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Altenburg Ein Denkmaltag mit Aha-Erlebnissen in Stadt und Land
Region Altenburg Ein Denkmaltag mit Aha-Erlebnissen in Stadt und Land
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05:30 11.09.2018
Der Vierseithof der Familie Lichtenstein in Wolperndorf wurde im vergangenen Jahr mit dem Preis des Landkreises ausgezeichnet. Quelle: Maike Steuer
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Altenburger Land

99, 100, 101 ... der Weg bis in die Spitze der südlichen Roten Spitze ist lang und sportlich. Doch die über 100 Stufen nahmen am Sonntag jede Menge Neugierige gern in Kauf, um die Skatstadt mal aus einem anderen Blickwinkel betrachten zu können. So wie Gerhard Saupe und Rosmarie Matuszewski, die den Tag des offenen Denkmals seit vielen Jahren für eine Rundreise durch den Landkreis nutzen. „Man lernt das Altenburger Land mal ganz anders kennen“, schwärmten die Meuselwitzer. So wie viele Fans geschichtsträchtiger Häuser und Orte haben sie sich eine genaue Route zurecht gelegt, um durch möglichst viele der etwa 70 offenen Türen hindurchzugehen.

Kein Wunder, dass zahlreiche Besucher deshalb schon vor dem offiziellen Beginn um 10 Uhr in die Denkmäler strömten. Das Zeitfenster von maximal acht Stunden war knapp bemessen.

Thüringer Hof: In der Gabelentzstraße 15 ging es zu wie im Taubenschlag. Seit dem frühen Vormittag zog es Jung und Alt auf das Gelände des ehemaligen Thüringer Hofs, wo unter der Federführung der Initiative „Neue Gründerzeit an der Blauen Flut“ zum Hoffest geladen war - buntes Angebot inklusive. Neben Ständen, an denen Keramik oder Taschen angeboten wurde, waren es insbesondere die im Erdgeschoss des Gebäudes präsentierten historischen Fotos, die die Besucher lockten. Schließlich ließ sich so ganz bequem ein Blick auf die mal glanzvolle, mal weniger opulente Geschichte des Viertels werfen.

Die war es auch, die Evelyn Spiegelberg und Renate Jahnke aus Altenburg-Südost am meisten interessierte. „Wir finden es bewundernswert, was die Initiative hier angeschoben hat“, fand Evelyn Spiegelberg deutliche Worte für die Pläne der Gruppe, das Viertel mittelfristig kräftig aufzuwerten. Nicht wenige Altenburger hätten immer bedauert, wie sehr das Quartier verfalle. „Dabei gibt es hier ein Riesenpotenzial“, betonte Renate Jahnke. Nun müsse man nur hoffen, dass die Stadt die Initiatoren tatkräftig unterstütze, damit das Vorhaben nicht im Sand verlaufe.

Dieser Tag des offenen Denkmals im Altenburger Land bot viele Aha-Erlebnisse. Von der alten Altenburger Hoffleischerei übers Kriebitzscher Fachwerkhaus bis zum Vierseithof in Wolperndorf – die OVZ begab sich auf Rundreise.

Alte Hoffleischerei: Zwei Häuser weiter hätten die Türen beinahe verschlossen bleiben müssen, denn Feuchtigkeit und der Zahn der Zeit nagten am Fußboden der seit Langem leer stehenden ehemaligen Hoffleischerei. „Der Keller ist eine Katastrophe“, betonte Clemens Kramer. Die Stahlträger seien durch das Wasser durchgerostet und hätten vorab stabilisiert werden müssen. Als Architekt und freier Mitarbeiter ist Kramer maßgeblich an der Sicherung und kommenden Sanierung des kompletten Gebäudekomplexes durch den neuen Besitzer ACG Engeering aus Leipzig beteiligt.

Dass im nächsten Jahr zuerst das Vorderhaus wieder hübsch gemacht werden soll, freut Damaris und Henry Wagner sehr. „Ich kenne die Fleischerei noch als Kind. Hoffentlich kommt in diesen wunderschönen Laden kein Büro rein, das wär’ wirklich schade“, bekennen die „Fans des Denkmaltages“, bevor sie weiterziehen – raus nach Ehrenhain zum Vierseithof.

