Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Jahrhunderthochwasser II

Jahrhunderthochwasser II

Ein neuer Höchststand von Pleiße und Sprotte, Regionen werden zu Seenlandschaften. Wassermassen verschlucken Straßen und Häuser. Und Dauerregen lässt die Pegel weiter ansteigen.

Altenburg.

Das Hochwasser, dass das Altenburger Land heimsucht, übertrifft nach Experten- aussagen sogar jenes von2002. Und das wurde vor elf Jahren als Jahrhunderthochwasser eingestuft.

 

 

 

Normalerweise sind Kreisbrandinspektor Uwe Engert und Altenburgs Polizeichef Andreas Pöhler bei der Wortwahl eher zurückhaltend. Die Hochwasser-Situation, die sich seit der Nacht zum Sonntag immer weiter verschärft, bezeichnen aber beide übereinstimmend als "dramatisch".

 

"Das wars noch nicht", ahnt schon Freitagnachmittag der Nobitzer Bürgermeister Hendrik Läbe, als kurzzeitig der Pleißepegel sinkt und er seine Feuerwehrleute zum Luftholen heimschicken kann. Er hat recht: Die Situation spitzt sich weiter zu. Als die Pleißefluten in der Nacht zum Sonntag einen erst Stunden zuvor aufgeschütteten Notdamm zu einem Saaraer Wohngebiet schlucken und die gesamte Siedlung fluten, ist ein Höhepunkt erreicht.

 

"Beim Telefonat um vier Uhr mit dem Nobitzer Bürgermeister ist klar, dass sich die Situation weiter zuspitzen würde und sogar Evakuierungen bevorstehen", sagt Uwe Engert. Deshalb wird gestern früh Punkt sechs Uhr der zentrale Krisenstab im Landratsamt einberufen - erstmals wieder seit den Hochwassern vom Januar 2011. In dem Stab koordinieren Experten sämtlicher Hilfs- und Rettungsdienste alle Maßnahmen. Die Nachrichten, die am späten Vormittag aus dem Gremium kommen, klingen entsprechend.

 

"Nahezu sämtliche Straßen rechts und links von Pleiße und Sprotte sind vom Wasser bedroht oder schon wegen Überflutung ganz gesperrt", berichtet Polizeichef Pöhler. Am frühen Morgen sei in der Inspektion der Dienststellenalarm ausgerufen worden, was heißt, dass sich sämtliche verfügbaren Beamten in Bereitschaft zu halten haben. Das gilt bei den Feuerwehren ohnehin. "Es gibt aber im Kreis noch Feuerwehren, die noch nicht im Hochwassereinsatz stehen", sagt Engert und nennt Wehren im Raum Lucka sowie Meuselwitz, in der Verwaltungsgemeinschaft Oberes Sprottetal sowie Altenburger Land. "Aber die werden wir alle als Reserve brauchen, um erschöpfte Feuerwehrleute ablösen zu können."

 

Eine Straße nach der anderen geht in den dreckig-braunen Fluten unter. An der von der Pleiße überfluteten Trasse von Selleris nach Saara steht am Mittag der fassungslose Bundestagsabgeordnete der Linken, Frank Tempel. "Guck mal hier hinüber", sagt er und zeigt auf Kleingärten zu seiner Rechten, die komplett unter Wasser stehen. Und immer wieder finden sich Schaulustige an der neu gezogenen Wasserkante ein und starren auf die weite Wasserfläche, die so gar nichts mit dem beschaulichen Flüsschen Pleiße zu tun hat.

 

"Mit Kindergarten wird es morgen wohl nichts, Mausi", sagt eine Mutti, die ihre kleine Tochter so festhält, als hätte sie Angst, die Fluten könnten plötzlich in ihre Richtung springen.

 

Und die Hiobsbotschaften wollen nicht abreißen: Gegen 12.30 Uhr wird bekannt, das die Koberbach-Talsperre in Sachsen übervoll ist und jetzt unkontrolliert überlaufen wird. Das zusätzliche Wasser rauscht in die ohnehin schon übervolle Sprotte und weiter in die Pleiße. Ein Flutwelle droht.

