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Ein zeitloser Hauptmann von Köpenick im Landestheater Altenburg

Premiere Ein zeitloser Hauptmann von Köpenick im Landestheater Altenburg

Premiere am Landestheater Altenburg: Sonntagabend zeigte das Ensemble Zuckmayers Komödie „Der Hauptmann von Köpenick“. Die Inszenierung sorgte bereits im Vorfeld für mediales Aufsehen, da mit Ouelgo Téné erstmals ein farbiger Schauspieler die Titelrolle spielte.

Premiere in Altenburg: „Der Hauptmann von Köpenick“ mit Ouelgo Téné (2.v.r.) in der Titelrolle.

Quelle: Mario Jahn

Altenburg. Es schlagen Türen, herein springt ein junger Mann im Kapuzen-Sweatshirt, springt auf die Rampe der Bühne wie auf die rettende Uferkante des Festlandes. Der Mann ist schwarz, es ist der Schauspieler Ouelgo Téné. Er schaut sich um im voll besetzten Musentempel, findet das Textbüchlein von Zuckmayer, den abgetragenen Coat, den Melonenhut – schwups ist er der gerade entlassene Zuchthäusler auf Arbeitssuche.

Auf der Bühne beginnen seine Kollegen die Komödie „Der Hauptmann von Köpenick“, ihr Gegenstand ist der blamabelste Kriminalfall der wilhelminischen Ära, über den einst die ganze Welt lachte. Wilhelm Zwo soll auch gelacht haben – sein Volk, bemerkte er, hat Disziplin wie kein anderes der Erde. Die Story ist unvergessen. Zuckmayer machte aus dem Stoff eine bissige Satire. Sein Stück wurde sein größter Erfolg, uraufgeführt 1931 in Berlin, nachgespielt überall. 1933 war schon Schluss mit der Verspottung von Militarismus, Bürokratie und Autoritätsgläubigkeit. Aufführungsverbot! Schluss war für Komödianten „an die Weltordnung zu pochen“, wie das Aufbegehren des Schusters Voigt sein Schwager Friedrich tadelt.

Voigt, als 18-Jähriger wegen Betrugs für 15 Jahre im Knast, kann ohne Papiere nicht wieder in der Gesellschaft Fuß fassen. Nach misslungenem Einbruch ins Passamt, wo er sich mit gefälschten Papieren eine neue Identität verschaffen wollte, wieder zehn Jahre eingesessen, greift er, um endlich einen Platz für sich auf dieser Erde zu finden, zu einer List, die mehr eine Verzweiflungstat ist. Die unerhörte Aktion, für Voigt wieder ein Misserfolg, reißt aber die unmenschliche Ordnung der Gesellschaft in grellstes Licht, schonungslos. Karikaturen gleich, nach oben buckelnd, nach unten tretend, treiben des Schusters Gegenspieler – Militär, Zivilbeamte oder von diesen disziplinierte Untertane – das Hamsterrad an, in das er gerät. Das Bild ein operettenhaft heiteres Karussell.

Kulissenpuzzle, wie aus einem Kaleidoskop geschüttet auf der Drehscheibe, lassen im taumelnden Wechsel Amtsstuben, klein- und großbürgerliche Behausungen, Vergnügungsetablissements und die Uniformwerkstatt des Hoflieferanten vorüberziehen. Lichterketten versuchen der schäbig gewordenen Staffage Varietéglanz zu geben, über der das Ein-Mann-Orchester thront: Olav Kröger. Es lässt an die „Dreigroschenoper“ denken.

Den ganzen bunten Zauber stellt die Ausstatterin Hilke Förster vor eine schwarz-weiß-graue Großstadtstraßenflucht. Die Schauspieler steckt sie in historische Kostüme, ganz wie in einem Wachsfigurenkabinett. Das Kaiserkonterfei prangt aller Orten. Regisseur Bernhard Stengele lässt seine Schauspieler berlinern, so wie Zuckmayer es notierte. Man hört Jargon, Dialekt und den preußischen Kasernenton. Auch wenn so deftig satt auf Milieu von dazumal gesetzt wird, zielt allein die Besetzung der Hauptmann-Rolle schon ins Heute. Stengele stellt mit seiner Entscheidung die Frage: Wo ist der Platz an der Sonne für alle? Wie sieht die Welt aus, die nach dem Rousseauschen Ideal keinem gehört, ihre Früchte aber allen? So plebejisch auch die Ausdrucksweise, so philosophisch sind des Schusters Fragen und Antworten an seinen Schwager Friedrich, der nur Unterordnung, Duldung, Opfer, nicht Recht auf Menschlichkeit gelten lässt.

