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„Die Leute spüren, ob sie einem wichtig sind oder nicht“: Kristin Jahn im OVZ-Interview

Altenburg „Die Leute spüren, ob sie einem wichtig sind oder nicht“: Kristin Jahn im OVZ-Interview

Am 1. Oktober tritt Kristin Jahn ihre Stelle als neue Superintendentin des Kirchenkreises Altenburger Land an. Im OVZ-Interview spricht die 41-Jährige über ihr Verständnis einer modernen, evangelischen Kirche und ihre Pläne für den Kirchenkreis.

Kristin Jahn

Quelle: privat

Altenburg. Die Kirchenkreis Altenburger Land bekommt eine neue Superintendentin. Kristin Jahn tritt am 1. Oktober ihre neue Stelle an. Die gebürtige Schmöllnerin studierte ab 1996 Literaturwissenschaft und evangelische Theologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, machte 2007 ihr Diplom und arbeitete seit 2012 als Pfarrerin in Wittenberg. Im OVZ-Interview spricht die 41-Jährige über ihr Verständnis einer modernen, evangelischen Kirche und ihre Pläne für den Altenburger Kirchenkreis.

Frau Jahn, Sie wurden in Schmölln geboren, haben die vergangenen fünf Jahre als Pfarrerin in Wittenberg gearbeitet und kehren jetzt in Ihre Heimat zurück. Was ist das für ein Gefühl?

Ein schönes – und zugleich ein komisches. Ich habe die Region bereits 1996 zum Studium in Jena und 2007 für mein Vikariat in Buttstädt verlassen und seitdem hat sich einiges getan. Einerseits kenne ich noch viele von früher, andererseits hat sich vieles verändert. Eine meine ersten Aufgaben wird sein, all das, was neu ist, kennen zu lernen.

Beim Vorstellungsgottesdienst in Schmölln am 20. Mai sagten Sie, dass Sie die Kirchen, diesen manchmal „rostigen Tanker“, wieder „aufs offene Meere“ hinausführen wollen. Wie wollen Sie das machen?

Mir ist vor allem wichtig, dass wir als Kirche und Christen nicht selbstgenügsam sind. Eine Kernaufgabe der Gemeinden und ihrer Mitglieder muss sein, stets neue Perspektiven und Standpunkte auszuloten und nicht nur Dienst nach Vorschrift zu machen. Da sich die Kirche in der DDR eher zurückgezogen hatte, gehört es auch dazu, die ältere Generation anzusprechen und sich gemeinsam zu fragen: Was bedeutet Kirche heute eigentlich? Nach meinem Verständnis ist die Kirche ein Haus, in dem alle Zuflucht finden. Wir brauchen mehr Selbstreflexion, von der Arbeit vor Ort bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit, bei der oft Texte entstehen, die sehr selbstreferenziell sind. So erreichen wir die Menschen, die der Kirche fern stehen, nicht. Ich für meinen Teil kann nur Anstöße und Anregungen geben, denke aber, dass genau dies meine Aufgabe ist und ich auch dazu in der Lage bin – sonst wäre ich wohl auch nicht zur neuen Superintendentin gewählt worden. (lacht)

Sie sagten auch, Sie wollen eine „klare Linie“ fahren. Wo führt diese Linie entlang?

Das fängt damit an, dass wir bei Konflikten nicht den Deckmantel der Nächstenliebe über alles legen, sondern Differenzen klar ansprechen. Es muss möglich sein, die Stärken einer Person zu benennen und zu fördern, wie auch dessen Schwächen anzusprechen und den Menschen zu zeigen, was ihr Talent ist und wofür sie vielleicht nicht geeignet sind. Deshalb ist es so wichtig, ein klares Gegenüber zu sein. Für mich steht der Mensch im Mittelpunkt und nicht auf einem Podest, der Mensch mit seinen Möglichkeiten und Grenzen. Eine klare Linie heißt auch, dass ich von den Pfarrern nicht nur wissen will, wann sie arbeiten, sondern auch, wann sie mal einen Tag frei machen, denn jeder Mensch braucht auch seinen Sonntag.

Gehört interreligiöser Dialog auch dazu?

