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Altenburg "Ein großes Abenteuer"
Region Altenburg "Ein großes Abenteuer"
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20:21 08.11.2013

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Heute wird sie in der Bartholomäikirche offiziell verabschiedet, Ende des Monats rollt der Möbelwagen. Dann hat die Superintendentin des hiesigen evangelisch-lutherischen Kirchenkreises ihre Zelte im Altenburger Land endgültig abgebrochen. Die Verbindung zu ihrer alten Wirkungstätte soll trotzdem nicht reißen. OVZ sprach mit der 52-jährigen Theologin über elf Jahre, die Spuren hinterlassen haben - nicht nur bei Kirchenmitgliedern.

OVZ: Seit 2002 sind Sie, wenn der saloppe Ausdruck gestattet ist, Chefin von rund 17 000 evangelischen Christen im Altenburger Land und Teilen von Greiz. Jetzt treten Sie eine Pfarrstelle für zwei Rennsteig-Gemeinden an. Ist das nicht, mit Verlaub, ein ziemlicher beruflicher Abstieg?

Anne-Kristin Flemming: Es ist interessant, dass Sie das Interview damit beginnen. Diese Frage wird mir derzeit nämlich sehr oft gestellt. Eine gewisse Vorstellung von Hierarchien und die Meinung, dass man die Karriereleiter freiwillig nicht wieder nach unten steigt, scheinen weit verbreitet. Ich kenne viele Kollegen, die sich so etwas überhaupt nicht vorstellen können. Es gibt aber auch gerade jetzt zwei oder drei, die es genauso machen wie ich - und ebenso leichten Herzens. Ich empfinde die neue Aufgabe nicht als Abstieg, sondern als Bereicherung.

Gehen Sie eigentlich weg, weil Ihr Mann einen neuen Job in Illmenau hat oder weil es Ihrer Lebensplanung entspricht?

Beides. Als ich 2002 hier als Superintendentin angefangen habe, ist mir mein Mann nach Altenburg gefolgt. Er war bekanntlich bis April Pfarrer im Agneskirch-Sprengel und in Gödern-Romschütz. Jetzt folge also ich ihm an seinen neuen Wirkungsort. Aber mir war ohnehin von vornherein klar, dass ich nicht bis zur Rente in Altenburg bleiben wollte. Das hat nichts mit der Stadt zu tun, sondern mit dem Amt. Es war eine spannende, aber zugleich auch anstrengende Zeit. Man muss auch wieder mal Luft holen. Außerdem bin ich im Grunde meines Herzens Seelsorgerin, was natürlich in den letzten Jahren viel zu kurz gekommen ist. Da konnte man zu den Menschen nur punktuell Kontakt pflegen, sie aber nicht auf ihrem Lebensweg begleiten. Und: Mein Mann und ich, wir sind jetzt beide über 50. Wenn man noch einmal etwas Neues anfangen möchte, dann muss man es jetzt tun.

Doch bevor es soweit ist, sei ein Rückblick gestattet. Was bleibt, was haben Sie in den zurückliegenden elf Jahren erreicht?

Ich gehe in der Überzeugung, dass mein Entschluss gut und richtig ist, aber natürlich dennoch mit Wehmut. Weil ich vieles aus den Händen gebe, was ich mitgestaltet habe. Da sind beispielsweise die Kirchgemeinden, die ich begleitet habe, und wo sich in den letzten Jahren enorm viel verändert hat. Die Zeiten von "Eine Gemeinde - eine Kirche - ein Pfarrer" sind nämlich lange vorbei. Ich glaube schon, dass ich dazu beigetragen habe, dass die Kirche trotz dieser Veränderungen gut aufgestellt ist. Ich hatte hier einen Kirchenkreis, in dem die Veränderungen durch Armut, Abwanderung und Überalterung besonders stark waren. Wir haben so viele Orte zu gemeinsamen Pfarrstellen zusammenlegen müssen, wie in keinem Zeitraum vorher. Als ich anfing, gab es im Kirchenkreis 28 Gemeindepfarrstellen, jetzt haben wir noch 14. Die Kirchenmitglieder mussten sich von sehr vielen liebgewordenen Gewohnheiten verabschieden. Ein Pfarrer kann heute unmöglich in einem viel größeren Wirkungskreis alle Mitglieder persönlich kennen. Die Aufgaben des Pfarrers verändern sich, das bisherige Berufsbild steht infrage.

2010 haben Sie beispielsweise ein Pilotprojekt gestartet und an einem Sonntag in 99 Kirchen Gottesdienste ohne Pfarrer abgehalten. Ist das mittlerweile regelmäßig so?

Nicht alle Gemeinden können sich damit identifizieren, manche lehnen es sogar rigoros ab. Schon deshalb kann das nicht zum Standard werden. Aber wir haben auch bei uns inzwischen sogenannte Lesegottesdienste. Da werden vorgefasste Predigten von dafür ausgebildeten Leuten vorgelesen, weil ein Pfarrer sich sonntags nunmal nicht drei- oder vierteilen kann.

