – in Berlin war sie eine Art Promicoiffeur mit einigen Filialen – hat sich hier im Haus einen kleinen Friseursalon eingerichtet“, plaudert Heilmann aus dem Nähkästchen, als plötzlich ein Pfau durchs Dorf ruft. „Die leben bei Christine Jakupi“, weiß der 44-Jährige natürlich. Bei einem Dutzend Einwohnern auch nicht überraschend, da kennt natürlich jeder jeden. Außerdem ist Jan Heilmann Gemeinderatsmitglied in Lödla. Da gehört der regelmäßige Schwatz am Gartenzaun selbstverständlich dazu. „Wenn wir sonntags nach Wiesemühle in die Gaststätte gehen, kommt es schon vor, dass wir für die 800 Meter ein-zwei Stunden brauchen“, erzählt Heilmann lächelnd.

Das ist das Schöne am Dorfleben, findet Christine Jakupi, die Wieseberg wie kaum jemand anders kennt. „Das ist mein Geburtshaus“, sagt die 67-Jährige und zeigt nach hinten. Hier habe sie eine wunderschöne Kindheit verbracht. Damals gab es etliche Kinder im Ort. Vor allem an den Zusammenhalt unter ihnen erinnert sie sich gern. Und auch heute lebe es sich wunderbar in Wieseberg, ergänzt sie. Hier könne sie zum Beispiel ungestört Tiere halten. Stolz präsentiert sie ihre Altenburger Fleischziegen, ihren Hund, die Katzen und Enten, ihre zwei Pfaue und die andern Zwei- und Vierbeiner. „Die Tiere sind mein liebstes Hobby“, erklärt sie beim Verabschieden.

Übrigens, fügt Heilmann zurück auf der Straße an, die Pfaue leben in der einstigen Torfscheune. Die Altvordern des Dorfes haben darin vor über 100 Jahren den aus dem Tal stammenden Morast getrocknet. In der Weimarer Zeit war das Dorf aber nicht für den Brennstoff bis Leipzig bekannt, sondern als winterliches Ausflugsziel. Denn von 1919 bis 1930 gab es den Wieseberg hinunter eine 500 Meter lange Naturrodelbahn, die Ausflügler aus der ganzen Region anlockte. Start war gleich bei seinem Haus, sagt Heilmann und pflückt ein paar Kirschen am Straßenrand. „Die leckersten, die ich kenne“, sagt er.

Aber selbstverständlich könne das Leben in Wieseberg nicht mit der Bequemlichkeit des Großstadtlebens mithalten. „Wir haben hier Wasser, Strom und Telefon, um den Rest muss sich jeder selbst kümmern.“ Und auch wenn er gern mal zum Einkaufen nach Lödla läuft: Ohne Auto wäre er hier aufgeschmissen, gibt der Familienvater zu. „Andererseits habe ich mich in Berlin nicht getraut, meinen Sohn allein auf die Straße zu lassen.“ Nein, er habe es nicht bereut, den Schritt gegangen zu sein und um das Haus in Wieseberg gekämpft zu haben. Und ein Kampf sei es gewesen, sagt er zurück in seinem Garten.

„Ich hatte das Gefühl, dem Bauamt im Landratsamt ist es nicht recht, wenn diese kleinen Orte erhalten bleiben. Es war für uns unheimlich schwierig. Uns wurden nur eingeschränkt erlaubt zu bauen. Das alte Haus abreißen und ein neues bauen, dafür hätte ich keine Baugenehmigung bekommen. Auch bei der Erdwärmeheizung, die ich wollte, ging kein Weg rein. Und so weiter“, berichtet er. Auch deshalb macht er sich ein wenig Sorgen. Wenn nicht gewollt sei und es verhindert wird, dass neue Einwohner nach Wieseberg ziehen, dann hat das verschlafene Örtchen in mitten idyllischer Natur keine Zukunft.

Von Jörg Reuter

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