Das ist ein spannendes Feld. Ich muss zugeben, dass ich die Situation im Altenburger Kirchenkreis noch nicht genau kenne, welche Religionen dort jetzt verortet sind. Generell haben wir als Kirche die Pflicht, unsere Religion in der Öffentlichkeit klar zu beschreiben, um gegenüber anderen auskunftsfähig zu bleiben. Das ist umso wichtiger in Zeiten des Extremismus, um jeglicher Form von Fundamentalismus den Boden zu entziehen und klar zu machen, dass Religion zum Frieden anstiftet und nicht zur Gewalt. Damit das gelingen kann, dürfen wir uns nicht nur gemeinsam an den runden Tisch setzen und uns gegenseitig toll finden, sondern wir haben den Dialog mit der Öffentlichkeit zu suchen. Ein anderes, wichtiges Thema ist, dass wir die Ökumene vor Ort leben und den Kontakt zu Menschen anderer Konfessionen fördern.

Wie zu lesen ist, haben Sie sich in Wittenberg durch Ihre sehr volksnahe Arbeit verdient gemacht. Nun werden Sie Superintendentin und damit zur „Seelsorgerin für die Seelsorger“. Werden Sie überhaupt noch dazu kommen, Ihre Arbeit im gewohnten Stil fortzuführen?

Das weiß ich noch nicht, ich lass es auf mich zukommen. Zweifellos wird viel Verwaltungsarbeit anstehen. Ich werde aber auch weiterhin mit Menschen zu tun haben – hinter jedem Aktenvorgang steht ein Mensch. Und auch in der Verwaltungs- und Gremienarbeit zählt, wie man auf sie zugeht. Die Leute spüren, ob sie einem wichtig sind oder nicht.

Jetzt wechseln Sie von Wittenberg, quasi dem Zentrum der Reformation, nach Altenburg. Bedeutet das auch weniger historisch bedingten Druck, der auf Ihren Schultern lastet?

Das Arbeitsspektrum in Altenburg wird natürlich anders aussehen als in Wittenberg. Das liegt schon daran, dass weniger Touristen der religiösen Historie wegen in die Skatstadt kommen. Im Mittelpunkt stehen hier die alltäglichen Probleme der ländlichen Bevölkerung, die sich fragt, ob ihr Arbeitsplatz oder die Busverbindung in die nächste Stadt in 20 Jahren noch da ist. Altenburg ist nichtsdestotrotz Spalatin-Stadt – das wird auch weiterhin ein relevantes Thema bleiben.

2017 werden 500 Jahre Reformation gefeiert. Wie sah Ihr persönliches Lutherjahr bisher aus?

Das größte Ereignis war natürlich der Kirchentag. Da habe ich in Wittenberg unter anderem Abendmahl auf der Elbwiese mitausgeteilt – das war eine sehr bewegende Erfahrung. Den Kirchentag in Berlin habe ich ebenfalls als großes Geschenk empfunden. Bereits 2016 habe ich durch meine Mitarbeit im Fachausschuss für die freiwilligen Helfer das Lutherjahr mitgestaltet, 2017 hat für mich also schon früher begonnen. Ich bin dankbar, dass ich in Wittenberg so viele Menschen kennengelernt habe: junge Leute, die dort ihr Freiwilliges Soziales Jahr machen, Liedermacher, Künstler. Der Kontakt zu ihnen wird auch meine Arbeit in Altenburg bereichern. Das Lutherjahr wird also noch lange nachhallen.

Wo wir beim Thema „Junge Leute“ sind: Die Kirche hat ein Nachwuchsproblem. Wie kann man heute noch junge Menschen erreichen?

Das ist für mich die falsche Frage, denn sie hat immer einen seltsamen Beigeschmack. So als würden wir nur darauf abzielen, die Plätze der Verstorbenen mit jungen Leuten aufzufüllen. Für mich steht eher die Frage im Raum: Wie erreichen wir die Menschen, junge und alte? Die Kirche muss auf alle zugehen, die da sind. Die Jugend ist da nur ein – wenn auch wichtiger – Punkt, an dem wir ansetzen sollten.

Am 1. Oktober beginnen Sie mit Ihrer Arbeit im Altenburger Kirchenkreis. Wie werden Sie sich aus Wittenberg verabschieden?

Zunächst mit einem Abschiedsgottesdienst am 17. September in der Stadtkirche. Ende September werde ich dann noch eine private Abschiedsparty veranstalten. Allerdings weiß ich noch nicht, wie viele Taschentücher ich und die anderen dabei brauchen werden. (lacht)

Von Christian Neffe

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