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"Hamlet"-Inszenierung im Großen Haus mit selten gestreuten Momenten elementarer Wirkung, aber großem Lachpotenzial

"Hamlet"-Inszenierung im Großen Haus mit selten gestreuten Momenten elementarer Wirkung, aber großem Lachpotenzial

Wir wollen nicht nörgeln, doch wir tun's. Der Chor der nörgelnden Wutbürger füllt das Foyer am Sonntag vor der Premiere von "Hamlet" im Landestheater.

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Henning Bäcker als eher trotzig-hilfloser Hamlet, denn als Wahnsinn vortäuschender Feingeist, mit Alice von Lindenau als betörende Ophelia.

Quelle: Stephan Walzl

Altenburg. Zwischen bissig und bieder, zwischen nett und sozialkritisch bedienen Altenburger für Altenburger diese ebenso neue wie archaische Kunstform. Und zum Schluss brechen sie eine Lanze für das Theater - für das Theater an sich und für das Theater in Altenburg.

Wozu brauchen wir Theater? Was kann Theater bewirken? Es gibt wenige Dramen, die in einer Schlüsselszene so sehr von der Wirkung der Kunst erzählen wie Shakespeares "Hamlet". Die Dramentheorie spricht von einer kathartischen Wirkung, geht es um das Wiedererkennen der eigenen Handlung auf der Bühne und die folgende Selbstzerfleischung. Theater auf dem Theater - längst hat die Rezeption jene Szene, in der Hamlet dem Brudermörder Claudius seine Schandtaten als Bühnenhandlung vorführt, ein symbolhaftes Eigenleben entwickelt. Und eigentlich könnte man sich in einer Situation wie jener anno 2012, in der in Altenburg Theater und seine Notwendigkeit grundsätzlich auf dem Prüfstand stehen, keine bessere Stückwahl vorstellen.

Eigentlich, denn von der Tatsache einmal abgesehen, dass man "Hamlet" immer spielen kann, bleibt die Inszenierung von Tilman Gersch die Antwort auf die entscheidende Frage schuldig: Warum gerade jetzt dieses Stück? Ein paramilitärisches Niemandsland baut York Landgraf auf die Altenburger Bühne, mit Zelten und Zeltlein, mit Kampfturm und Duschen. Das ist nicht nur plakativ, weil da Plakate hängen. Kapitalismus- und Militarismus-Kritik collagiert Gersch als dezenten Agitprop in seine Bühnenfassung hinein. Warum, ist klar, doch schlägt es dem Zuschauer nicht immer schlüssig entgegen. Denn eigentlich werden ja fast alle Texte in Richtung Zuschauer aufgesagt.

Gegenwartsbezüge in Shakespeares Spiel um Macht und Ränke werden konkret, nicht selten zu konkret angedeutet - ein bisschen wirkt das wie aufgepfropft. Und man muss seinen "Hamlet" schon gut kennen, um der Handlung zu folgen. Doch warum nicht, in einer Zeit, in der auch Medien kein anderes Bild entwickeln als jenes, dass das Spiel um die Macht längst selbst nur noch den Charakter einer Farce hat, in der Wahn, Größenwahn und ja was eigentlich sonst sich kaum noch unterscheiden?

Es mag da konsequent sein, wenn Rüdiger Rudolph als Claudius nichts weiter als ein blasierter Drescher aufgesetzter Phrasen ist, dessen Interessen sichtlich nicht weit darüber hinaus gehen, an Gertrud verschiedene Stellungen auszuprobieren. Diese Gertrud legt Anne Keßler als hilflose First Lady an - die Tragik eines auszufüllenden Modells.

Was soll man machen bei so viel aalglatter Gegnerschaft als Prinz von Dänemark? Henning Bäckers Hamlet ist weniger der Wahnsinn vortäuschende Feingeist, denn ein trotzig hilfloser Planspieler, der mit seinem erheblich draufgängerischen Freund Horatio, gespielt von David Lukowczyk, nur mal schnell die Welt retten will. Zu schade für so eine Welt - Alice von Lindenaus Ophelia ist heutig sexy und hat dennoch jenen fantastischen Charakter der rettenden Idee, der nicht gewählten Möglichkeit. Wie aus einer fernen Welt klassischen Dramas leuchtet Laertes herüber. Ob es nun glücklich ist, dass Jochen Paletschek neben dem Ophelia-Bruder auch den Verräter Rosenkranz gibt, ist Geschmackssache. Stefan Kaminsky ist sowohl der Geist von Hamlets Vater als auch der überlegene Kriegsunternehmer neuer Prägung Fortinbras. Den Totengräber legt er als Kabinettstück an.

Sparsam gestreut sind die Momente, in denen dieser "Hamlet" eine elementare Wirkung entfaltet, emotional berührt. Ansonsten gibt es Einiges zu lachen. Vereinzelt sogar geboren aus Shakespeares Sprachkunst - wie dank Peter Prautsch in der Polonius-Szene. Doch vielleicht ist ja jene Theater-auf-dem-Theater-Szene, wie sie Gersch vorführt, schon die Antwort darauf, was passiert, wenn Theater kein eigentlicher sozialer Raum mehr ist. Es kommt keine Theatertruppe mehr. Hamlet verteilt die Rollen für das Planspiel, und Zuschauer und Akteure werden eins. Was wäre also, wenn? Die soziale Funktion wäre nicht mehr erfüllt. So funktioniert Theater nicht. Eine klare Aussage, ob sie nun intendiert war oder nicht.

 

Die nächste Vorstellung ist am Samstag um 19.30 Uhr im Großen Haus.

Tatjana Böhme-Mehner

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