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Gebeine von etwa 40 Kriegsopfern aus einem Massengrab geborgen

Gebeine von etwa 40 Kriegsopfern aus einem Massengrab geborgen

Die sterblichen Überreste von 40 Toten aus einem Massengrab im Leinawald sind geborgen. Nach über 66 Jahren sind Experten des Volksbundes der Deutschen Kriegsgräberfürsorge dabei, die vermutlichen Opfer aus dem Zweiten Weltkrieg zu exhumieren.

Nobitz.

 

 

 

 

 

 

 

Die Grube ist 20 mal 20 Meter groß. Sie ist weiträumig mit rot-weißem Band abgesperrt. Kriminalpolizisten sichern den Fundort. Nur über einen schmalen, verschlammten Waldweg gelangt man an die Grabungsstätte.

Dort schürft ein Bagger des Kampfmittelbergungsdienstes vorsichtig im Boden. Fast zwei Meter tief ist er schon ins Erdreich vorgedrungen. Mehrere Männer stehen mit Spaten und Harke dabei und suchen nach sterblichen Überresten. Zuvor ist das Areal vorsorglich nach Munition abgesucht worden.

Im Auftrag des Thüringer Innenministeriums heben Experten des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge seit Montag ein Massengrab im Leinawald aus. Im Frühjahr waren erste Leichenteile gefunden worden (OVZ berichtete).

Jetzt liegen Schädelknochen, Oberschenkel-, Ober- und Unterarmknochen auf einer blauen Plane. Gänsehaut läuft einem bei ihrem Anblick über den Rücken. Auch Stoff- und Lederfetzen, Kämme, ein Taschenmesser und mehrere Metallmarken, sogenannte Stalag-Marken, seien schon gefunden worden, berichtet Henrik Hug, der als Thüringer Landesgeschäftsführer des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge die Untersuchung leitet. "Diese Marken lassen vermuten, dass es sich bei diesen Toten um Kriegsgefangene des Zweiten Weltkrieges handelt", ergänzt Volksbund-Sprecher Fritz Kirchmeier.

Kreuz und quer hätten die Knochen in mehreren Schichten im feuchten, lehmigen Waldboden gelegen. Als wären die Toten erst nach und nach dort abgelegt worden, zum Teil zwei bis drei Menschen zusammen. Es sei möglich, dass über einen längeren Zeitraum immer wieder Leichen in der Grube verscharrt worden sind. Verscharrt, dieses Wort gebraucht Umbetter Joachim Kozlowski, der bereits viele Tote aus Kriegsgräbern in osteuropäischen Ländern exhumiert hat.

Eine Frau sei unter den Toten und junge Menschen im Alter von 20 bis 25 Jahren. "Spuren von Gewalt sind bisher nicht zu finden", erklärt Kozlowski. Aber die Schädelreste würden Rauchspuren aufweisen. Zu den vielen Gerüchten, die seit Jahren um die Toten im Leinawald ranken, gehört auch jenes von einem Feuer in einer der Baracken des Gefangenenlagers. Denn in der Region hat es während des Zweiten Weltkrieges ein Lager mit ausländischen Gefangenen gegeben, die für die Rüstungsindustrie schuften mussten.

Jürgen Schneider, Bürgermeister von Langenleuba-Niederhain (CDU), kennt dazu Berichte von Zeitzeugen. Manche der Gefangenen wären vor Hunger oder Entkräftung gestorben. Auch werde erzählt, so Schneider, dass unter den Toten Opfer der Roten Armee sein könnten, Menschen, die nach Kriegsende spurlos verschwunden sind. Die sowjetische Armee hatte um den damaligen Militärflugplatz ein Sperrgebiet eingerichtet.

Ein anderes Gerücht rankt um die wohl fast 200 Jahre alte Buche unweit des Fundortes der Leichen. Kyrillische Buchstaben, kaum noch lesbar, sind tief in die Rinde geritzt. Es sind Hobby-Historiker wie Wolfgang Böhm vom Altenburger Geschichtsverein oder Michael Walther aus Altenburg, die solchen Spuren nachgehen und die noch Lebende ermutigen, ihre Erinnerungen mitzuteilen. Denn im Leinawald werden noch weitere Gräber vermutet.

Bis zum Abend sind die Gebeine von etwa 40 Toten im Leinawald gefunden worden, meldet der Volksbund. Heute wird er die Arbeit an dem Massengrab, in dem bis zu hundert Tote vermutet werden, fortsetzen.

Die Kriminalpolizei sichert die Gebeine der Toten und übergibt sie der Staatsanwaltschaft in Gera. Sie wird die sterblichen Überreste gerichtsmedizinisch untersuchen lassen.

Denn wie die Menschen starben, wo sie herkamen, ob sie Zwangsarbeiter oder sowjetische Kriegsgefangene waren, ob sie vor oder nach dem 8. Mai 1945, dem Ende des Zweiten Weltkrieges, ums Leben kamen, welchem Verbrechen sie zum Opfer fielen, ob sie Opfer oder gar Täter waren, zu all diesen Fragen geben die Funde noch keinen Aufschluss. Ob die Identität der Toten überhaupt jemals genau geklärt werden kann, bleibt ungewiss. Für eine DNA-Analyse fehle das Vergleichsmaterial, schränkt Fritz Kirchmeier Hoffnungen auf die Anwendung dieser Untersuchungs-Methode ein.

"Wir wollen dieses traurige Kapitel unserer regionalen Geschichte würdevoll zu Ende bringen. Doch wahrscheinlich wird der Leinawald einige Geheimnisse nie preisgeben", erklärt Landrat Sieghardt Rydzewski (parteilos) gestern vor Ort.

Als letzte Ruhestätte der Toten sind sowohl eine Kriegsgräberstätte in Altenburg als auch der Friedhof von Nobitz, auf deren Gemarkung die Leichen gefunden wurden, im Gespräch. Auf dem Altenburger Friedhof wurden bereits die Gebeine der sechs Toten bestattet, die 1996 bei der Räumung von Kampfmitteln im Leinawald entdeckt worden waren.

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