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Jede Akte ein Schicksal

Jede Akte ein Schicksal

Der Fachdienst Unterhalt und Vormundschaften des Landratsamtes hat immer mehr zu tun. Wie Leiterin Rosemarie Matuszewski auf OVZ-Nachfrage sagte, habe sich etwa die Zahl der Beistandschaften in den vergangenen sechs Jahren fast verdoppelt.

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Akten, Akten, Akten - und in jeder steckt eine Geschichte. Rosemarie Matuszewski in ihrem Reich. Fotos: Mario Jahn

Quelle: Mario Jahn

Mussten ihre Mitarbeiter 2006 in 278 Fällen die Rechte von unterhaltsberechtigten Kindern vertreten, so taten sie das im vergangenen Jahr 441-mal. 2011 waren es sogar 499 Fälle. Ähnliche Tendenzen gibt es auch in anderen Aufgabenbereichen.

 

 

 

Dass die Beistandsfälle 2012 erstmals seit Jahren sanken, führt Matuszewski vor allem auf zwei Gründe zurück. "Das liegt daran, dass sie durch Wegzug beendet wurden und an den geburtenschwachen Jahrgängen", erklärt die 62-Jährige. Das ansonsten rasante Ansteigen der Zahlen liege am Phänomen einer immer stärker individualisierten Gesellschaft. "Heutzutage lässt es sich leichter scheiden, oder man heiratet erst gar nicht, wodurch man sich noch schneller trennen kann." Das unterstreicht Landrätin Michaele Sojka (50, Linke): "Den Kindern wird das zunehmend vorgelebt. Da leidet die Konfliktfähigkeit, einen Streit auch mal auszuhalten und ihn anders beizulegen."

 

Wie kleine Rechtsanwälte

 

Zwei Mitarbeiter kümmern sich in Vollzeit im Fachdienst darum, rechtlichen oder vermittelnden Beistand zu leisten. "Das sind Diplom-Verwaltungswirte", sagt Matuszewski. Diese seien nötig, weil man eine komplizierte und sich ständig ändernde Rechtsprechung durchschauen müsse. "In diesem Bereich geht es darum, Unterhaltsforderungen von Kindern durchzusetzen - bis vors Oberlandesgericht. Dann arbeiten wir wie kleine Rechtsanwälte." Da dieser Bereich enormes Streitpotenzial berge, müsse ein Verwaltungsmitarbeiter hier aber auch Mediator sein. "Denn er muss immer den Kontakt zu Mutter, Vater und dem Gericht halten." Rund 240000 Euro Unterhalt habe man im vergangenen Jahr für Kinder reingeholt.

 

Je höher diese Summe ist, desto weniger muss die Verwaltung selbst in die Hand nehmen. Denn kann ein Elternteil nicht zahlen, weigert sich oder ist schlichtweg unbekannt, muss im Zweifel der Kreis einspringen. "Im Bereich Unterhaltsvorschuss geht es um Alleinstehende mit Kind, bei denen ein Vater oder eine Mutter ihren Unterhaltsverpflichtungen nicht nachkommt", so Matuszewski. Der Vorschuss in Höhe von 133 (bis sechs Jahre) beziehungsweise 180 Euro (bis zwölf Jahre) sei eine Sozialleistung für die finanzielle Absicherung. "Hier haben wir die Aufgabe, das Geld vom Verpflichteten zurückzuholen." Das gleiche oft Detektivarbeit, bei der es etwa gelte, verschollene Väter zu finden oder den tatsächlichen Verdienst eines Selbstständigen zu ermitteln, was nicht immer einfach sei.

 

1,6 Millionen Euro Außenstände

 

Die vier Mitarbeiter haben es allein in diesem Bereich mit 2174 Akten zu tun. "698 Verfahren laufen, der Rest besteht aus Rückgriffen aus Vorjahren bis 1992", erklärt die Fachdienst-Chefin. "Dabei muss jede Akte jedes Jahr einmal in die Hand genommen werden, um die Verwirkung zu unterbrechen." Auf knapp 1,6 Millionen Euro wuchs der Berg an offenen Forderungen von säumigen Unterhaltspflichtigen über die Jahre. "Davon sind 99 Prozent Väter und ein Prozent Mütter", berichtet Matuszewski. Geschlechterspezifische Unterschiede gebe es ansonsten keine.

 

Allein 1,18 Millionen Euro hat der Kreis 2012 für Unterhaltsvorschuss ausgegeben und damit fast 200000 Euro mehr als noch vier Jahre zuvor. Davon holte der Fachdienst im vergangenen Jahr 128000 Euro von säumigen Zahlern zurück, wovon allerdings noch ein Drittel ans Land floss. "2011 hatten wir eine Rückholquote von 14,28 Prozent, was exakt dem Thüringer Schnitt entspricht", sagt Vize-Landrätin Christine Gräfe (66, CDU). Dieser umfasse eine Spanne von sieben bis 27 Prozent. "2001 lagen wir bei 20 Prozent, damals hatten wir aber mehr Mitarbeiter."

 

Sparen durch mehr Personal

 

Dass mit mehr Personal eine höhere Rückholquote und damit auch Spareffekte möglich sind, zeigen aktuelle Studien, so Gräfe. "Deshalb bemühen wir uns, dem Kreistag zu erklären, dass die Rechnung weniger Einwohner gleich weniger Personal nicht aufgeht." Schließlich liege hier wie auch im gesamten Bereich der Sozialhilfe ein großes Einsparpotenzial. "Nur vom Schreibtisch aus lässt sich das aber nicht machen."

 

Zehn Leute sind derzeit im Fachdienst Unterhalt und Vormundschaften beschäftigt. Eine seit Jahren in etwa konstante Zahl - nur die Arbeit wurde immer mehr. "Weil die Arbeitsbelastung größer wird, erhöht sich auch der Krankenstand", erklärt Matuszewski. Zwar dürfen die beiden Mitarbeiter im Bereich Vormund- und Pflegschaften seit einer Gesetzesänderung von 2010 nicht mehr als 50 Vormundschaften gleichzeitig innehaben. "Aber die Zahl der Ergänzungspflegschaften ist ansteigend", so die 62-Jährige. Dabei gehe es vor allem um die Vertretung in Prozessen bei Kindeswohlgefährdung, Misshandlung oder Vaterschaftsaberkennungen.

 

Der Verwaltung ein Gesicht geben

 

Auf diesem Gebiet ist die Belastung besonders hoch. Schließlich sei ein Vormund Elternersatz, weshalb es gerade hier wegen des stetigen persönlichen Kontakts zum Kind und dessen Umfeld emotionale Bindungen gebe, berichtet die frühere Lehrerin. "Man muss sich klarmachen, dass wir über die Zukunft des Kindes entscheiden. Da kann man die Akte abends nicht einfach zumachen, sondern nimmt die Probleme mit nach Hause." Zudem gebe es hier eine persönliche Haftung der Mitarbeiter.

 

All das bringt die Landrätin zu einem kritischen Befund. "Die Arbeit wird auf immer weniger Leute verteilt", sagt Sojka. "Im Fachdienst muss man strukturell nichts ändern, weil er gut aufgestellt ist, aber generell." Sie wolle weg von der destruktiven Personaldiskussion im Kreistag hin zu mehr Verständnis. "Deshalb starten wir eine Charme-Offensive und wollen der Verwaltung ein Gesicht geben." © Kommentar

Thomas Haegeler

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