Markt 12 – Geschichtsverein: Kurz nach halb drei zählt die Denkmaltag-Statistik von Frank Stalive schon 167 Striche – und gefühlt „tausende gute Gespräche“, wie der gebürtige Meuselwitzer schmunzelnd erzählt. Bereits seit sechs Jahren engagiert er sich im Altenburger Geschichtsverein und ist mehr als begeistert von den vielen Anekdoten, die ihm die Besucher dalassen. „Was hier alles für Gaststätten drin waren oder wofür der Höhler alles genutzt wurde“, staunt Stalive. Vieles davon sei ihm neu gewesen. Neben den Kellergewölben sei es vor allem das Thema Hasag, was die Menschen herführe.

Vierseithof Wolperndorf: Grob 25 Kilometer weiter östlich ist Doreen Lichtenstein derweil froh, dass sie doch noch einen Kuchen mehr gebacken hat. Denn selbst am äußersten Rand des Landkreises reihen sich heute die Autos vorm Vierseithof ihrer Familie. Während ihr Mann Stephan seit „kurz nach dem Frühstück“ ununterbrochen in der wunderschön restaurierten Bohlenstube steht und die Geschichte vom Göpfersdorfer Jungen erzählt, der zufällig „seinen“ Hof fand, kümmert sich die Mutter zweier Kinder um das leibliche Wohl der Gäste. „So mit 20, 30 Leuten hatten wir zuerst gerechnet, aber als wir dann beim Eröffnungskonzert im Marstall erwähnt wurden, stieg die Aufregung.“ Wie viele Menschen genau am diesem Tag über ihren Hof, die knarzenden Stufen hinauf in den kleinen Saal schwärmen oder sich gemütlich im großen Saal auf ein Käffchen niederlassen, vermag sie nicht zu schätzen. Tochter Emma (9) und ihre allerbeste Freundin Helene (8) freut der Riesentrubel. „Endlich mal was los“, erzählen die Harry-Potter-Fans grinsend und erweisen sich als ausgezeichnete Hofführerinnen. Im ehemaligen Hausstall haben sie sich zudem in Gesellschaft von Hofkater Rudi ihren eigenen „Laden“ eingerichtet, wo sie ihre auf Leinwände gesprühten Graffiti ausstellen. Doreen Lichtenstein freut der Eifer der Mädchen, während der enorme Andrang sie ein wenig überrannt habe. „Dass so viele bis hier raus nach Wolperndorf kommen ... der Wahnsinn!“

Im April 2017 ist die Familie auf dem riesigen Anwesen eingezogen, das sie 2013 erwarb. „Wie groß das hier alles ist, haben wir erst so richtig realisiert, als wir hier angefangen haben“, erinnert sich Doreen Lichtenstein an die sehr intensive Bauzeit über mehrere Jahre, in denen nicht nur das Haupthaus grundlegend renoviert wurde, sondern auch das Kopfsteinpflaster im Hof und der große Saal. Während die Besucher beeindruckt sind vom „fertigen“ Hof, wissen dessen Besitzer es besser: „Wir haben viel geschafft, aber wirklich fertig ist man nie.“

Fachwerkhaus Blendinger, Kriebitzsch: Dieses Ziel der Vollständigkeit hat Günter Blendinger nie angestrebt. Seit 1976 gehört ihm das kleine Fachwerkhäuschen in der Mittelstraße 17, seine „Sommerresidenz“, wie der Künstler stolz betont. Versteckt hinter üppig viel Grün und dicht behangenen Apfelbäumen erwartet das über 240 Jahre alte Gebäude seine Gäste. Würden jetzt Hänsel und Gretel um die Ecke kommen, man würde sich nicht wundern. Im Erdgeschoss die gemütlich eingerichtete Wohnstube, im oberen Stock sein Atelier und Ausstellungsraum mit zahlreichen seiner Zeichnungen und Malereien. „Dieses Haus ist mein Hobby. Es sind jetzt über 30 Jahre, dass ich hier rumbastle. Ich mache so, wie ich denke, und auch meine Frau darf mir nicht reinreden“, erzählt der gebürtige Meuselwitzer gut gelaunt und in Dauerschleife über den Tag verteilt etwa 60 Besuchern.

Draußen vor der Gartenpforte hat der inzwischen Fast-Berliner einen halben Sack Lehm hingestellt. 150 Volle hat er aus dem Untergrund des Hauses bereits zu Tage gefördert und sucht nun Abnehmer: „Wenn sich da bis nächstes Jahr keiner gefunden hat, muss jeder Besucher zum Denkmaltag 2019 einen mitnehmen“, witzelt er. Auch Gerhard Saupe und Rosmarie Matuzewski stimmen ins allgemeine Gelächter ein. Es ist fast halb sechs und Kriebitzsch ihre letzte Station für heute: „Es war toll! Aber jetzt reicht’s. Feierabend!“

Von Maike Steuer

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