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Heimatgeschichte: Vom Schicksal der Trost-Orgel

Heimatgeschichte: Vom Schicksal der Trost-Orgel

Das Schicksal der berühmten Trost-Orgel in der Altenburger Schlosskirche drohte im Jahr 1920 eine unglückselige Wendung zu nehmen, nachdem man das Instrument 1917 im Rahmen der zweiten Anleihe für den Ersten Weltkrieg bereits der wertvollen zinnernen Prospektpfeifen beraubt hatte.

 

Dadurch büßte sie wesentlich von ihrer Klangpracht ein. Und auch das Äußere machte durch die zahlreichen fehlenden Pfeifen einen recht erbärmlichen Eindruck.

Hinzu kam, dass der letzte Hoforganist Linus Landmann (1871-1944) nicht mehr benötigt wurde und 1918 aus dem Dienst entlassen worden war, da der damals regierende Herzog Ernst II. von Sachsen-Altenburg im November 1918 die Regentschaft abgegeben und das Residenzschloss verlassen hatte. Insofern fanden nur noch sehr unregelmäßig oder späterhin gar keine Gottesdienste mehr in der Schlosskirche statt.

Diese Situation und der ruinöse Zustand der Trost-Orgel weckten offenbar Begehrlichkeiten hinsichtlich der immer noch vorhandenen kostbaren historischen Substanz. Aus einem Schreiben vom 15. April 1920, gerichtet an das Staatsministerium in Altenburg, geht dieser fast makabre Tatbestand hervor. Der damalige Organist der Herzogin-Agnes-Gedächtniskirche, Gymnasiallehrer Emil Rödger, berichtete darin von sogenannten "Volkskirchenkonzerten", die sich offenbar zu jener Zeit großer Beliebtheit erfreuten und die er gerne auch in seiner Kirche veranstalten wollte. Leider sei jedoch seine Orgel derzeit für solche Zwecke gänzlich unzureichend.

Bei der Orgel in der Herzogin-Agnes-Gedächtniskirche handelt es sich um ein Instrument, das der Weißenfelsische Orgelbauer Oskar Ladegast 1905 bis 1906 erstellt hatte. Diese Orgel mit pneumatischer Traktur, zwei Manualen und Pedal besaß 20 Stimmen. Auch sie war dem Zinnpfeifenraub 1917 nicht entgangen, erhielt aber 1919 im Gegensatz zur Trost-Orgel als Ersatz neue Zinkpfeifen. Sie dürfte sich aber trotzdem nur 14 Jahre nach ihrer Einweihung noch in einem sehr guten Zustand befunden haben.

Emil Rödger schrieb weiter: "- Dieser Mangel (bei der Durchführung der Volkskirchenkonzerte) könnte abgestellt werden, wenn man einen Teil der nicht mehr im Gebrauch stehenden Orgel der Schloßkirche in die Orgel der Agneskirche einbauen würde. Die Orgel der Schloßkirche kann nach dem Urteil eines Fachmannes anderwärts als Ganzes keine Verwendung finden." Rödger war vor allem am kompletten III. Manual und an der Clarinette 8 Fuß des Oberwerks der Schlossorgel interessiert. "Dadurch (würde) die Orgel in der Agneskirche in ihrer Ausdrucksfähigkeit wesentlich bereichert."

Bei den genannten Baugruppen handelt es sich allerdings nicht um Teile von Trost, sondern um zusätzliche erfolgte Einbauten, die erst 1881, wahrscheinlich auf Empfehlung von Franz Liszt, in das Instrument kamen. Im Rahmen dieser "Modernisierung" der Trost-Orgel nach damaligem Verständnis hatte der Orgelbauer Friedrich Ladegast, der Vater des erwähnten Oskar Ladegast, dieses zusätzliche Schwellwerk in die Trost-Orgel hineingebaut und das ursprüngliche Register Vox humana durch die Clarinette ersetzt. Insofern betraf die geplante Ausplünderung nicht unmittelbar die Trostsche Substanz.

In einem zweiten Schreiben an das Staatsministerium teilte Emil Rödger mit, dass er die Auskunft vom Orgelbaumeister Oskar Ladegast eingeholt hätte, nach dessen Meinung die Trost-Orgel weiter benutzbar wäre und durch die Entfernung dieser Baugruppen eigentlich nur der Zustand vor dem Umbau, also im Prinzip der originale Trostsche Zustand wiederhergestellt würde. Das stimmt natürlich so nicht, denn bei der umfassenden Restaurierung und Rekonstruktion der Trost-Orgel 1974 bis 1976 stellte sich heraus, dass äußerst umfangreiche und kostspielige Baumaßnahmen erforderlich waren, um den Originalzustand von Trost wiederherzustellen. Oskar Ladegast hatte außerdem erklärt, "dass sich alle übrigen Teile der Schloßorgel nirgendwo anders verwenden ließen, durch ihre besonderen unnormalen Raumverhältnisse". Damit spielte er auf die raumgreifende Anlage und den ungewöhnlichen Standort der Trost-Orgel an der Nordseite der Kirche an.

Nach dieser geplanten Entnahme der Teile wäre die Orgel ein Torso gewesen, da man einerseits wichtige mechanische Teile verändert hätte. Andererseits bestanden in jener Zeit am Ende des Weltkrieges und in der nachfolgenden Wirtschaftskrise überhaupt keine Chancen zur Sanierung oder gar zur Restaurierung des Instrumentes. Damit wäre im Prinzip die Unspielbarkeit und das Ende der Trost-Orgel besiegelt worden.

Das Schicksal der Trost-Orgel stand also - wie gesagt - auf der Kippe. Doch die ganze Angelegenheit ging positiv aus, denn die Antwort des Staatsministeriums vom 27. Mai 1920, unterzeichnet mit dem Namen Mehnert, lautete: "Wir halten es für wünschenswert, daß die Schloßkirche ihrer Bestimmung erhalten bleibe und an hohen Feiertagen Gottesdienste dort stattfinden. Deshalb bitten wir, die Orgel in ihrer jetzigen Gestalt unversehrt zu lassen und keine Teile von ihr zu verkaufen".

Dies hatte zur Folge, dass die Orgel in der Herzogin-Agnes-Gedächtniskirche 1924 entsprechend den Wünschen des Agnes-Kirchen-Organisten Emil Rödger von der Orgelbaufirma Sauer aus Frankfurt/Oder umgebaut und wesentlich erweitert wurde.

Das war eine vernünftige Entscheidung. Die Trost-Orgel hingegen musste noch lange Zeit ein trostloses Dasein ohne die Prospektpfeifen fristen und erlangte erst nach fast 55 Jahren ihren alten Glanz zurück. Aber die sinnlose Ausplünderung blieb ihr damit erspart.

Felix Friedrich

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