 

Eine halbe Stunde später ziehen sich die Helfer aus Lehndorf zurück. In dem schon zum Großteil evakuierten Ort kann niemand mehr etwas tun. Auch Großstöbnitz an der Sprotte stehe "hart auf Kante", wie ein Helfer berichtet, später wird es ebenfalls aufgegeben.

 

In seiner Heimatstadt Gößnitz schaut sich derweil Hartmut Schubert um. Der Sozialstaatssekretär schüttelt immer wieder den Kopf. Vor elf Jahren hatte der SPD-Politiker als Vizelandrat noch Anteil an der Koordinierung der Hilfsmaßnahmen sowie dem Aufbau neuer Schutzmaßnahmen. "Natürlich bin ich froh, jetzt solche Bauwerke zu haben. Aber deren Schutz ist endlich. Geht es über die Werte eines Jahrhunderthochwassers, wird die Stadt geflutet."

 

Darauf bereitet man sich in der Pleißestadt intensiv vor. Im zentralen Auslieferungslager für Neuwagen, wo vor elf Jahren weit über hundert Autos Opfer des Wassers wurden, werden schon seit dem Vormittag die Wagen an sicherere Orte gebracht. Und 16 Bewohner aus der Simon-Cellarius-Straße, 2002 ebenfalls unter Wasser, suchen ein Notquartier auf. Doch alle Befürchtungen werden übertroffen: Am späten Nachmittag muss in großem Maßstab evakuiert werden, Fahrzeuge dürfen nur noch raus. Und gegen 19 Uhr bricht ein Damm am Jugendklub, die Stadt läuft voll Wasser.

 

Derweil scheint in Altenburg noch sonntägliche Ruhe zu herrschen. Nach draußen aber müssen die Feuerwehrleute, die schon am Vormittag in die Gerätehäuser einrücken. In Paditz steht der Ortskern schon lange unter Pleiße-Wasser. "Hier säuft noch mehr ab", ahnt am frühen Nachmittag ein vorbeieilender Feuerwehrmann.

 

"Die Situation ist seit Stunden sehr angespannt. Und eine Entschärfung ist nicht absehbar", sagt Kreisfeuerwehrchef Uwe Engert gegen 15.30 Uhr. Übertrifft dieses Hochwasser jenes von 2002? Engert bestätigt das. Und da steht die Nacht noch aus.

Jörg Wolf

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Altenburg
  • Sparkassen Challenge
    Logomotiv der Sparkassen Challenge 2017

    "Sport frei!" heißt es auch 2017 bei zahlreichen Wettkämpfen der Sparkassen-Challenge. Alle Events mit vielen Fotos finden Sie hier! mehr

  • Gutes von hier

    Das regionale Schaufenster mit Produkten und Dienstleistungen aus dem Leipziger Raum - von traditionell bis innovativ. Gutes von hier eben! mehr

  • Jahrtausendflut 2002

    Entlang von Mulde, Elbe und Pleite brach im August 2002 eine verheerende Flutkatastrophe herein. Die LVZ zeigt eine Bestandsaufnahme. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • LVZ-Sommerkino im Scheibenholz
    LVZ Sommerkino im Scheibenholz: Alle Infos zu Filmen, Ticketverkauf und dem Rahmenprogramm.

    Das LVZ-Sommerkino lud wieder zu unterhaltsamen Filmabenden ins Scheibenholz ein. Sehen Sie hier einen Rückblick in Fotos und Geschichten. mehr

  • LVZ-Fahrradfest 2017
    Logo LVZ-Fahrradfest

    Das 13. LVZ-Fahrradfest lud am 14. Mai 2017 wieder Radler ein, gemeinsam in die Pedalen zu treten. Fotos, Videos und Infos finden Sie in unserem Sp... mehr