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Entfesselte Natur - entfesselte Menschen

Entfesselte Natur - entfesselte Menschen

Sie gehört zu den großen Opern der Neuzeit und ist doch vielen unbekannt - "Peter Grimes" von Benjamin Britten. Mit der Übernahme in den aktuellen Spielplan ehrt das Landestheater den Komponisten nachträglich anlässlich seines 100. Geburtstags.

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Bildgewaltig auf der Theaterbühne in Szene gesetzt - "Peter Grimes".

Quelle: Stephan Walzl

"Peter Grimes" wurde 1945 unmittelbar nach Kriegsende mit überwältigendem Erfolg uraufgeführt. Ähnlich gefeiert wurde vorgestern Abend die Premiere in Altenburg.

 

Die Fabel ist einfach: Der verschlossene, schwerblütige Eigenbrötler Peter Grimes ist als Fischer nur auf reichen Fang aus und hat dabei Unglück mit seinen Fischerjungen. Der erste stirbt ihm auf See, der zweite stürzt vom steilen Riff. Weil sich Grimes seltsam verhält, wird er im Dorf verdächtigt, beider Tod herbeigeführt und sie vorher missbraucht zu haben. Sein einziger Freund Balstrode, ein ehemaliger Kapitän, gibt ihm den Rat, aufs Meer hinauszufahren und samt Boot in den Wellen zu versinken. So geschieht es auch, während die Gemeinde, die kurz zuvor noch Gott in der Kirche pries, seltsam starr, teilnahmslos und unerbittlich zusieht. Für sie steht nur die Schuldfrage - für den Zuschauer die Erkenntnis, was kollektive Ausgrenzung bewirken kann.

 

Britten reflektiert damit auf beeindruckende Weise die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und des Naziregimes. Er unterlässt es, die Ablehnung der Küstendorfbewohner gegenüber dem Fischer zu begründen. Denn es geht in dieser Oper weniger um dessen persönliche Tragödie als vielmehr um die Mechanismen, die Diskriminierung sowohl bei der ausgrenzenden Gesellschaft als auch bei dem Geächteten in Gang setzt. Und damit wird diese Oper zum jetzigen Zeitpunkt hochaktuell, was bei der Geraer Premiere vor einem Jahr so noch nicht der Fall sein konnte.

 

Da der Chor, die Masse vertretend, wesentlich die Handlung zu tragen hat und das Meer zum Hauptelement der Oper wird, bieten sich dem Hausherrn Kay Kuntze als Regisseur beständig Möglichkeiten, in erregenden Massenszenarien Meisterleistungen zu zeigen.

 

Was diese Aufführung so gut macht, ist ihr Wechsel von klarer Aussage und Uneindeutigkeit, von Bildern, die den Zuschauer unmittelbar packen und solchen, die ihn auf Distanz halten. Der Regisseur kostet den Bühnenraum aus, der mit wunderbaren Projektionen des brausenden Meeres umgeben und in zwei Spielebenen geteilt ist (Bühnenbild Markus Mayer) und füllt ihn mit mobilen Arrangements des verstärkten Opernchores. Er macht den von Britten beschworen Antagonismus zwischen entfesselter Natur und entfesselter menschlicher Gesellschaft deutlich.

 

Einen wesentlichen Anteil daran hat der Chor, der sich stimmgewaltig in Szene setzt (Einstudierung Holger Krause). Musikalisch fügt sich alles zu einem großartigen Ganzen. Generalmusikdirektor Laurent Wagner ist ganz nah an der Musik. Er leitet das intensive Geschehen auf der Bühne souverän und gibt den reflektierenden Orchesterpassagen der Zwischenspiele Wirkung. Das ist große Sinfonik, die durch ihn und das Philharmonische Orchester eine überragende Interpretation findet. Wagner arbeitet das enorme Ausdrucksspektrum mit fast obsessiver Betonung des Rhythmischen deutlich heraus und zeigt zugleich den Reichtum an Farben und Melodien.

 

Die Solisten stehen dem in nichts nach, sowohl stimmlich als auch schauspielerisch. Solch eine ausgewogene Besetzung ist ein Glücksfall und nicht alle Tage zu haben. Zuallererst zu nennen ist der englische Tenor Jeff Stewart in der Titelrolle mit einer expressiven Stimme, die jegliche Gefühlsschattierung auszudrücken vermag und die Höhen makellos erreicht. Er gestaltet seine Rolle leidenschaftlich, emotional-berührend und bedrückend.

 

Neben ihm besticht Anne Preuss einmal mehr mit einer gesanglichen Glanzleistung. Ihre Ellen Orford vereint alles Charismatische einer mitleidenden und liebenden Frau. Da ist Dramatik und betörende Leuchtkraft, aber auch Klangschönheit in ihrer Stimme. Ihr letztes Solo ist ein inniges verhaltenes Arioso, das aus einer Bachschen Passionsmusik zu stammen scheint. Johannes Beck als alter Kapitän Balstrode verbreitet wohltuende Souveränität, Judith Christ agiert schillernd als drogensüchtige Sittenwärterin Mrs. Sedley, Kai Wefer als sehr authentischer Bürgermeister und Mark Bowman-Hester als Methodist Bob Boles. Für farbliche Aufhellung sorgen Chrysanthi Spitadi als Wirtin und ihre forciert munteren "Nichten" Anja Elz und Lydia Leitner. Nicht zu vergessen Kevin Henkel als eindrücklicher stummer Knabe.

 

Es gab langen Beifall für diesen nachhaltigen Opernabend - mit ungezählten Bravos.

 

Nächste Vorstellungen am Landestheater am 1. März, 16 Uhr, und am 20. März, 19.30 Uhr. Karten an der Theaterkasse (Tel. 03447 585160) oder online unter www.tpthueringen.de

Manfred Hainich

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