Einmal wird die Szenerie ganz zeitlos, wenn im Asyl Voigt seinem Knastbruder Kalle den Plan zum Einbruch in das Passamt unterbreitet, weil alle Behördengänge für ihn aussichtslos sind. Da sitzen die beiden frierend vor der eisernen Vorhang-Wand. Wir kennen sie doch – an den Zäunen, in Lagern, in Booten. Dieser Schauspieler als Schuster Voigt verändert den Wirkungsradius des Stückes, lenkt den Blick von der Monarchie auf die neuen Phänomene des globalen Beherrschens und Unterwerfens. Es bleibt natürlich dabei, Komödie zu spielen. Manchmal changiert sie zur Farce.

Musikalisch wird angereichert. Die „Faschingskonzert-Probe“ im Café National ist zwar für das Publikum eine lustige „Anmache“, wirkt aber mehr retardierend, wie auch im zweiten Teil im „Festsoupé bei Dressel“. Was sonst aber der geniale Schauspielkapellmeister beisteuert, ist mehr als nur „Berliner Musike“. Mal geht es hopp hopp, mal lässt man sich Zeit, um eine Standpunktklärung genau zu setzen. Da spielt Thorsten Dara den Schwager Friedrich nicht als Karikatur, nein, er spielt einen ringenden aber verblendeten Menschen.

11 Darsteller hat Stengele für 28 Rollenfiguren neben seinem Hauptmann-Darsteller. Es ist einfach ungerecht, nur einige zu nennen. Etwa nur Manuel Kressin als Oberwachtmeister und Obermüller, den Inspektor von Manuel Struffolino, Anne Diemer als Frau Obermüller, Johannes Emmrich als Zuschneider Wabschke und Ulrich Milde als dessen Chef Wormser. Einige Szenen entfallen: der Sedan-Feiertag im Knast und der Sanssouci-Spaziergang.

Stengeles Umgang mit der Vorlage ist legitim und nimmt ihr nicht die Botschaft. Ein Rührstück hat Zuckmayer nicht geschrieben und museal ist die Inszenierungsabsicht nicht. Freilich berlinerte Heinz Rühmann brillant, Harald Juhnke musste es gar nicht erst üben. Ouelgo Téné spielt seinen Schuster Voigt konzentriert. Leicht gutgläubig beginnt er, schluckt fast mit Demut, nur mit verhaltenem Zorn die bitteren Erfahrungen. Dem todkranken Mädchen gibt er berührend Hoffnung, direkt aufblühend ist er da in dieser wirklichen Beziehung von Mensch zu Mensch. Gleich darauf ist er getroffen, das Ausweisungsschreiben in der Hand. Stark und kraftvoll wird er im Disput mit Friedrich und im Entschluss zur militärischen Amtsanmaßung. Fast verjüngt wirkt dieser Voigt in seiner Hauptmann-Rolle, weise geworden im Finale. Es ist seine schwerste, wohl aber seine schönste Aufgabe vor seinem Abschied nehmen.

Das Publikum der Premiere folgte dem Spiel aufmerksam bis zum Ende. Da erblickt Voigt sich uniformiert im Spiegel. „Unmöglich“ muss er denken, dreht sich zu den „Berlinern“, sie stehen stramm. Einer grüßt schon mit dem „Deutschen Gruß“ auf dem eroberten Schreibtisch. Ouelgo Téné lacht. Alle stehen noch im Kostüm ihrer gerade zuletzt gespielten Figur, lachen auch – es kann schon der Beifall für ihren Kollegen sein. Und die im Saal? Fünf Minuten einmütiger, herzlicher Beifall. Fastnachtdienstag kommt morgens die Jugend ins Theaterhaus – die Schauspieler dürfen gespannt sein.

Von Helmut Pock

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