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Altenburg Frischer Wind statt alter Raute
Region Altenburg Frischer Wind statt alter Raute
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09:00 23.03.2016
Von wegen sturmfreie Bude. Antje Poser und Micha Kreft lassen es in Gößnitz zwei Stunden lang turbulent zugehen. Quelle: Klaus Peschel
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Gößnitz

Windstärke 6 bedeutet, auf den Wassern bilden sich große Wellen. Sturmfrei heißt, ungehindert Besuch zu empfangen. Jedenfalls so lange, bis einem der Wind gehörig um die Ohren pfeift. Das dauert in Gößnitz nicht lange. Micha Kreft spielt den Musiklehrer Alexander Sänger, Antje Poser spielt alle anderen. Von der Ehefrau Patricia, Alexanders Ex, Alexanders Neue, Alexanders Mutter, der Gesangsschülerin bis zur Klassenlehrerin des aus der Art geratenen Sohnes Janik. Ständig klingelt es Sturm. Die Dramaturgie lässt keine sturmfreie Bude zu, in der Alexander in aller Ruhe ein Requiem für die Gewerkschaft komponieren kann. Stattdessen entsteht als Reggae ein neues deutsches Volkslied, dem Thema Klima gewidmet. In Auftrag gegeben von einer Frau vom Amt für Manipulation und Bürgerberuhigung. Der Refrain liegt dem Publikum in der Spielstätte gedruckt vor: „Prima, bei Hitze wird’s intima.“ Man singt mit und schwenkt die ausgeteilten Rasseln im Rhythmus lustig in der Luft.

Die Musikschülerin hat sich verspätet. Der Grund: Eine AfD-Demo und eine Gegendemo brachten sie ins Stocken. Dann üben wir doch gleich a-f-d, so der Musiklehrer. Schon Mozart kannte Frauke Petry, ist sich Musiklehrer Sänger sicher. Was seine Schülerin bezweifelt. Doch Micha Kreft überzeugt am Klavier, er haut in die Tasten und hebt mit kräftiger Stimme an: „Frauke Petry – Don Giovanni“. Der bestrafte Wüstling, der Verführer. So etwas ist fein beobachtet, ist hart, kurz, tut weh, ist fast schon verletzend – es ist Satire und zwar gute.

Auch Wortwitz, Wortalberei und die Mehrdeutigkeit deutschen Redens kommen im neuen Programm nicht zu kurz. Es beginnt gleich in der ersten Szene mit den „Toten Onkelz“ und den „Bösen Hosen“. Bei Alexander Sänger kreuzt eine Frau auf und behauptet: „Sie müssen der Vater eines meiner Kinder sein.“ Da wird der Musiklehrer verlegen und denkt an einen Billardtisch. Damit liegt er nicht falsch. Er hätte aber auch an die Klassenlehrerin seines Sohnes denken sollen. Der gehöre schon zur Generation „Z“, der Nachnachnachkriegsgeneration, sagt sie: „Die denken nicht, die googlen.“ Doch dem verweigere sich der Janik Alexander, zeigt sich die Klassenleiterin besorgt. Der Junge sei doch nur verliebt, entgegnet Papa Alexander.

Antje Poser erhält danach ihren ersten von drei brillanten Auftritten mit Texten von Philipp Schaller. Sie spielt die Freundin des Janik, ganz in Pink und völlig durchgedreht am Boden der Gesellschaft. Von dort taucht sie wieder auf, ist sehr gefasst und sagt: „Ja, ich habe Angst vor der Meinungsfreiheit.“ Sie schlüpft dabei in keine Rolle, sie ist sie selbst auf der Bühne, die Kabarettistin, die zu den „Besorgten Bürgern“ Stellung bezieht. Ja, auch sie habe Angst, zum Beispiel vor Spinnen: „Deshalb laufe ich doch nicht mit Plakaten durch den Wald.“ Mit Steinen werfen und zündeln, das tut sie auch nicht. Und Antje Poser zitiert die Verbreitung Volkes Stimme im Öffentlich Rechtlichen Fernsehen: „Wir haben Steine geworfen, aber doch nicht auf Deutsche.“

Die Botschaft des Abends: Das Land braucht frischen Wind, statt einer Flaute, eine geballte Faust, statt einer Raute. Aus welcher Richtung dieser Wind wehen soll, lässt man offen. Aus welcher nicht, ist klar. „Das Denken gehört zu den größten Vergnügungen der menschlichen Rasse“, schreibt Bertold Brecht 1939 im dänischen Exil in seinem „Leben des Galilei“. Das als Glückwunsch zur Premiere.

Von Klaus Peschel

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