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Erst einmal hatten alle Dampf

Erst einmal hatten alle Dampf

Wer an Fallschirmspringen in der DDR denkt, dem fällt das Altenburger Land ganz bestimmt nicht ein. Denn nur wenige wissen heute noch, dass es bis zu Beginn der 70er-Jahre auch hier eine Sektion gab.

Altenburg.

Klaus Wettig gehörte dazu. Jetzt sucht er die Männer und Frauen, die damals hierzulande ihre Sprunglizenz erworben haben. Denn er war für ihre Ausbildung verantwortlich. Und das, obwohl er selbst nie aus einem Flugzeug gesprungen ist.

 

 

 

"Wenn ich ehrlich sein soll: Selbst zu springen, hat mich nie gereizt", erzählt Klaus Wettig und schmunzelt. Vielleicht auch, weil zu dem Zeitpunkt, als er Ausbilder für Fallschirmspringer wurde, schon längst klar war, dass er den medizinischen Test für die Tauglichkeit nicht bestehen würde - aufgrund seiner Brille. "1962 oder 1963 muss es gewesen sein", erinnert sich der gebürtige Plauener. Er wurde gefragt, ob er innerhalb der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) künftig Fallschirmspringer ausbilden möchte - denn daran hatten viele Interesse. "Ich war ja recht gut bei der Ausbildung der Segelflieger, deshalb hat man mir das zugetraut", erzählt er heute.

 

Bis die jungen Männer, von denen die Initiative in der Skatstadt ausging, den Sprung wagen konnten, dauerte es freilich seine Zeit. Wettig musste sich schließlich selbst erst einmal das Einmaleins von einem Fallschirmwart in Leipzig-Mockau beibringen lassen. "Ich ließ mir alles Wichtige zeigen, wie man einen Fallschirm zusammenlegt, die richtige Sprunghaltung und so weiter." Dann gründete Wettig eine Ausbildungsgruppe, später Sektion genannt, im Nähmaschinenwerk - vor allem, weil die Nachfrage in diesem Betrieb groß war.

 

Und weil es hier auch Räume gab, in denen die theoretische Ausbildung stattfinden konnte. Neben der Geschichte des Fallschirmspringens - insbesondere aus militärischer Sicht - umfasste diese auch Gesetze und Technikunterricht. "Die GST war ja eine vormilitärische Organisation. Deshalb gab es auch Sportunterricht und Schießübungen", so Wettig weiter. Denn was er damals gelehrt hat, daran kann er sich noch heute erinnern.

 

Ebenso daran, wie preiswert das Springen damals war. Für die Mitgliedschaft in der GST zahlten Schüler eine Mark im Vierteljahr, später wurde der Beitrag anhand des Verdienstes gestaffelt. "Fallschirme, Flugzeug und Zubehör stellte die GST", erklärt Wettig. Aus gutem Grund: War doch vorgesehen, dass die Fallschirmspringer entweder zu den sportlichen Erfolgen der DDR beitragen oder später weiter zum Fallschirmjäger bei der Nationalen Volksarmee (NVA) ausgebildet werden. Diejenigen, die nicht zu NVA wollten, mussten ihr Hobby zwangsweise aufgeben. Neun seiner Schüler wurden Fallschirmjäger. "Das wollten noch mehr, aber die Anforderungen waren hoch."

 

Davor durchliefen aber alle dieselbe Ausbildung. Und das hieß nach etwa 50 Stunden Theorieunterricht auch das praktische Üben. Das Packen der Fallschirme machte allein 70 Stunden Übung aus. Einmal in der Hälfte umschlagen, dann noch einmal die Hälfte und so weiter - Klaus Wettig kann dies heute noch aus dem Effeff. "Das war damals nicht so einfach, weil der Schirm viereckig war", beschreibt er. "Das ging nur zu zweit." Zudem musste jeder noch einen Rettungschirm packen.

 

Beim Sprung hingegen waren seine Schüler dann auf sich allein gestellt - Wettig musste am Boden des Flugplatzes Leipzig-Mockau bleiben, ein anderer Sprunglehrer in der Maschine kontrollierte, ob sich die Springer richtig und in korrekter Haltung vom Flugzeug lösten. "Vor dem ersten Mal hatten alle Dampf, das macht man nicht einfach so", erinnert sich Wettig, den als Lehrer besonders eins ausgezeichnet hat: "Dass solche Riesenkerle vor mir pariert haben." Nach dem ersten Sprung habe kaum einer ein Wort herausgebracht, um zu beschreiben, wie das Gefühl in der Luft war. Das änderte sich mit der zunehmenden Erfahrung, die Grundausbildung umfasste zwölf Sprünge, nach ungefähr 25 erhielt man die Sprunglizenz.

 

Wenn seine Schüler oben im Flugzeug saßen und sich auf den Absprung vorbereiteten, war dies für Wettig oft nicht einfach: "Ich hatte immer Angst vor dem Moment, wenn ich jemandem hätte mitteilen müssen, dass der Sohn oder die Tochter nicht wiederkommt", sagt er. Deshalb war er besonders beim Packen der Fallschirme und bei der Kontrolle vor dem Sprung ganz penibel. Wohl auch ein Grund, warum es bei den knapp 1500 Sprüngen, die seine Schüler unter seiner Regie absolvierten, lediglich drei Unfälle gab - keiner davon tödlich. Besonderes Pech hatte aber mancher schon: "Einer ist ganz normal gelandet, dann aber mit einem Fuß in ein Mauseloch getreten und hat sich dabei verletzt. Aber er ist wieder gesprungen."

 

Genau solche Erinnerungen und Anekdoten möchte er mit seinen Schülern austauschen - bei einem großen Treffen, das demnächst stattfinden soll. "Kleinere Zusammenkünfte gab es bereits, aber nicht von allen fallen mir die Namen ein", sagt Klaus Wettig. Und selbst wenn er sie weiß: Adressen hat er nicht und gerade bei den Frauen gestaltet es sich schwierig, weil sie ja meist nicht mehr ihren Mädchennamen tragen. "Wer dabei sein möchte, sollte sich bei mir melden. Ich würde mich freuen."

 

Rund 60 Schüler hat Klaus Wettig ausgebildet, bis die Sektion Anfang der 70er-Jahre geschlossen wurde. "Ich bin damals als Reservist eingezogen worden, als ich wiederkam, gab es die Sektion nicht mehr." Politische Gründe vermutet er dahinter nicht. "Aber ich habe auch damals nicht versucht, das herauszufinden."

Jenifer Hochhaus

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