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Der tragische Tod des Bahnassistenten Kirscht

Der tragische Tod des Bahnassistenten Kirscht

Roßwein/Hamburg. Auf der Titelseite der Roßweiner Nachrichten vom 12. November 1913 war ein Bericht aus der Stadt die Hauptnachricht: "Der tragische Tod des Bahnassistenten Kirscht" hieß es da in der Titelzeile, gefolgt von einem langen Artikel zum Unfall Gerhard Kirschts, eines in der Stadt beliebten jungen Familienvaters, der mit dem Fahrrad unter ein Auto geriet und noch am Unfallort nahe des Viadukts verstarb.

Seine Enkelin Herta Okotie, die heute in Hamburg lebt, hat Roßwein zwar noch nie besucht, sich angesichts des 100. Todestages ihres Großvaters aber mit ihren Erinnerungen an die DAZ gewandt.

 

"Ich habe in einer Kiste gekramt, die alten Unterlagen gesehen und dachte: Hallelujah!", erzählt Herta Okotie. Die heute 75-Jährige fand besagte Ausgabe des Roßweiner Tageblatts sowie alte Fotos ihrer Großeltern und deren Familie (siehe Bilder rechts). Erst seit einigen Jahren hatte sie die Familienunterlagen in ihrem Besitz. "Unsere Oma war sehr streng und hat nie etwas aus der damaligen Zeit erzählt. Erst als meine ältere Schwester starb, bekam ich die Unterlagen", berichtet die 75-Jährige.

 

Als ihr vor einigen Wochen bewusst wird, dass der 100. Todestag ihres Großvaters Gerhard Kirscht bevorsteht, wendet sie sich zunächst telefonisch an die Roßweiner Stadtverwaltung und bittet um Veröffentlichung ihrer Erinnerungen im Amtsblatt. Doch das Anliegen wird abgelehnt. "Wir sind leider seitenmäßig sehr beschränkt und das wäre eine größere Geschichte geworden", erklärt Roßweins Kulturbeauftragte Ines Lammay. So stößt Herta Okotie bei ihren Recherchen im Internet auf die DAZ.

 

Zwar weiß sie nicht aus erster Hand über ihren Großvater zu berichten, doch sendet sie ihr Material per E-Mail. "Meine Mutter Herta Kirscht, nach der ich benannt bin, hat mir nur erzählt, dass sie ihren Vater sehr geliebt hat, weil er einen auch mal in den Arm nahm, während die Mutter sehr streng war", erzählt sie am Telefon. Das Bild des liebevollen Vaters wird von Gerhard Kirscht auch im Artikel des Roßweiner Tageblatts gezeichnet. "Vornehmen Charakters und schlicht, wie Herr Kirscht im Verkehre mit seinen Mitmenschen auftrat, so warmherzig lebte er auch in seiner Familie, die sich unter seinem fürsorglichen Sinn wohl und glücklich fühlte", heißt es da zu Beginn des Nachrufs, abgedruckt direkt neben der großen Todesanzeige.

 

Doch was war passiert? Kirscht, damals 37 Jahre alt, war mit seinem Fahrrad in Richtung Lommatzsch unterwegs, um sich den dort gelandeten Zeppelin "Sachsen" anzusehen. In einer Kurve der Straße neben dem Bahngelände, kurz vor dem Viadukt, geriet er unter ein entgegenkommendes Automobil und verstarb. Die Zeitung beschrieb Spekulationen zu mehreren Ursachen. Es wurde angenommen, dass das Rad gegen einen Stein oder den Bordstein stieß und er dadurch zu Fall kam. Auch ein geplatzter Vorderreifen galt als möglicher Grund. Der Fahrer des Wagens wurde von jeder Schuld freigesprochen, auch wenn Herta Okotie da so ihre Zweifel hat. "Ich will niemanden verdächtigen, aber es würde mich nicht wundern, wenn es da eine Kungelei zwischen dem Fahrer und den Behörden gegeben hat", mutmaßt sie.

 

Zumindest war ein derartiger Unfall zu dieser Zeit sehr unglücklich, da die Zahl der Automobile in der Region äußerst beschränkt war. "Wir haben für Roßwein nur Zahlen aus dem Jahr 1927. Da gab es 47 PKW und 7 LKW in Roßwein. Man kann also annehmen, dass es 1913 wesentlich weniger waren", sagt Richard Thiele vom Roßweiner Heimatverein.

 

Roßwein selbst hat Herta Okotie nie besucht, nur Chemnitz habe sie auf einer Reise einmal gesehen, sagt sie. "Meine Eltern haben sich in Lüneburg kennengelernt, ich bin dann schon in Hamburg geboren", sagt sie. Den ungewöhnlichen Nachnamen hat sie von ihrem verstorbenen Ehemann aus Nigeria angenommen, mit dem sie bis 1993 20 Jahre lang in Lagos lebte. Seither ist Herta Okotie wieder Hamburg und verfolgt nun verstärkt das Roßweiner Geschehen.

Sebastian Fink

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