Spuren hinterlassen haben Sie aber nicht nur in den Kirchgemeinden, sondern auch im öffentlichen Leben des Landkreises. Es sei daran erinnert, dass Sie sich 2008 vehement gegen den Anbau von Genmais eingesetzt haben. Im gleichen Jahr, als das sogenannte Fest der Völker in Altenburg stattfand, waren Sie die Sprecherin des Aktionsbündnisses gegen Rechts. 2005 haben Sie durch Ihr Veto erreicht, dass der Oberbürgermeister die Entscheidung, die Schlosskirche für weltliche Eheschließungen zu nutzen, revidierte. Und im gleichen Jahr öffneten Sie erstmals die Bartholomäikirche für ein Konzert im Rahmen der Kneiptour. Was treibt Sie an, sich gesellschaftspolitisch so zu engagieren und einzumischen?

Eine Kirche, die hinter verschlossenen Türen nur unter sich bleibt, hat keine Ausstrahlung. Wenn ich möchte, dass auch Nicht-Christen keine Berührungsängste haben und wissen sollen, wie die Bartholomäikirche von innen aussieht, dann muss ich sie bewegen, hineinzukommen. Warum nicht im Rahmen der beliebten Kneiptour? Auch kann man nicht von der Bewahrung der Schöpfung reden und dann so tun, als wüsste man nicht um Genmais und seine Folgen. Ich will keine Grenze ziehen zwischen Kirche und Politik. Obwohl allerdings einige Mitglieder der Kirchgemeinde besonders mit Blick auf mein Engagement im Bündnis gegen Rechts sehr wohl der Meinung waren, dass ich Grenzen überschritten hätte. Doch es ist ein urchristlicher Auftrag, nicht nur an sich selbst zu denken.

Unvergessen bleibt auch Ihre Affinität zu Kunst und Kultur, besonders zum Lindenau-Museum. Gemeinsam mit Ihrem Mann haben Sie dort an Lesungen teilgenommen, Führungen veranstaltet. Auch das gehört nicht unbedingt zu den Aufgaben einer Kirchenfrau.

Aber es hat viel Spaß gemacht. Obwohl ich zugeben muss, dass mein Mann hier der Initiator war. Wir haben irgendwann entdeckt, dass wir sehr unterschiedlich an solche Themen wie die frühitalienischen Tafelbilder herangehen, und den Besuchern hat es offensichtlich gefallen, uns dabei zuzuhören. Auch die Lesungen, beispielsweise mit Ingo Schulze, waren eine sehr spannende Angelegenheit. Die Verbindung zum Lindenau-Museum möchte ich deshalb auf keinen Fall abreißen lassen.

In Bad Lausick geboren, gehörte die Skatstadt schon früher zu den regelmäßigen Ausflugszielen. Einmal im Monat ging es ins Theater. Ist es dabei geblieben?

Wir waren leider seltener im Landestheater, als wir es uns vorgestellt und vorgenommen haben. Ohnehin hat man als Superintendentin so viele Abendtermine, dass ich von dem ungeheuren kulturellen Angebot hier nur sehr wenig Gebrauch machen konnte. Da ist leider viel an mir vorbeigegangen. Das habe ich sehr bedauert. Von einer aktiven Teilnahme ganz zu schweigen. So wollte ich beispielsweise gern in einem Chor singen. Das war terminlich aber leider nicht möglich.

Gibt es auch beruflich Dinge, die Sie nicht verwirklichen konnten?

Ich hätte neben dem so erfolgreichen christlichen Gymnasium gern auch eine christliche Regelschule mit aufgebaut. Doch das ist besonders aus finanziellen Erwägungen erst einmal vom Tisch. Wir werden vorerst keine Regelschule gründen, aber wollen dafür das schulische Angebot am Gymnasium erweitern. Als Vorsitzende des Kuratoriums vom Spalatin-Gymnasium habe ich die Entwicklung der Schule aktiv mitgestalten können. Das war wunderbar, vor allem die Zusammenarbeit mit der Direktorin Birgit Kriesche war unheimlich bereichernd. Das werde ich sehr vermissen. Auch hätte ich in meiner Amtszeit den Kirchenkreis gern schneller personell wieder aufgerüstet. Es war schwierig, dass wir freigewordene Stellen immer wieder lange nicht besetzen konnten. Es ist sehr kräftezehrend, wenn man die Aufgaben eines anderen Pfarrers zusätzlich mit übernimmt.

Ein Nachfolger für Sie ist ja auch noch nicht gefunden. Angenommen, Sie wüssten schon, wer es ist, was würden Sie ihm oder ihr mit auf den Weg geben?

Sie meinen an guten Ratschlägen? Ich werde mich hüten (lacht).

Anders herum gefragt: Was müsste man denn für den Job des Superintendenten im Kirchenkreis Altenburger Land mitbringen, wenn man sich auf die Ausschreibung bewirbt?

Es müsste jemand sein, der den Mut hat, etwas Neues auszuprobieren, sich von alten Vorstellungen zu lösen. Und er müsste die Fähigkeit besitzen, die Leute auf diesem Weg mitzunehmen. Dazu braucht es Kraft und eine große Glaubensstärke. Und eine gewisse Gelassenheit, nicht sofort einen zählbaren Erfolg zu erwarten. Wenn derjenige bereit ist, in der Not zugleich eine Chance zu sehen, wäre die Arbeit hier im positiven Sinn ein großes Abenteuer. Für mich war es eins.

Interview: Ellen Paul

Ellen Paul

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