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Fördergrab Fräger

Fördergrab Fräger

Durch die Insolvenz und Schließung des Altenburger Werkes des Automobilzulieferers Fräger sind Millionen an Fördergeldern versenkt worden. Wie das Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Technologie (TMWAT) auf OVZ-Nachfrage mitteilte, flossen für Investitionen in den vergangenen zehn Jahren insgesamt rund 5,5 von 25 Millionen Euro als Zuschüsse des Landes.

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Montage: Mario Jahn

Quelle: Mario Jahn

ALTENBURG/ERFURT. Davon fordert die Thüringer Aufbaubank nun im Insolvenzverfahren rund drei Millionen Euro zurück. Daneben verschaffte die Stadt Altenburg Fräger bei der Ansiedlung einen weiteren Vorteil von knapp 500 000 Euro.

 

Als die nordhessische Fräger-Gruppe vor ziemlich genau zehn Jahren auf dem Gelände der ehemaligen Altenburger Textil- und Nähmaschinenwerke in der Rudolf-Breitscheid-Straße die Produktion aufnahm, war nicht abzusehen, dass sich die Firma zu einem Fördergrab entwickeln sollte. Entsprechend hoffnungsvoll unterstützten Stadt und Land die Expansionspläne des Unternehmens. Schließlich fiel im Juli 2005 die Entscheidung zum Neubau einer Produktionsstätte in der Leipziger Straße. Nur sieben Monate später verlagerte man die Produktion teilweise an den neuen Standort.

 

Allerdings hätten ob des Geschäftsgebarens der Familie Fräger schon damals die Alarmglocken läuten können. Denn das besagte 2,3 Hektar große Grundstück auf dem Gerwerbegebiet Nordost kaufte man nicht direkt von der Eigentümerin, der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) Thüringen, sondern über die Stadt. Dadurch reduzierte sich der Kaufpreis von 15,5 Euro pro Quadratmeter auf zehn Euro, was unterm Strich eine Ersparnis von etwa 127 000 Euro brachte.

 

Gleiches gilt für die benachbarten 10 000 Quadratmeter, auf die man sich zunächst eine Option sicherte, um dort später die zweite Halle bauen zu können. Hier sparte Fräger nochmals rund 55 000 Euro. Zudem lief der Kauf nicht über die seinerzeit noch Antriebstechnik Altenburg GmbH heißende Firma, sondern über die Dirk und Martin Fräger Besitzgesellschaft Altenburg GbR, die später in die MDF GmbH & Co. KG umgewandelt wurde, wobei die Abkürzung für die Namen der Protagonisten steht.

 

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der Fräger Antriebstechnik weder die Grundstücke noch die Hallen noch die darin befindlichen Maschinen gehören. Dies steht im Eigentum der Firma MDF als reiner Besitzgesellschaft, die das für die Arbeit Notwendige gegen ein Entgelt an die Betriebsgesellschaft auslieh. Das wiederum gibt einen kleinen Einblick in das Firmengeflecht der Fräger-Gruppe, was selbst für Insolvenzverwalter Steffen Koch derart unübersichtlich war, dass er die Forderungen der Gläubiger nicht genau den einzelnen Firmen zuordnen konnte.

 

Doch damit nicht genug. Kaum war der von Altenburg per Stadtratsbeschluss subventionierte Kauf rechtskräftig, bestand die LEG auf den ausgemachten Einmalbeiträgen für den Anschluss an die Abwasserentsorgung. Wie aus einer Beschlussvorlage der Stadtverwaltung hervorgeht, grenzte das Auftreten des Unternehmens hierbei an Erpressung: "Ein Vertragsabschluss und somit die Ansiedlung der Firma ohne die Übernahme der anteiligen Beitragsforderungen wird nach derzeitigem Verhandlungsstand nicht zustande kommen; die Ansiedlungsbemühungen wären damit gescheitert." Also beschloss der Stadtrat damals einstimmig, dass die Stadt auch die offenen knapp 315 000 Euro übernimmt.

