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Jeder Zehnte sitzt in der Schuldenfalle

Jeder Zehnte sitzt in der Schuldenfalle

Wer arbeiten geht, dem geht es auch gut. Diese bundesdeutsche Auffassung aus den 1980er-Jahren stimmt heute nicht mehr zwangsläufig. Working poor, arm trotz Arbeit, ist längst kein rein amerikanisches Phänomen mehr und auch in der Bundesrepublik inzwischen Alltag.

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Wenn es vorn und hinten nicht reicht: Jeder Zehnte im Altenburger Land steckt in der Schuldenfalle.

Quelle: dpa

Daran ändere auch der seit Anfang des Jahres geltende Mindestlohn nicht viel, erklärt Janett Helbig, Schuldnerberaterin in Altenburg.

 

"Wir stellen sogar fest, dass es seit der Einführung des Mindestlohns mehr Klienten geworden sind", sagt Janett Helbig. Denn eine Gruppe hat davon sowieso nichts, weil der Partner Arbeitslosengeld II oder umgangssprachlich Harz IV bezieht und damit das Einkommen des berufstätigen Partners in der sogenannten Bedarfsgemeinschaft bis auf die Freibeträge komplett verrechnet wird. Andere kommen durch den Mindestlohn gerade über die Grenze für den Anspruch auf Harz IV. Dann müssen sie jedoch alle anfallenden Rechnungen selbst begleichen. Was häufig zur Folge hat, dass dadurch nicht mehr Geld als zuvor zur Verfügung steht, manchmal ist es sogar weniger. Offene Miet-, Strom- oder Telefonrechnungen gehören zu den Klassikern, wie Menschen in die Schuldenfalle schlittern.

 

Auf diese Probleme will die bundesweite Aktionswoche der Schuldnerberatungen zwischen dem 15. und 19. Juni aufmerksam machen. Sie steht unter der Überschrift: "Arm und überschuldet - trotz Arbeit". Auch die Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatung im Altenburger Land beteiligt sich an der Aktion.

 

Im Durchschnitt ist etwa jeder zehnte Thüringer überschuldet. Von Überschuldung wird dann gesprochen, wenn die monatlichen Ausgaben regelmäßig die Einnahmen übersteigen. "Mit 9,89 Prozent liegt der Landkreis etwa im Landesmittel", nennt Janett Helbig den aktuellen Stand. Diese Quote hat sich in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert. 2006 betrug sie zum Beispiel 9,11 Prozent. Die meisten Klienten der Schuldnerberatung im Altenburger Land haben Außenstände zwischen 10 000 und 35 000 Euro. Damit liege die durchschnittliche Verschuldung etwas höher als noch Anfang der 2000er-Jahre, so Helbig.

 

Deutlich verändert hat sich dagegen die Zahl der Gläubiger. Hätten die Schuldner in den 90er-Jahren meist fünf bis sechs Gläubiger gehabt, seien es heute wegen des Internet-Handels bisweilen 100 und mehr. "Das hat natürlich unsere Arbeit stark verändert", erklärt die Schuldnerberaterin und verweist auf einen ihrer Klienten, der bei 320 Gläubigern offene Rechnungen hat. Nicht nur, dass so offenkundig mehr Arbeit für die Schuldnerberater aufläuft, auch das Finden einer Lösung wird deutlich schwieriger. "Aber auch das ist nicht unmöglich", betont Janett Helbig.

 

Anders sehe der Fall aus, wenn die Betroffenen zu lange warten. Viele kämen nämlich erst, wenn der Möbelwagen für die Zwangsräumung bereits unterwegs ist oder der Strom in wenigen Stunden abgeschaltet wird. In solchen Situationen fehle meist tatsächlich die nötige Zeit, um solche Zwangsmaßnahmen noch zu verhindern. "Ich kann daher allen nur ans Herz legen, nicht zu lange zu warten und sich beizeiten bei uns Hilfe zu suchen." Niemand brauche Scham oder Angst haben. Die Schuldnerberatung sei kein Amt, betont Helbig, die aus Erfahrung weiß, dass viele glauben, sich rechtfertigen zu müssen. "Das ist aber nicht nötig. Im Gegenteil, das hilft nicht. In der Schuldnerberatung geht es nur um die Zukunft und ums Finden von Lösungen. Außerdem ist bei uns alles freiwillig und auch kostenlos."

 

Neben den prekären Arbeitsverhältnissen - damit werden alle Jobs bezeichnet, die nicht darauf angelegt sind, dauerhaft den Lebensunterhalt abzusichern - sind Arbeitslosigkeit, Scheidung oder der Tod des Partners die häufigsten Gründe, wie aus einer normalen Verschuldung eine Überschuldung wird. Derzeit betreut die Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatung im Altenburger Land 662 Klienten, die davon betroffen sind. Meist dauere es zwischen sechs und acht Jahren, ehe der Klient entschuldet ist.

 

Zu diesen Fällen kommt noch die tägliche Laufkundschaft, Leute, die meist "nur" eine Pfändungsschutzkonto-Bescheinigung benötigen. "Wir sind im Landkreis die Einzigen, die solche Bescheinigungen ausstellen. Die braucht ein Schuldner, damit sein Konto nicht gepfändet werden kann, zumindest nicht bis zum Freibetrag von aktuell 1045 Euro", erläutert Helbig und fügt an, dass der Freibetrag ab 1. Juli auf 1073 Euro steigt. © Kommentar Seite 11

Jörg Reuter

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