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Ein Komponist alter Schule – zum Tod von Günther Witschurke

Altenburg Ein Komponist alter Schule – zum Tod von Günther Witschurke

Seine angegriffene Gesundheit hielt Günther Witschurke in den letzten Jahren aus der Öffentlichkeit fern. Doch seine Werke wurden weiter gespielt. 180 an der Zahl hat er geschrieben. Jetzt ist der Altenburger Komponist und Kulturpreisträger kurz vor seinem 80. Geburtstag gestorben. Ein Nachruf.

Günther Witschurke am Flügel in seiner Wohnung auf dem Schloss – eine Aufnahme aus dem Jahr 2007.

Quelle: Jens Paul Taubert

Altenburg. Ein Mann, der die Öffentlichkeit suchte, ist Günther Witschurke nie gewesen. Ohnehin sorgte seine angegriffene Gesundheit in den zurückliegenden Jahren dafür, dass der auf dem Altenburger Schloss lebende Komponist nur noch selten in Erscheinung trat. Dennoch wollte er seinen 80. Geburtstag in zwei Wochen zumindest im kleinen Kreis würdig begehen. Die Einladungen für den 19. Juli waren schon ausgesprochen. Doch er hat es nicht geschafft. Am Dienstag ist Günther Witschurke, wie seine Witwe bestätigte, gestorben. Altenburg verliert mit ihm einen Künstler, der die Skatstadt vor einem halben Leben als Schaffens- und Lebensort bestimmte, ihr seine Vierte Sinfonie, 1989 uraufgeführt, widmete und von der er 2010 den Kulturpreis erhielt.

„Musik ist für mich etwas Besonderes“, sagte Günther Witschurke jüngst. Elementares. Urgewalt. Musik als sein Kosmos, als alles umspannender Lebensraum. Dabei war die Familie mit sieben weiteren Kindern, in der er 1937 in Dresden geboren wurde, nur bedingt musikalisch zu nennen: der Vater, städtischer Angestellter, der gern in Konzerte ging; die Mutter, die Sopranistin werden wollte, aber nicht konnte. Sie förderte, bestärkte ihn in seinen Ambitionen und begleitete, nein geleitete ihn förmlich zur Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ in Dresden. Hier studierte er Klavier und Posaune. Hier schloss er nach Jahren der Posaunisten-Praxis in verschiedenen Orchestern ein Kompositionsstudium an.

Als Siebenjähriger sah Witschurke sein Dresden brennen, entkam diesem Schlund nur knapp. Er suchte die Musik als Gegenkraft. Doch selbst in Altenburg verschonte ihn das alles Verzehrende nicht: Vor 30 Jahren, vier Tage nach Ostern, brannte die Wohnung aus, in der er mit seiner Frau Beatrix Witschurke-Kilényi in der Junkerei des Altenburger Schlosses lebte. Ein Teil seines Werkes wurde vernichtet. Von einem gerade beendeten Ballett, Auftragswerk für die Budapester Oper, blieben drei, vier Notenblätter, die die Hitze es Feuers bis in den Pauritzer Teich getrieben hatte, wo sie jemand fand. Witschurke resignierte nicht, erfand das Ballett in wenigen Wochen ein zweites Mal – zu spät trotzdem, um in Ungarns Hauptstadt aufgeführt zu werden. Es harrt wie nicht wenige seiner Kompositionen noch immer erstmaliger Entdeckung.

Nach Altenburg geholt hatte Witschurke 1978 seine spätere Frau, die als Schlagzeugerin in der Landekapelle arbeitete. Witschurke stieg dort als Posaunist ein, fand Raum zu komponieren, wurde freischaffend. Mit Vorliebe in frühesten Morgenstunden notierte er vielstimmig auf Notenblätter, was in seinem Inneren zu Vollendung gereift war. „Wenn er beginnt, eine neue Komposition aufzuschreiben, dann hat er alles schon im Kopf, jede Note. Das ist alte Schule“, würdigte Kapellmeister Thomas Wicklein als Laudator 2010 den Kulturpreisträger der Stadt Altenburg. 18 Auftragswerke habe er allein für den Altenburger Posaunenchor komponiert und sei als dessen Mitglied beispielsweise bei den legendären Prinzenraub-Festspielen aufgetreten.

Witschurke sprach von seinen Arbeiten zuletzt bewusst im Präteritum. Sein Werk war abgeschlossen, jedenfalls für ihn. Wenn er die Klaviatur weiter nutzte, dann um zu improvisieren. Die Extrakte indes notierte er nicht länger. Dass jene Werke, die gesetzt, die gedruckt sind auch gespielt wurden, dafür sorgte seine Frau Beatrix – Muse, Motivatorin, Managerin. „Die ehemalige Schlagzeugerin trommelt noch heute die Leute für seine Musik zusammen“, scherzte Wicklein zur Preisverleihung und fügte ernst hinzu: „Er freut sich immer, wenn der Applaus spät kommt, weil sein Werk dann die Leute ergriffen hat.“

Das Ensemble „eccolo“, ein variabler Freundeskreis aus Musikern verschiedener Herkunft, verschiedenen Alters – Mitglieder des Posaunenchores, Theaterkollegen, Organisten, Schüler, die er unterrichtete – trugen Witschurkes Musik in die Welt. Es gastierte in den vergangenen Jahren unter anderem in Frankreich, Spanien, der Schweiz, den USA und deutschlandweit. Es machte Witschurkes Kammermusik, die Kompositionen für Orgel, für Blechbläser, für Schlagwerk hörbar unabhängig von ganzen Orchestern, die für eine Aufführung seiner großen Konzerte, Opern, Chorwerke unverzichtbar sind.

Ein Konzert zu seinem Jubiläum war nicht geplant. Immerhin war Witschurke mit einem Werk in vier Konzerten des Sächsischen Musikbundes im Mai und Juni vertreten. Und das Kammermusik-Ensemble des Altenburg-Geraer Theaters nahm aus Anlass des Geburtstages Ende Juni ein Stück in das Konzertprogramm im Lindenau-Museum auf.

Die Orchester- und Chorwerke, Konzerte und Kammermusiken, weltliche und religiöse Schöpfungen – an die 180 in der Summe – von Günther Witschurke leben weiter.

Von Ekkehard Schulreich und Ellen Paul

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