 

Für den ersten, rund zehn Millionen Euro teuren Neubau erhielt Fräger außerdem nach TMWAT-Angaben etwa ein Viertel Zuschüsse aus Mitteln der Gemeinschaftsaufgabe "Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur" (GRW). "Für dieses Projekt ist die Überwachungsfrist bereits am 30. Juni 2012 abgelaufen und die entsprechenden Nachweise wurden erbracht", erklärte Ministeriumssprecher Stephan Krauß mit Bezug darauf, dass sich Fräger verpflichtete, für die Förderung 49 zusätzliche Arbeits- und fünf Ausbildungsplätze zu schaffen. "Das Vorhaben wurde abgeschlossen, sodass sich nach Insolvenzantragstellung seitens der Thüringer Aufbaubank kein Handlungsbedarf und keine Handlungsmöglichkeit mehr ergab."

 

Anders sieht es bei der zweiten Investition im Zeitraum 2007 bis 2011 mit einem Volumen von rund 15 Millionen Euro aus, die eine zweite Halle samt Maschinen und Einrichtung auf dem kleineren Nachbargrundstück umfasste. Laut TMWAT flossen hiervon gut 2,5 Millionen Euro als Landeszuschuss. Im Gegenzug verpflichtete sich die Firma, 111 zusätzliche Jobs und fünf weitere Ausbildungsplätze zu schaffen. Allerdings hätten diese - wie auch das geförderte Inventar - bis 2016 existieren müssen, was durch die Werksschließung spätestens Ende des Monats ausgeschlossen ist.

 

Ähnliches gilt für weitere gut 430 000 Euro, die das Land 2010 für die Fusion der SH Präzisionstechnik GmbH in Ellrich mit der inzwischen Fräger Antriebstechnik Altenburg heißenden Firma überwiesen hatte - hierfür waren weitere 29 Arbeits- und zwei Ausbildungsplätze fällig. Als bekannt wurde, dass Fräger in Altenburg dicht macht, erließ die Thüringer Aufbaubank am 26. Februar dieses Jahres einen Widerrufsbescheid, der inzwischen bestandskräftig wurde. "Im Falle einer Insolvenz ist die Thüringer Aufbaubank mit ihren Forderungen aus den Zuwendungsbescheiden in der Regel Insolvenzgläubiger", so Krauß. "Es sei denn, ein Investor übernimmt das Unternehmen und tritt in die Verpflichtungen ein."

 

Das aber geschah nicht. Doch genau diese bestehenden Verpflichtungen könnten neben dem laut Insolvenzverwalter veralteten Maschinenpark das Todesurteil für das Altenburger Fräger-Werk gewesen sein. Denn ein potenzieller Investor hätte demnach mindestens bis 2016 exakt 140 Arbeits- plus sieben Ausbildungsplätze sichern müssen, was ohne neue Aufträge illusorisch gewesen wäre.

 

Trotz dieses Misserfolgs stellt das TMWAT seine Förderpolitik nicht infrage. "Eine hundertprozentige Garantie auf den Erfolg gibt es nicht und kann es nicht geben", erklärte Krauß. "Grundsätzlich stehen den wenigen Fällen, in denen durch unternehmerische Entscheidungen die jeweiligen Vorhaben nicht zum Erfolg führen, eine Vielzahl von Fällen entgegen, in denen die Zusagen eingehalten werden." So habe der Freistaat zwischen 2010 und heute allein aus dem GRW-Programm mehrere Hundert Projekte gefördert. "Damit wurden Investitionen von mehr als vier Milliarden Euro ausgelöst und mehr als 11 000 Arbeitsplätze zugesagt oder geschaffen." Eine Bevorteilung von strukturschwachen Regionen wie der des Altenburger Landes bei der Ansiedlung von Unternehmen wies der Ministeriumssprecher jedoch zurück. "Bezüglich des Ausbaus und der Ansiedlung wird genauso verfahren wie in allen anderen Regionen auch", erklärte Krauß. "Sofern Unternehmen, die sich für eine Ansiedlung oder eine Erweiterung an den jeweiligen Standorten entscheiden und die Fördervoraussetzungen erfüllen, kann in der Regel auch eine Förderung erfolgen."

 

Auch Altenburgs Oberbürgermeister Michael Wolf (SPD) sieht die finanzielle Unterstützung der Stadt nicht als Verschwendung von Steuergeldern an: "Es hat immerhin eine ganze Weile Arbeitsplätze, Produktion und damit auch eine Wertschöpfung gegeben."

 

Dass diese nicht nachhaltig und ein Großteil der Jobs im Niedriglohnsektor angesiedelt war, steht freilich auf einem anderen Blatt.

Thomas Haegeler

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