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Altenburg „Es gibt nicht den einen unfehlbaren Menschen“
Region Altenburg „Es gibt nicht den einen unfehlbaren Menschen“
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00:20 06.03.2018
Sorgen für ein offenes Miteinander in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Altenburg (von links): Der Mann für die Öffentlichkeitsarbeit Matthias Wank, Gemeindeleiter Detlef Bickel, Spieletag-Organisatorin Gabriele Orymek und Pastor Moritz Allersmeier.. Quelle: Mario Jahn
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Altenburg

Wenn Detlef Bickel (56) durch das helle Gemeindezentrum an der Zeitzer Straße 39 führt, muss er viele Türen öffnen. „Bei uns kann jede Wand aufgemacht werden“, sagt der Leiter der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde und zeigt in den großen Saal mit 170 gepolsterten Stühlen, auf denen sich gerade das Sonnenlicht niederlegt. Türen öffnen ist ohnehin ein großes Thema für die Altenburger Baptisten. Denn zu den etwa 130 offiziellen Mitgliedern gesellen sich bei Lust und Laune „viele Freunde“ der Gemeinde. Gut 230 Menschen können dann so zusammenkommen, ohne dass sie etwas mit dem Glauben verbinden – außer die Gemeinschaft. „Wir sind nicht die einzigen, die so eine Prägung in Altenburg haben“, sagt Bickel, „aber wir sind in der Stadt die größte freikirchliche Gemeinde.“

Modern und offen

Nicht immer waren die Baptisten in Altenburg so stark vertreten. Die Anfänge zeichnen sich vor gut 150 Jahren in den Sonntagsschulen. Bis zur ersten Gemeinde dauerte es dann noch einmal knapp 15 Jahre. Erst am 18. April 1881 war es mit der Gründung der „Gemeinde gläubig getaufter Christen zu Altenburg“ soweit. 59 Mitglieder zählte man zu dieser Zeit.

Seit gut 150 Jahren gibt es die Freikirche in Altenburg. Seit knapp 15 Jahren steht das Gemeindezentrum fast jeden Tag für eine andere Veranstaltung offen.

Ihr erstes eigenes Domizil fand die Glaubensgemeinschaft im Eckhaus am Johannisgraben und der Nansenstraße. Da die Mitgliederzahl rasch auf 85 gestiegen war und mehr Platz benötigt wurde, entschied sich die Gemeinde für einen Kapellenneubau auf dem Grundstück am Johannisgraben. Dort blieb man dann auch bis vor gut 15 Jahren, als der Platz wieder nicht mehr reichte und das Haus keine weitere Vergrößerung zuließ. So wurde nach einiger Suche das Gebäude an der Zeitzer Straße 39 am 7. Dezember 2003 eingeweiht.

Da sich die Freikirche nicht über die Kirchensteuer finanziert, entstand alles durch die freiwilligen Beiträge der Mitglieder. Diese verfügen heute in dem modernen Gemeindezentrum über 895 Quadratmeter Fläche – für mehrere Versammlungsräume, den Jugendtreff, die neue Sonntagsschule und einen Raum für Sportangebote. Jeder dieser Räume lässt sich erweitern und für andere Zwecke nutzen – „auch außerkirchliche“, sagt Bickel.

Bestens geeignet ist dafür auch der große Mehrzweckbereich. Beispielsweise für Konzerte wie im Januar, als dort, wo sonst Sport getrieben wird und sich die Jugendgruppe trifft, ein Kaffeehauskonzert mit Musikern des Leipziger Symphonieorchesters stattfand. Zu der „Wiener Kaffeehausmusik“ kamen etwa 170 Besucher, erzählt Bickel.

