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Altenburg Dobitschen: Wie der Glanz der Vergangenheit immer mehr verblasst
Region Altenburg Dobitschen: Wie der Glanz der Vergangenheit immer mehr verblasst
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16:04 05.03.2018
Bärbel Berkholz mit ihren Mitstreitern vom Geschichtsverein, Christa und Fritz Porst sowie Erika Mattheus (v.r.), im „Kabinett“, einem kleinen Dorfmuseum über dem Gasthof in Dobitschen. Quelle: Mario Jahn
Dobitschen

Einst glänzte Dobitschen als Perle auf dem Land. Und das nicht nur, weil es sich so wunderschön in die hügelige Landschaft schmiegt. Es galt als Vorzeige-Dorf im Kreis Schmölln, wurde beinahe reich, zumindest wohlhabend, in der ansonsten armen DDR. Das lag vor allem an der Landwirtschaft, die wegen hervorragender Böden und gewiefter Bauern Erfolge feierte.

Der Glanz verflog, die guten Zeiten sind lange vorbei. Die stolze Gemeinde kämpf verzweifelt gegen ihren Niedergang und steckt dabei immer wieder Nackenschläge ein. Den letzten gab es im November vergangenen Jahres, als der Lebensmittelladen zumachte. Im Frühjahr 2017 schloss die VR-Bank ihre Filiale, die Sparkasse hatte sich schon Jahre zuvor zurückgezogen.

Aufgegeben hat ebenso der Gasthof. Die Arztpraxis, von der Dobitschen seit 1710 eine hatte, gibt es seit rund neun Jahren nicht mehr. 2004 brannte auch noch die Scheune des Rittergutes. Das Wasserschloss, das Schmuckstück, von dem anderen träumen würden, ist nicht mal mehr ein Schatten seiner selbst.

„Das alles tut mir in der Seele weh, sehr sogar“, grämt sich Bärbel Berkholz. Die 77-Jährige wohnt seit 21 Jahren in Dobitschen, war dort noch viel länger Lehrerin, nachdem sie 1945 als Flüchtlingskind in einem Nachbardorf strandete. Die gute Seele im Ort trauert den Zeiten nach, als in den 60er-Jahren der Gasthof gebaut wurde, dort regelmäßig der Kinomann Filme zeigte, als Theater-Leute aus Altenburg auftraten, es Lesungen gab und hinterher getanzt wurde. Als der DFD, die Volkssolidarität oder der Sportverein Traktor etwas auf die Beine stellten, der Konsum ein richtiges Landwarenhaus war, mit Textilien und Schuhen. Als die vielen jungen Leute, die LPG-Lehrlinge, im Wasserschloss Stimmung und viele Gäste ins Dorf brachten. Vorbei.

Quell des Aufschwungs, vor allem in den 70er-Jahren, war für Bärbel Berkholz die erfolgreiche LPG – mit ihrem legendären Vorsitzenden Heinz Starke, der das Geld clever vor Ort investierte, als es zum Kreis oder nach Berlin zu überweisen. Die Agrargenossenschaft Dobitschen knüpfte nach der Wende an die Erfolge an, musste aber einen entscheidenden Rückschlag hinnehmen, der den Niedergang einläutete.

Der Treuhandnachfolger verkaufte das Wasserschloss und das angrenzende Rittergut nicht etwa an die Genossenschaft, die beide Objekte nutzte und erhielt, sondern an einen Privatmann, der beide denkmalgeschützten Kleinode des Ortes seitdem elend verfallen lässt. Jedes Jahr ein Stückchen mehr. Bärbel Berkholz spricht von einer „Schande, der wir jeden Tag ins Gesicht sehen müssen.“ Das Amt für Denkmalschutz schaute sich das Schloss 2014 zum letzten Mal an und seitdem weg. Die Genossenschaft zog 2001 aus und sitzt seitdem in Gimmel. Was wäre aus dem schönen Ort, dem Rittergut und dem Schloss, geworden, wenn die Bauern dort geblieben wären?

Der Abwärtstrend in der Gemeinde mit rund 500 Einwohnern führte bereits zu politischen Verwerfungen. Der sechsköpfige Gemeinderat entzog im November 2015 seinem langjährigen Bürgermeister Olaf Heinke das Vertrauen, der daraufhin zurücktrat. Ihm war klar, dass es für Gemeinden von der Größe Dobitschens als eigenständiger Ort keine Zukunft gibt, weil das Geld für nötige Investitionen fehlt.

Mit dieser Meinung stand er wohl allein. Denn am Ortseingang steht ein Plakat für das, was die Mehrheit der Dobitschener denkt oder denken soll: „Gebietsreform – nein Danke“. Die Eigenständigkeit hat einen hohen Preis. Beispielhaft für die Geldnot war, als 20 Einwohner im Herbst 2017 zwei marode Straßen bei einem ehrenamtlichen Einsatz selber flickten.

Heinkes Nachfolger als Bürgermeister ist Bernd Franke (parteilos). Dass der Lebensmittelladen zu ist, ist für ihn „ganz schlimm“. Es war die letzte feste Einkaufsmöglichkeit im Dorf, darüber sei er sehr unglücklich, sagte er der OVZ. Vor allem, weil es in Dobitschen viele Einwohner gibt, die jenseits der 80 sind und nicht mehr selbst Auto fahren können. Als Alternative verweist Franke auf die Verkaufswagen, die Lebensmittel anbieten.

Zumindest verfüge der Ort noch über die Regelschule und das „Nähkästchen“ – eine kleine Schneiderei. Es gebe den Faschingsklub, einen Dorfförder- und den Feuerwehrverein, mithin ein reges Dorfleben. „Das haut super hin“, freut sich Franke, der von einem Niedergang überhaupt nicht sprechen mag. Auf dem Festplatz soll das Brauereihäuschen wieder nutzbar gemacht und Toiletten installiert werden. Geld dafür hat die Gemeinde nicht. „Wir sammeln aber“, sagt er. „Wir lassen uns nicht entmutigen.“ Auch in Zukunft will Dobitschen eigenständig bleiben und selber bestimmen. Dass der Gemeinde zum Selberbestimmen aber das Geld fehlt, sei eben so.

Die Schule bezeichnet Bärbel Berkholz als den letzten Anker im Ort. Sie selbst kümmert sich mit anderen Mitstreitern liebevoll um das „Kabinett“, das sich in der Wohnung über dem geschlossenen Gasthof befindet. Es ist eine Art Dorfmuseum, das nur auf Anfrage geöffnet wird. Dort liegen nun die vielen Erinnerungsstücke – aus den guten alten Zeiten.

Von Jens Rosenkranz

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