Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -1 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
"Ich spare eine Dreiviertelstunde"

"Ich spare eine Dreiviertelstunde"

Es war der erste Härtetest für die neuen S-Bahnen. Gestern musste sich der Leipziger City-Tunnel zum ersten Mal im Berufsverkehr bewähren.

Altenburg/Leipzig.

Seit Sonntag rauschen auch die Züge nach Altenburg halbstündlich durch das neue Bauwerk. Die Skatstädter sollen damit besser als bisher an die Messestadt angebunden werden. Die OVZ hat die Verbindung gestern Morgen getestet und Reaktionen der ersten Fahrgäste eingefangen.

 

Ein Blick auf die Stoppuhr macht klar: Mit den 38 Minuten hat es nicht geklappt. 44.52 Uhr zeigt das Ziffernblatt. Fast sieben Minuten später als versprochen kommt die S-Bahn am Altenburger Bahnhof an, nachdem sie am Markt in Leipzig losgefahren ist. Die meisten Fahrgäste in der vergleichsweise leeren S 5, die von Halle über Altenburg nach Zwickau fährt, stört die Verspätung am Morgen nicht. Schließlich ist es Tag 2 nach der Eröffnung des City-Tunnels. Kleine Pannen werden da schon mal verziehen.

 

Petra Hecke, Lehrerin am Altenburger Spalatin-Gymnasium, wird es jedenfalls noch pünktlich zum Unterricht schaffen. "Insgesamt spare ich durch den Tunnel fast eine Dreiviertelstunde an Zeit", freut sich die 40-Jährige, die Französisch und Deutsch gibt. Der Grund: Sie kann jetzt direkt in Leipzig-Connewitz in den Zug nach Altenburg steigen und muss nicht erst zum Hauptbahnhof fahren. Eine Verbesserung ergibt sich allerdings nur im Vergleich zum Baustellenfahrplan, wegen dem sich die Fahrzeit auf eine Stunde und zehn Minuten verlängert hatte. Im regulären Betrieb vor über einem Jahr fuhr die Bahn auch bloß eine Dreiviertelstunde. "Das macht jetzt nur einen Unterschied von ein, zwei Minuten", betont Petra Hecke.

 

Eine deutliche Verbesserung spürt dagegen Eberhard Wolter. Der Schlosser pendelt vierzehntägig von Leipzig nach Zwickau, um von dort aus mit Kollegen auf Montage nach Regensburg zu fahren. Vor Kurzem noch setzte er sich schon 8.16 Uhr in den Zug, heute steigt er eine halbe Stunde später ein - und kommt trotzdem noch pünktlich in Zwickau an. "20 Minuten spare ich", lobt der 64-Jährige. "Außerdem ist es bequemer, als mit dem Auto zu fahren", findet er und greift wieder zu seinem Roman, der aufgeklappt neben dem Sitz liegt.

 

Hardy Dummert rutscht am Morgen leicht nervös auf dem Polster hin und her. Der Berliner, der gerade seinen Abschluss in Kommunikationswissenschaft in der Tasche hat, muss pünktlich in Plauen ankommen und dafür in Werdau umsteigen. Die Bahn hat ein paar Minuten Verspätung, es könnte eng für ihn werden. "Wenn ich den Zug verpasse, hänge ich da eine Stunde fest", sagt er mit besorgter Miene. Der 33-Jährige hat in Plauen ein Vorstellungsgespräch beim Voigtland Radio. "Ich darf da auf keinen Fall zu spät kommen."

 

Auch Maria Bienemann bangt, ob sie ihren Anschlusszug in Werdau schafft. Die 76-Jährige ist in Magdeburg losgefahren und will zum Klassentreffen nach Bad Brambach. "Ich werde den Schaffner noch mal fragen, ob der Zug wartet", sagt die Rentnerin. Den City-Tunnel selbst findet sie übrigens klasse. "So großstadtmäßig", sagt Bienemann und beißt von ihrem Käsebrot ab. "Ein bisschen wie in Amerika."

