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Die Erlebnisse eines Altenburgers im Ersten Weltkrieg

Die Erlebnisse eines Altenburgers im Ersten Weltkrieg

Heute vor 100 Jahren wurde auf den österreichischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich in Sarajevo ein Attentat verübt.

Romschütz/Altenburg.

Der Mordanschlag gilt als Auslöser des Ersten Weltkriegs, der Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Bis zum Kriegsende 1918 fielen fast zehn Millionen Soldaten. Etwa doppelt so viele wurden verwundet. Einer, der das für zwei Jahre miterlebt hat, war Kurt Pötzschig. Er wurde am 8. Februar 1898 als Sohne eines durchaus gut betuchten Altenburger Bauunternehmers geboren.

 

Am 16. November 1916 trat Kurt Pötzschig in das stehende Heer des deutschen Kaiserreichs ein. Im Juni 1917 ging es dann für den 19-Jährigen nach Frankreich an die Front. In den folgenden Monaten hat er dort offensichtlich (fast) alles miterlebt, was dieser Krieg an Grauenhaftem, aber auch Banalem zu bieten hatte. Er erlebt den Einsatz von Giftgasen ebenso wie den der ersten Kampfflugzeuge und war auch beim Besuch des Kaisers in Louppy-sur-Loison, wo Kurt Pötzschig lange stationiert war, mit dabei. "Meine Erlebnisse im Feldzug 1917/1918" steht in pieksauberer Handschrift auf der ersten Seite eines kleinen Tagebuchs, in dem diese und zahlreiche weitere Details noch heute nachzulesen sind.

 

Die Zeiten überdauert haben das kleine Büchlein sowie ungezählte Postkarten, Fotos und andere Dokumente von Kurt Pötzschig - beispielsweise seine Urlaubsscheine, Fahrkarten, seine Entlassungsurkunde oder sein Soldbuch - in einer Kommode bei Peter Heide. "Kurt war mein Arbeitskollege und später ein sehr guter Freund", erzählt der Romschützer. Als Lehrling hat er Kurt Pötzschig in den 1950er-Jahren in Altenburg kennengelernt. Trotz des Altersunterschieds kamen sich die Männer bald näher. "Ich war für ihn später wie ein Sohn", erinnert sich der heute 72-Jährige. Und weil Kurt Pötzschig in seiner Ehe keine Kinder hatte, vererbte er 1984 seine Sammlungen an Peter Heide.

 

Kurt Pötzschig war zumindest als junger Mann ein Kind seiner Zeit. Das spiegelt sich zum einen in seiner Sprache wider. Der Altenburger war kein Literat und die Postkarten von der Front an seine Eltern lesen sich heute kühl und distanziert. "Liebe Eltern, leider habe ich auch heute vergebens auf Nachricht von Euch gewartet. Letzte Nachricht kam am 11.9. an, seitdem nichts wieder. Woran liegt das? Erwarte umgehenden Bescheid", schrieb er am 19. September 1917 nach Altenburg. In diesem Ton, der durchaus dem Geist jener Jahre entspricht, hat Kurt Pötzschig nicht nur Postkarten verfasst, sondern eben auch im Tagebuch notiert, wann er auf Wache war oder wann Angriffe stattfanden.

 

Kurt Pötzschig war aber auch in dem Sinn Kind seiner Zeit, dass er in bester Beamtenmanier über alles Buch führte und Belege aufhob. Dazu kam eine Sammelleidenschaft, die den Altenburger sein ganzes Leben nicht wieder los ließ. Auf diese Weise hat er beeindruckende Zeugnisse nicht nur aus dem Ersten Weltkrieg hinterlassen. "Ich habe etliche Ordner voll. Kurt war ja später auch im Zweiten Weltkrieg. Auch davon gibt es Hunderte Postkarten, Fotos und Unterlagen", erzählt Peter Heide. Zudem gebe es Reiseberichte und anderes in ähnlichem Umfang.

 

Peter Heide zeigt die Sammlung gern und blättert auch selbst immer wieder darin. "Mich fasziniert vor allem die Akribie, mit der Kurt all die Sachen zusammengetragen hat", meint er, während ihm das alte Soldbuch aus dem Ordner zum Ersten Weltkrieg in die Hände fällt. 9,90 Mark im Monat hat Kurt Pötzschig bekommen und 7,10 Mark Putzzeuggeld. Am Ende seines Feldzuges sind so 468,78 Mark zusammengekommen. Nicht gerade viel dafür, dass die jungen Männer ihr Leben für Kaiser und Vaterland riskierten.

 

Ja, auch der Tod taucht in den Hinterlassenschaften auf. Peter Heide nimmt das Foto eines jungen Mannes in Uniform. "Das war Kurts bester Freund." Auf der Rückseite des Bildes ist vermerkt: "Walter Börner, Familie wohnte in unserem Haus viele Jahre. Wir trafen uns 1917 am 7. 6. unverhofft im Schützengraben." Die Weg von Kurt und Walter, die in Altenburg gemeinsam die Schulbank gedrückt haben, trennt sich bald darauf wieder. Und das für immer. Denn das nächste Mal konnte Kurt Pötzschig Walter Börner nur noch an seinem Grab besuchen. Auch davon gibt es ein Foto. "Walters Tot hat Kurt immer bewegt und gerührt", denkt Peter Heide an die Gespräche mit seinem Freund zurück und schlägt den Ordner wieder zu.

Jörg Reuter

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