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Glasradierung neu entdeckt

Glasradierung neu entdeckt

Mit einer Entdeckungsreise in ein hierzulande nahezu unbekanntes Reich ist das Lindenau-Museum ins neue Ausstellungsjahr gestartet. "Cliché verre reloaded - Angriff auf die Zeit", so ist die Sonderschau überschrieben, die am Wochenende im Haus an der Gabelentzstraße eröffnet wurde.

Altenburg.

Vorgestellt werden Variationen von Gegenwartskünstlern, die sich mit einer fast vergessenen grafisch-fotografischen Mischtechnik auseinandergesetzt haben.

 

 

 

Seine (kurze) Blütezeit erlebte das Cliché verre in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich zunächst französische Landschaftsmaler in dieser Technik ausprobierten. Rasch aber verschwand die sogenannte Glasradierung, wie eine der möglichen Übersetzungen ins Deutsche lautet, wieder in der Versenkung. In seiner klassischen Form verbinden sich im Cliché verre Komponenten der Zeichnung, der Druckgrafik und der Fotografie.

 

"Eine Glasplatte wird mit einer lichtundurchlässigen Schicht wie beispielsweise Ruß oder Druckerschwärze bestrichen, in die der Künstler eine Radierung ritzt und damit Farbe herauskratzt", erläutert die Kuratorin der Schau, Ulrike Weißgerber. Die so bearbeitete Platte wird auf fotosensibles Papier gelegt und belichtet. Das Licht dringt ausschließlich durch die zuvor per Radiernadel, Schabeisen oder anderem geeigneten Werkzeug freigelegten Stellen und reproduziert diese als Schwärzen auf dem Papier. Das Ergebnis ist ein fotografischer Abzug, der dem Betrachter auf den ersten, flüchtigen Blick wie eine Grafik erscheint.

 

In der Gegenwart waren es die Leipziger Künstler Maria und Vlado Ondrej, die das Cliché verre dem Vergessen entrissen. Sie gründeten 2008 auf dem Gelände der ehemaligen Leipziger Baumwollspinnerei ihr "Atelier für Radierung". Neben eigener künstlerischer Arbeit laden sie regelmäßig Kollegen ein, in der Technik des Tiefdrucks zu experimentieren und präsentierten diese Ergebnisse in verschiedenen Grafikeditionen.

 

Seit drei Jahren beschäftigen sich die Ondrejs mit der fast vergessenen Technik Cliché verre. Nach umfassenden Recherchen und vielen technischen Versuchen gelang es ihnen, Exponate in diesem Metier herzustellen. In einem ersten Projekt mit in Mitteldeutschland arbeitenden Künstlern entstanden Cliché verre für den Kunstkalender 2013 der EnviaM (OVZ berichtete). Die jetzige Präsentation im Lindenau-Museum zeigt Ergebnisse eines zweiten, nunmehr internationalen Projektes. 13 europäische und nordamerikanische Künstler arbeiteten im Verlauf der Sommermonate des vergangenen Jahres mit Maria Ondrej in deren Leipziger Atelier und stellten Glasradierungen her. Fünfzehn originale Blätter sind in einer inzwischen in kleiner Auflage herausgegebenen Mappenedition vereint, die Sonderausstellung zeigt weitere Clichés verre besagten schöpferischen Miteinanders. Dabei handelt es sich zum einen um Variationen zu Projektarbeiten, zum anderen um speziell für diesen Anlass neu geschaffene Arbeiten - auf Büttenpapier, Leinwand oder auf Holz.

 

Begleitet wird die Exposition von einem die Technik erklärenden Video, das während des ersten Cliché verre-Projektes entstanden ist. Als erste hatten sich ab den 1830er-Jahren französische Landschaftsmaler wie Camille Corot oder Charles-Francois Daubigny der Technik des Cliché verre bedient, im 20. Jahrhundert experimentierten unter anderem Pablo Picasso oder der französische Fotograf Brassai mit der Technik. Den Initiatoren des Leipziger Projektes und ihren Mitstreitern ging es bei ihren Versuchen der Neubelebung der Technik indes keineswegs nur um die Rekonstruktion der in Vergessenheit geratenen Verfahrensweise.

 

Ihre Absicht bestand darin, das Cliché verre in die Gegenwart zu holen, heutige Inhalte und Themen einzubringen und ihre künstlerischen Intentionen mit zeitgenössischen Mitteln umzusetzen. "Die jetzt im Lindenau-Museum offerierten Exponate reichen technisch-formal gesehen von klassisch bearbeiteten Glasplatten über die Verwendung von Negativfilmen, übereinander gelegte Glasplatten und mehrfache Belichtungen, bei denen auch bewegte Schablonen eingesetzt wurden, bis hin zur Bearbeitung mit digitalen Medien", fasst Ulrike Weißgerber das Spektrum zusammen.

 

Der Besucher dürfte ob der mannigfachen Möglichkeiten des Cliché verre erstaunt sein. Was sich im Sonderausstellungsraum der zweiten Etage an Variantenreichtum und extrem divergierenden Motiven, an Ausdrucksformen und künstlerisch-technischer Vielfalt vereint, verblüfft. Inhaltlich stark reduzierte Arbeiten sind dabei ebenso zu finden wie etliche, die üppig mit Motivik oder Farbe spielen. Von abstrakt bis gegenständlich spannt sich der Bogen und dürfte in dieser breitgefächerten Palette wohl auch unterschiedlichstem Publikumsgeschmack Anregendes zu bieten haben.

 

Allein aber die Entdeckung einer selten beleuchteten Technik und das Eintauchen in die Welt des Cliché verre lohnen den Besuch im Lindenau-Museum.

Frank Engelmann

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