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Ein Wünsche-Ritual und eine Altenburger Gala, die keine Wünsche offen ließ

Spielzeiteröffnung am Theater Ein Wünsche-Ritual und eine Altenburger Gala, die keine Wünsche offen ließ

Wussten Sie, dass ein Theaterchef alljährlich zur Spielzeiteröffnung jedem Mitarbeiter eine „schöne Spielzeit“ wünschen muss? Zumindest gehört dies zu Ritualen, die ein ziemlich abergläubisches Volk, wie es Theaterleute nun mal, zu befolgen pflegen. Der Intendant des Altenburg-Geraer Theater allerdings hat sich in diesmal einen Trick einfallen lassen.

So viel Spaß steckt an – Abschlussszene der Eröffnungsgala mit allen Protagonisten, in der Mitte Theaterchef und Moderator Kay Kuntze.

Quelle: Sabina Sabovic

Altenburg. So ein Theaterintendant ist doch wahrlich nicht zu beneiden. Es reicht nämlich nicht, dass er für einen Spielplan sorgt, der möglichst viele Geschmäcker bedient und mithin gleichfalls möglichst viele Zuschauer anzieht. Nein, für das Gelingen einer Spielzeit ist es vielmehr unabdingbar – man höre und staune –, dass der Chef jedem seiner Mitarbeiter gleich zu Beginn persönlich eine „schöne Spielzeit“ wünscht. Und das ist für Kay Kuntze, Generalintendant des Altenburg-Geraer Theaters, bei rund 300 Mitarbeitern durchaus eine Aufgabe größerer Dimension.

Doch in diesem Jahr hatte er eine formidable Idee. Wen er in den letzten Tagen noch nicht getroffen hatte, dem überbrachte er diesen Wunsch zur großen Eröffnungsgala am Sonntagabend im Landestheater. „Schöne Spielzeit!“ war mithin das Motto, das sich wie ein roter Faden durch das Programm zog.

Denn Kuntze wusste natürlich – schließlich moderierte er wieder selbst –, dass da nicht nur das gesamte Orchester und der Opernchor, sondern auch zahlreiche Vertreter aller Sparten zugegen waren, um das Publikum „anzufüttern“ und auf die Leckerbissen der neuen Spielzeit aufmerksam zu machen. Keine leichte Aufgabe, denn schließlich stehen 2016/2017 immerhin 22 Premieren, über 100 Konzerten und mehr als 600 Vorstellungen auf dem Spielplan.

In einer überaus launigen Moderation, die diesen Abend ganz wesentlich getragen hat, führte Kay Kuntze von einem Highlight zum nächsten, von einer Sparte zur anderen (Dramaturgie Felix Eckerle). Und die meisten Spartenchefs ließen sich mitreißen, reagierten mit Witz und Freude und sorgten so dafür, dass diese Gala von einem trockenen Nummernprogramm meilenweit entfernt war.

Bunt gemischt war das Programm obendrein, so bunt wie es eben nur an einem Fünf-Sparten-Haus mit seinen vielfältigen Offerten sein kann. Ob Donizettis komische Oper „Don Pasquale“, in der mit Ulrich Burdack und Thaisen Rusch auch neue Sänger zu erleben sind, oder Brechts bekanntestes und derzeit überaus aktuelles Stück „Mutter Courage und ihre Kinder“ mit Mechthild Scrobanita in der Titelrolle; ob das Ballettensemble mit dem in Gera in der vergangenen Spielzeit permanent ausverkauften Piaf-Abend „La vie en rose“ oder eine Operettengala, deren Inhalt das Publikum bestimmen soll: Alle Protagonisten ließen keinen Zweifel daran, für ihr Stück und ihre Rolle zu brennen.

Nicht in Gala-Garderobe, wie anderenorts bei solchen Anlassen durchaus üblich, sondern im rollengereichten Outfit (Kostüme Hilke Förster) gewährten die Schauspieler, Sänger, Tänzer und Puppenspieler einen wunderbaren Blick auf das, was das Publikum in dieser Spielzeit erwartet. Weil die komplette Wiedergabe der zweieinhalb Stunden ein Ding der Unmöglichkeit ist, bleibt hier nur das Wagnis, eine kleine Auswahl zu treffen.

Da gibt es im Schauspielensemble beispielsweise nun einen neuen Kollegen, der aus dem Stand in den Spagat kommt, obwohl seine Statur dies, mit Verlaub, nicht vermuten lässt. Was Ioachim Zarculea schauspielerisch drauf hat, darf man unter anderem in „Mutter Courage“ erleben, die in dieser Spielzeit aber nur in Gera läuft. Welche Goldkehle zurzeit am hiesigen Theater unter Vertrag steht, bewies Anne Preuß mit dem Wiegenlied aus Tschaikowskis Oper „Masepa“ einmal mehr. „Der Wahnsinn klingt eben in der Oper am schönsten“, kommentierte Kuntze, der hier auch Regie führt, augenzwinkernd.

Welch tolle Inszenierungen sich die wenig Puppentheater-affinen Altenburger immer mal wieder entgehen lassen, zeigte ein Ausschnitt aus Erich Hubs „In der Arche um Acht“ mit einer Kühlschrankszene, in der Kay Kuntze neben den Puppenspielern Sabine Schramm, Lys Schubert, Marcella von Jan und Lutz Großmann zu großer schauspielerischer Form auflief. Ein Kabinettstück.

Und – last but not least – welchen Verlust das Altenburg-Geraer Theater im Sommer 2017 mit dem angekündigten Weggang seines Schauspieldirektors Bernhard Stengele verkraften muss, verdeutlichte dieser nicht nur mit einer wunderbaren Ballade, in der er versuchte, das komplette Schauspielangebot zu fassen, sondern vor allem mit dem kongenialen Trailer zu „Cohn Bucky Levy – eine Familiengeschichte“. Wie ergreifend Schauspieler Manuel Struffolino darin auf das Stück über das Schicksal dieser jüdischen Familien einstimmte, lohnte allein den Besuch der Gala. Noch einmal bringt Stengele also Altenburger Historie auf die Bühne, in diesem Fall sogar an die Originalschauplätze.

Schlussendlich nicht zu vergessen die Komödie „Zwei Männer ganz nackt“, bei der allerdings noch nicht ganz klar ist, ob sich die Hoffnung des Intendanten auf Überstundenabbau in der Kostümabteilung erfüllen wird, und das Familienmusical „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“, für das es dem hiesigen Theater als erstem deutschem Stadttheater gelungen ist, sich die begehrten Aufführungsrechte zu sichern. Der bewusst an den Schluss drapierte Titelsong, der noch einmal alle Mitwirkenden zusammenführte, sprühte von der Bühne so viel Spaß und Lebensfreude, dass Beifallsstürme und Bravo-Rufe nur folgerichtig waren.

Wenn die Spielzeit so schön wird wie die Eröffnungsgala, die zu den besten der jüngeren Vergangenheit gehören dürfte, dann hätte sich das Wünsche-Ritual des Theaterchefs mehr als gelohnt.

Von Ellen Paul

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