 

Von der Architektur weniger begeistert ist Ralf Laue, der an der Westsächsischen Hochschule in Zwickau Informatik lehrt. "Langweilig und schmucklos", lautet sein Urteil zum neuen Tunnel. "Man hätte die Bahnhöfe gemütlicher gestalten können", findet der 45-Jährige und kritisiert vor allem, dass Bänke fehlen. Den Fahrplan hat er sich ausgedruckt, zufrieden ist der Professor aber auch damit nicht. "Man braucht eine Lupe, um den zu lesen", beschwert er sich. Dafür bringt ihn die S-Bahn nun ein bisschen schneller zu seinen Studenten. Eine Stunde und 16 Minuten dauert die Fahrt von Leipzig nach Zwickau. "Vor zehn Jahren fuhr die Bahn mal genau so schnell", erinnert sich Laue, seufzt und klappt seinen Laptop auf. Er nutzt die Zugfahrt effektiv - zum Arbeiten.

 

Ronja Hagemann will sich auf der Fahrt zu ihrer Hochschule in Glauchau lieber entspannen, sie nippt an einem Becher Kaffee. Die Maschinenbaustudentin ist in ihrem Heimatort Gerichshain in die Bahn gestiegen und am Leipziger Hauptbahnhof in den Zug nach Zwickau. Jetzt muss sie in Gößnitz ein zweites Mal umsteigen. "Wenn ich die Bahn nach Glauchau verpasse, komme ich zu spät zur Vorlesung", sagt die 22-Jährige. Den Tunnel selbst findet die junge Frau "ein bisschen protzig und überdimensioniert". Ronja Hagemann testete die neue S-Bahn schon am ersten regulären Tag. 0.06 Uhr fuhr sie am Sonntagmorgen von Leipzig nach Gerichshain - mit der allerersten Bahn. "Das lief problemlos", lobt sie. Einziges Manko: Der Automat konnte ihren Geldschein nicht wechseln.

 

Eine Premiere ist die Fahrt gestern nicht nur für viele Fahrgäste. Auch Kundenbetreuer Peter Neumann ist das erste Mal auf der Strecke nach Altenburg im Einsatz. "Viele fragen nach Anschlüssen und ob sie links oder rechts aussteigen müssen", berichtet der 56-Jährige, der vorher auf der Strecke Leipzig - Halle unterwegs war. Die Verbindung nach Zwickau ist für ihn Neuland. "Ich muss mich erst einarbeiten." Gemeckert wurde bisher noch nicht sehr viel, sagt Neumann. "Die meisten Menschen haben Verständnis, wenn nicht alles nach Plan läuft."

Gina Apitz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Altenburg
Außenansicht der Agneskirche
Ein Spaziergang durch die Region Altenburg
  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Jahrtausendflut 2002

    Entlang von Mulde, Elbe und Pleite brach im August 2002 eine verheerende Flutkatastrophe herein. Die LVZ zeigt eine Bestandsaufnahme. mehr

  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • Leserreisen
    Leserreisen

    Kreuzfahrt in der Karibik, Städtetour durch die Toskana oder Busreisen in Deutschland - die Leserreisen der LVZ bieten für jeden Anspruch genau das... mehr

  • LVZ-Kreuzfahrtmesse
    Infos zur LVZ-Kreuzfahrtmesse

    Willkommen an Bord: Am 22. Oktober 2017 luden LVZ und Vetter Touristik zur 1. Kreuzfahrtmesse ein. Hier gibt es einen Rückblick. mehr

  • LVZ-Fahrradfest 2017
    Logo LVZ-Fahrradfest

    Das 13. LVZ-Fahrradfest lud am 14. Mai 2017 wieder Radler ein, gemeinsam in die Pedalen zu treten. Fotos, Videos und Infos finden Sie in unserem Sp... mehr