Das Ganzkörper-Erlebnis

Im größten Raum des Flachbaus befindet sich – gleich hinter dem Kanzel-Bereich – auch das Taufbecken. Und dieses ist wie vieles an der Zeitzer Straße anders als in anderen Kirchen. Denn die Taufe im freikirchlich-evangelischen Glauben ist ein „Ganzkörper-Erlebnis“. Heißt: Der Körper befindet sich für einige Zeit komplett unter Wasser. „Bei uns ist das Wasser warm“, scherzt Matthias Wank (50), der in der Gemeinde die Öffentlichkeitsarbeit übernommen hat.

Mit der Taufe „akzeptiere ich nicht nur, dass es Gott gibt, sondern nehme ihn auch in mein Leben auf“, ergänzt Moritz Allersmeier (35). Da die Taufe zu keiner Zeit Pflicht ist, könne man sich viel bewusster für den Glauben entscheiden. „Wir legen Wert darauf, dass es eine persönliche Entscheidung ist“, ergänzt der Pastor. Das bisher älteste in Altenburg getaufte Mitglied war erst mit 88 Jahren für diesen Schritt bereit.

Übrigens: Das Wort Baptist leitet sich vom griechischen Wort für untertauchen ab und wurde der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde aufgrund ihres Tauf-Brauchs von außen verliehen.

Wie der Pastor zu seiner Gemeinde fand

Pastor Moritz Allersmeier ist dagegen ein eher junges Mitglied. Seit eineinhalb Jahren lebt er samt Frau und Kindern in Altenburg. Der ursprünglich aus Braunschweig stammende Mittdreißiger studierte in Berlin Theologie, lebte über zehn Jahre in der Hauptstadt. Als es ernst wurde mit ihm und Altenburg, fragten Berliner Freunde: „Wie ist das möglich, dass du gerade nach Altenburg gehst?“

Man kann es sich wie eine Single-Börse vorstellen, führt Allersmeier die Möglichkeit mit einem Augenzwinkern aus. Der ungebundene Pastor und die suchende Gemeinde listen unabhängig voneinander auf, was sie in der kommenden Zeit erreichen möchten – ihre Interessen und Vorlieben. Die Profile werden dann durch den Berufungsrat auf Übereinstimmung geprüft. Bei wem die Trefferquote am höchsten ist, wird miteinander verbunden. Danach steht einem Kennenlernen nichts mehr im Weg. „Es ist aber kein Church-Ship“, wirft Matthias Wank ein und spielt auf die Online-Partnervermittlung „Parship“ an.

„Es war eine Berufung“, sagt Moritz Allersmeier über seinen Weg zu den Baptisten und nach Altenburg. Mit 24 Jahren ließ er sich taufen. Davor hatte er auch in der katholischen und lutherischen Kirche nach dem Glauben gesucht, der am besten zu ihm passt. Dass er am Ende tatsächlich Pastor in Altenburg wird, war aber eine demokratische Entscheidung – so wie alles in einer Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde.

Denn zu jeder großen Entscheidung wird jedes Mitglied um seine Stimme gebeten. Je nachdem, um was es geht, reicht die einfache oder Zweidrittelmehrheit. „Es gibt nicht den einen unfehlbaren Menschen“, fasst Pastor Allersmeier das Prozedere zusammen. Die Gemeinde entscheidet geschlossen, was am besten für sie ist. Im Fall von Allersmeier waren alle dafür, dass es passt.

Der Wandel und die Jugend

Obwohl seit dem Ende der DDR Altenburg fast um die Hälfte seiner Einwohner geschrumpft ist, konnte die Gemeinde ihre Mitgliederzahl weitestgehend stabil halten. Um die 100 Leute kommen im Schnitt nach wie vor zum Gottesdienst. Aber auch hier zeigt sich der demografische Wandel. Die Probleme der Region gehen auch an der kirchlichen Jugendarbeit nicht vorbei. Zu viele der jüngeren Mitglieder müssen die Stadt für ihre Ausbildung oder das Studium verlassen. Wenn es gut läuft, kommt die Hälfte von ihnen nach Altenburg zurück – und wenn es noch besser läuft, findet sie auch wieder den Weg ins Gemeindezentrum an die Zeitzer Straße 39.

Von Mathias Schönknecht

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