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Freiheit wichtiger als das Leben - Umjubelte "Carmen"-Premiere am Altenburger Landestheater

Freiheit wichtiger als das Leben - Umjubelte "Carmen"-Premiere am Altenburger Landestheater

Ein abgerissenes Protestplakat - "Das ist Mord" und ein Stierkampfsymbol. Unter dem zerknüllten Poster lehnt die tote Carmen. Natürlich war das Mord.

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Chrysanthi Spitadi als Carmen und Michael Siemon als Don José in der Inszenierung von Generalintendant Kay Kuntze.

Quelle: Stephan Walzl

Altenburg. Keine Frage. Es ist die Geschichte eines Mordes, die hier erzählt wird. Aber sie erzählt auch vom Bedürfnis alles Lebendigen nach Freiheit. Von Kompromisslosigkeit.

In diesem Bild vom Opfer laufen die Erzählebenen zusammen; die sehr deutliche Symbolwelt, mit der Kay Kuntze die Handlung von Georges Bizets "Carmen" überformt, ohne sie zu verraten, und eben diese Handlung selbst. Freiheit, das Rollenverständnis von Mann und Frau, Selbstverwirklichung, das Archaische und das Rituelle - das sind die Themen, neben jenem großen Sujet der Gattung Oper: Liebe und Verlangen.

Natürlich stehen der getötete Stier und die Art und Weise, in der er getötet wird, für weit mehr als für Stierkampf. Ausstatter Stefan Bleidorn entwickelt für die Inszenierung einen manchmal fast zu gegenständlichen, mitunter extrem symbolgeladenen Rahmen. Der funktioniert bestens an diesem Premierenabend im Landestheater. Bejubelt ist die Altenburger Premiere.

Und dann ist das ein Abend, der von der Stärke, von der Besonderheit des Theaters erzählt, davon, dass es jedes Mal nur im jeweiligen Moment neu entsteht. Mit neuen Erfahrungen, einer anderen Besetzung, im konkreten Falle auch den Gegebenheiten des anderen Hauses. Denn auch wer die Geraer Premiere dieser Intendanten-Inszenierung vor knapp einem Jahr erlebt hat, dürfte vorgestern Abend in Altenburg viel Neues entdeckt, manch Aufschlussreiches hier erst wirklich entschlüsselt haben.

Zunächst einmal: Es bleibt natürlich dabei, dass der Hauptgrund dafür, "Carmen" in den Spielplan zu nehmen, für ein Theater wohl sein muss, dass man eine Carmen im Ensemble hat. Und Chrysanthi Spitadi ist schlicht und ergreifend Carmen - stimmlich, optisch und darstellerisch. Mit ihrer aufregenden Erscheinung weiß sie zu fesseln, kraftvoll und sinnlich gestaltet sie mit ihrer eindrucksvoll dunkel timbrierten Stimme Hit für Hit, den diese Partie nun mal zu bieten hat.

Spitadi lässt in seelische Abgründe blicken. Kein Zweifel, warum diese Oper "Carmen" heißt und nicht "Don José" oder noch ganz anders. Es geht um das unbändige Bedürfnis nach Freiheit, nach Unabhängigkeit, nach einer - wenn auch sonderbaren - Form von Selbstverwirklichung, die der Heldin wichtiger ist als das eigene Leben.Dies funktioniert insbesondere, weil Kuntze in Micaela, der anderen wirklich ausgearbeiteten Frauengestalt, einen Gegenentwurf konsequent entwickelt. Man kann darüber streiten, wie sinnvoll eine am Ende schwangere Micaela ist, aber jener Gegenentwurf der Dienenden, der Opferbereiten verleiht Carmen eine entscheidende Farbe. Katie Bolding leuchtet in Altenburg in der lyrischen Sopranpartie - fantastisch klar und präsent.

Die Stärke dieses Altenburger Premierenabends ist aber auch die Tatsache, dass hier eine stimmige Ensembleleistung zu erleben ist. Spielfreudig und musikantisch geht es zu. Johannes Beck gibt stimmgewaltig einen selbstverliebten Macho Escamillo - ein bisschen dümmlich, ein bisschen blasiert - ein Kabinettstück mit bemerkenswerter Präsenz. Günter Markwarth und Alexander Voigt laufen als Schmuggler-Duo zu Großform auf und haben in Paula Rummel und Eva Barbara Schuster wunderbare Partnerinnen. Kai Wefer entwickelt als Zuniga die Figur des gefährlich einfältigen Vorgesetzten.

Zu wirklich großer Form findet Michael Siemon als Don José. Das einstige Ensemblemitglied des Altenburg-Geraer Theaters hat stimmlich inzwischen heldische Züge gewonnen und gestaltet die Partie musikalisch facettenreich und mit bemerkenswerter Ausdruckskraft. Eine fast pathologische Studie ist die Entwicklung vom unbeholfenen Sergeanten, der Muttis selbstgestrickten auswickelt und so richtig gar nicht weiß, wie man Frauen begegnet, zum psychopathischen Mörder.

Das Philharmonische Orchester Altenburg-Gera begleitet unter Jens Troester anständig; nicht immer entwickelt der Klangkörper die Strahlkraft, die diese Partitur haben kann, nicht immer ist das Zusammenspiel ideal. Dennoch funktioniert Bizet. Und das gilt auch für den von Ueli Häsler einstudierten Opernchor.

Sicher kann man weiterhin streiten, ob die deutschsprachige Oeser-Fassung der Musik nun zuträglich ist oder nicht, aber mit dem Tempo vom Sonntagabend hat die Oper so viel Spannung, dass sie in ihren Bann zieht.

Tatjana Böhme-Mehner

⁄Weitere Aufführungen in Altenburg 25. November, 14.30 Uhr sowie am 14. und 25. Dezember und 22. Januar, jeweils 19.30 Uhr. Karten für alle Vorstellungen an der Theaterkasse (☎ 03447 585160) und in der OVZ-Geschäftsstelle (☎ 03447 574942) - Abonnenten erhalten an beiden Kassen zehn Prozent Rabatt - sowie im Internet unter www.tpthueringen.de.

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