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Fünf Stationen, 25 Kerzen und viele Geschichten vom Herbst '89

Fünf Stationen, 25 Kerzen und viele Geschichten vom Herbst '89

"Für Theater ohne Maulkorb" steht auf dem Stoff-Transparent, das über die Säule neben der Treppe gehängt ist - und es hat, wie alles an diesem Freitagabend, eine eigene Geschichte.

Altenburg.

Von Günter Neumann

 

Weil es die Original-Spruchbänder und Plakate aus dem Herbst der friedlichen Revolution vor 25 Jahren natürlich nicht mehr gibt, haben die Organisatoren dieses ganz besonderen Stadtrundgangs neue gemalt. Und - anders als damals - die Eigentümer der Gebäude vorher gefragt, ob sie auch angehängt werden dürfen. Beim Theater, das heute eine GmbH ist, gestaltete sich das als ziemliche Odyssee. "Das war damals wirklich leichter", erzählt Brita Mülle-Weiske von der Theatertreppe herab und muss schmunzeln. Den gut 70 Zuhörern geht es ähnlich. Die "Demonstranten" von heute nehmen ihre Transparente und Kerzen mit - fünf für jede der fünf Stationen, 25 für 25 Jahre Geschichte.

 

Zuvor jedoch hatte Brita Müller-Weiske, die sich damals in einer Friedensgruppe engagierte, heute Rathaus-Mitarbeiterin ist und mit ihren Freunden vom Kommunalpolitischen Ring die Aktion plante und vorbereitete, allen noch einmal den Mut der Schauspieler ins Gedächtnis gerufen. Am Ende jeder Aufführung stellten sie sich wie ihre Dresdner Kollegen noch einmal vors Publikum, traten aus ihren Rollen heraus, wie die Aktion hieß, und brachten die politischen Forderungen der Bürger auf die Bühne.

 

Gestartet war der außergewöhnliche Stadtrundgang gute anderthalb Stunden vorher vor der Brüderkirche. Hier begann am 25. Oktober 1989 im Anschluss an eine der regelmäßigen Fürbitt-Andachten spontan die erste große Wende-Demonstration durch Altenburg. Michael Wohlfarth war damals Pfarrer der Kirche, hatte die Altenburger Akademie gegründet und mit seiner "offenen Kirche" all jenen ein halbwegs schützendes Dach geboten, die Kritik äußern und über Veränderungen diskutieren wollten. "Freie Wahlen, Pressefreiheit, ein neues Bildungssystem und die Zulassung des Neuen Forums heißen damals die Forderungen", erinnerte er.

 

Die nächsten Kerzen wurden am Rathaus entzündet, das in mehrfacher Hinsicht für die '89-er Geschehnisse wichtig war. Hier dokumentierten unter anderem die Mitglieder von Friedensgruppen den Betrug bei den Kommunalwahlen am 7. Mai, und hier tagte ein Jahr später der Runde Tisch, der das Ende der alten Machtstrukturen auch auf kommunaler Ebene besiegelte. "Ein wenig Traurigkeit" befalle ihn angesichts der heute oft so geringen Wahlbeteiligungen, sagte Wolfgang Geffe, damals Diakonie-Mitarbeiter. Und rief dazu auf, nicht nur dieses erkämpfte Recht immer zu nutzen, sondern auch zwischen den Wahlen mitzugestalten.

 

Dramatische Stunden erlebten Mitglieder des Bürgerkomitees Altenburg, als sie sich im Dezember '89 mit Polizei und Staatsanwaltschaft Zugang zur Altenburger Dienststelle der Staatssicherheit in der heutigen Haeckelstraße verschafften, Räume und Schränke versiegelten. Nur den Waffenschrank nicht, wie Peter Gzik nun locker berichten kann. Weil die Leute schließlich "arbeitsfähig" bleiben mussten, so hatte es jedenfalls der verantwortliche Stasi-Offizier von dem Vertreter des Neuen Forums verlangt. "Ich freue mich, dass aus einem Stasi-Gebäude ein Sozialgebäude geworden ist", fügte Georg Harpain hinzu - die einstige Dienststelle beherbergt heute unter anderem den Fachdienst Sozialhilfe des Landratsamtes.

 

Harpain war in jenen Tagen Chef des Magdalenenstifts, wo der Rundgang nach dem Abstecher zum Theater auch endete. Hier hatten die Krankenschwester Petra Hans und ihre Mitstreiter die berühmte Altenburger Umweltbibliothek zusammengetragen. Die Gruppe registrierte Umweltschäden, dokumentierte die Situation in Rositz, in den Kohle-Tagebauen und bei der Wismut.

 

Von hier zogen aber auch bereits am 1. September 1989, dem von der DDR offiziell begangenen Weltfriedenstag, etwa hundert Menschen erst zur katholischen Kirche und dann weiter zur Brüderkirche. Und eigentlich, so waren sich die Teilnehmer des Stadtrundgangs am Freitagabend einig, war dieser Zug, noch ganz ohne Transparente und Sprechchöre, die erste Demonstration in Altenburg.

Günter Neumann

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